Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Otto Scholderer Weinglas und Birnen

DAS STILLEBEN IN DE R DEUTSCHEN
UND FRANZÖSISCHEN MALEREI
VON GEORG BIERMANN
Immer wieder überrascht die Kunstgeschichte durch die besondere Art ihrer
thematischen Fragestellung, wenn einmal versucht wird, an neuen Aufgaben
Wechselbeziehungen aufzuzeigen und einzelne Dokumentationen der Kunst
einem größeren Gesichtsfeld einzugliedern. Man spricht so gern von einer
lebendigen Kunstwissenschaft und denkt dabei immer zuerst an eine Neu-
organisation des europäischen Sammelwesens. Dabei übersieht man viel zu
leicht die Wandlungen, die sich grade auf dem Gebiet der Ausstellungen in
den letzten Jahren — wenigstens bei uns in Deutschland — vollzogen haben
und zwar nicht nur im Hinblick auf das allgemeine Niveau, das sehr viel
besser geworden ist, sondern mehr noch in bezug auf die Fixierung des Pro-
gramms. Das gilt nämlich heute viel weniger der Heraushebung einer Einzel-
persönlichkeit, als vielmehr der Verdeutlichung einer Epoche oder einer Ge-
samtbewegung von mindestens europäischem Ausmaß. Die Kunst dient heute
mehr denn je sogar der Aufklärung unter den Menschen, da sie vor allem die
feinsten Unterscheidungsmerkmale in der seelischen Struktur der Völker er-
kennen läßt. In diesem Zusammenhang ist aber grade eine zurZeit in Berlin ge-
zeigte Kunstschau der Galerie Matthiesen, die den gleichen Titel wie die Über-
schrift dieses Beitrags trägt, besonders aufschlußreich, ganz abgesehen von den
vielen Überraschungen, die sie im einzelnen bereit hält.
Wer z. B. hätte überhaupt daran gedacht, daß die Stillebenmalerei solche
Variationen gestattet, wie sie hier zutage treten. Aber wieder einmal zeigt
sich, daß höchste Qualität in der Kunst auch bei noch so einseitiger Themen-
stellung die Langeweile von vornherein bannt. Eindeutigkeit der Problem-
stellung wird zum künstlerischen Erlebnis und das letzte Fazit der Betrachtung
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