Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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SAMMLER UND MARKT

C A S P A R D A V I D F RIE D RIC H: D E R
SOMMER
VON KURT KARL EBERLEIN
Im Januar 1808 schrieb der Dresdener Biblio-
thekar Semler, der sich als Kunstschriftstel-
ler durch eine Theorie der Landschaftsmale-
rei bekanntgemacht hat, für Bertuchs „Jour-
nal des Luxus und der Moden“ (Nr. 3, März
1808) einen Aufsatz: Klinskys allegorische
Zimmerverzierungen und Friedrichs Land-
schaften in Dresden. Die Idee der allegori-
schen Zimmerverzierung hatte Semler schon
im Jahre i8o5/6 behandelt, und der Archi-
tekt Klinsky hatte nun in vier Zimmern eines
Gutes bei Leipzig die Jahreszeiten und Le-
bensalter dargestellt. Über diesen seltsamen,
nie beachteten Zusammenhang der Zimmer-
verzierung mit der neuen Landschaftsmalerei
der Romantik sei ein andermal eingehender
gesprochen, hier sei nur auf die Sommerland-
schaft Friedrichs hingewiesen, die Semler in
dem genannten Aufsatz beschreibt. Damals
hatte gerade der Künstler einen Zyklus alle-
gorischer Jahreszeiten und Lebensalter in vier
Landschaften in Arbeit. Der Winter (schnee-
bedeckte Ruine zwischen alten Eichen, unter
denen ein alter Mönch nachdem Eingang eines
Kirchhofes zuwankt) war noch unfertig, aber
die hier abgebildete Sommerlandschaft war im
Januar 1808 schon vollendet. Die sommer-
liche Tallandschaft mit dem stillen Wiesen-
fluß hat durch die Liebenden in der Laube
mit Tauben, Blumen, Büschen — Semler
nennt diesen Vorgrund einen „Garten der
Liebe“ — eine so deutliche Allegorie für Jah-
reszeit und Lebensalter erhalten, daß der Be-
deutungsgehalt sofort klart wird. Das Bild,
vorzüglich erhalten, zeigt die ganze Feinheit
gepflegter Lasurmalerei, die in der Land-
schaft aquarellartig zart die grünen Wiesen,
die gelben Sandbänke, die bläulichen Berge
mit einem duftigen gelben Himmel verschwe-
ben läßt, der oben erblaut. Der Vorgrund
zeigt deutlich die Faktur, die sorgsame Vor-
zeichnung der Feder, über der die Imprimi-
tur liegt. Das graphische Wesen der zeichneri-
schen Sepiatechnik, die der Künstler meister-
lich beherrschte, wird hier besonders deutlich.
Auch offenbart sich das genaue Studium der
Natur in Pflanzen und Blumen, die zugleich
der Fernlandschaft als Repoussoir dienen. Die
Figuren, die Tauben, die Blumen sind pasto-
ser gemalt, so daß das lichte Bordeauxrot
des männlichen, das lichte Weiß des weibli-
chen Gewandes, die weißen Tauben und Li-
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lien, die gelben Sonnenblumen, die purpur-
roten Rosen, die roten und blauen Blüten-
tupfen aus dem warmen Grün hervorleuchten.
Diese zarte Naturlandschaft mit der klassizi-
stischen Allegorie der Liebeslaube erweist das
romantische Doppelwesen dieser Frühkunst
und macht gerade dies Bild zu einem Muster-
beispiel der neuen allegorischen Landschafts-
malerei. Semler rühmt in seinem Aufsatz die
Bildwelt „dieses christlichen Ossian“, den er
schon im Jahre 1807, bei Besprechung einiger
Sepiablätter, den „Jean Paul unter den Far-
benkünstlern“ genannt hatte, „weil er wie
dieser Schriftsteller die abstraktesten Ideen
auffaßt und sie mit einer Energie und Wahr-
heit wiedergibt, die beide, den Geist und das
Herz, unwiderstehlich ergreift“. Dies bedeu-
tende Jugendwerk Friedrichs, das eine Zeit-
lang als Leihgabe in der Dresdener Galerie
hing und mit seinem Gegenstück, dem Win-
terbild, dem Kunsthändler P. Rusch in Dres-
den gehört, fand schon in meinem Friedrich-
buch (Bekenntnisse. Klinkhardt u. Biermann,
Leipzig, 1924. Tafel VI) verdiente Beach-
tung, sei aber hier in größerer Aufnahme
den Freunden Friedrichs bekanntgemacht.
EIN UNBEKANNTES DOPPELBILDNIS
VON ANTOINE PESNE
Kunstgeschichtlich und nicht minder auch
rein künstlerisch war die von der Galerie
Goldschmidt-Wallerstein, Berlin im letzten
Monat veranstaltete Sonderausstellung von
Bildern Antoine Pesnes (i683—1757) aus
Berliner Privatbesitz eines der reizvollsten Er-
eignisse. Eine solche Veranstaltung hätte in
der Öffentlichkeit einen noch stärkeren Wi-
derhall finden müssen, wenn das Bewußtsein
vom Heutigen, das so gern Fäden nach rück-
wärts spinnt, angesichts solcher historischen
Tatsachen und unbeeinflußt von dem übri-
gen kaum noch übersehbaren Berliner Aus-
stellungsbetrieb eines einzigen Monats wirk-
lich auf seine Kosten gekommen wäre. Aber
diese Ausstellung war eine Tat, nicht nur im
Sinne unserer wiedererwachten Liebe für das
Rokoko, sondern mehr noch hinsichtlich der
geschichtlichen Fixierung eines Meisters, der
bisher zweifellos einseitig unterschätzt geblie-
ben ist. Denn Pesne, obwohl in Paris geboren,
rechnet durchaus zur deutschen Kunstge-
schichte seiner Zeit. Äußerlich gesehen war er
Diener zweier preußischer Könige und was
er als solcher an höfischen Bildnissen geschaf-
fen, fügt sich nach Geste und Qualität erst-
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