Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

Page: 439
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1927/0461
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
FRANZÖSISCHE BILDER UND DEUTSCHE
EXPERTISEN VON ALFRED GOLD
Frankreich hat im vorigen Jahrhundert die großen Maler gehabt, aber Deutsch-
land die notwendige Literatur dazu gemacht. Das gilt uns als Tatsache. Wirk-
lich haben ja relativ früh Muther und Heilbuth und später andere Deutsche
die Impressionisten verkündet, und Meier-Graefe schreibt heute noch die meist-
gelesenen und sachlich wertvollsten Bücher über jene Schule. Wir sind also
die Kenner, als solche aber lieben wir es, wissenschaftliche Expertisen abzu-
geben, wobei wir vielleicht nur ein wenig übersehen, wie sehr die Kunst der
Courbet und Manet und ihrer Nachfolger (von dem einzigen wirklich ver-
kannten Cezanne zu schweigen) in ihrem Mutterlande Frankreich schon gleich
bei ihrem Entstehen auch ihre Verehrer und theoretischen Erläuterer fand,
und wie alt infolgedessen dort im Vergleich zu unserer jüngeren Begeisterung
die »Kennerschaft« ist.
Wir geben in Deutschland Expertisen, vor allem weil wir dieses Gewerbe
schätzen, viel mehr als man das in Frankreich tut. (Der einzige Theodore Duret,
der famose alte Historiker, der in seinen letzten Jahren es mit Expertisen ver-
suchte, hat damit sehr schnell abgewirtschaftet.) Bei uns hängt diese Vorliebe
damit zusammen, daß man bei uns auf die Stilkritik baut, ja schwört, wäh-
rend man in Frankreich dieser Stilkritik —und auf ihr vor allem wächst die
sogenannte wissenschaftliche Expertise — zurückhaltend und mißtrauisch
gegenübersteht. Das gilt u. a. schon für die alte Kunst, und da hat kein Ge-
ringerer als Max J. Friedländer auf den charakteristischen Gegensatz der deut-
schen und der französischen Methode hingewiesen. Erst kürzlich betonte er
das in diesen Blättern, in einem Referat über neuere stilkritische Literatur. —
Die Geschichte der französischen Primitiven z. B. wird in Frankreich anders
geschrieben als in Deutschland. Zumindest ihrer Überlieferung nach, auch
wenn sich in späteren Jahren eine gewisse Angleichung an deutsche Methoden
eingestellt haben sollte, ist die französische Geschichtsschreibung zumeist nur
chronikhaft. Wo keine Beweise vorliegen, gilt das Fragezeichen; dieses Frage-
zeichen wird niemals vertuscht oder beschönigt. Im Louvre gibt es heute
noch keinen einzigen als sicher anerkannten Jean Clouet trotz aller alten Zu-
schreibungen, und das Bildnis Pierre Quthe wird allein dem jüngeren Clouet
gegeben, weil es vermöge der ebenso schön erhaltenen alten Inschrift wie Ma-
lerei wirklich niemand anderem zugeschrieben werden kann. Gewiß wird die
wissenschaftliche Schärfe deutscher Bestimmungen auch in Paris nicht unter-
schätzt; vielleicht wird sie sogar — einmal! — auch dort Schule machen. Im
wesentlichen hat sich der Gegensatz der beiden Länder nicht geändert.
Doch ich wollte hier von der neueren Malerei reden, vom tg. Jahrhundert,
und davon, wie weit wir gerade auf diesem Gebiete unserem deutschen Hang
nach Expertisen nachgeben sollen — dürfen! Daß damit eine Gefahr ver-
bunden ist, um so größer, je unkritischer wir selber zu dieser Neigung stehen,
ist wohl von vornherein klar; und ebensowenig wird geleugnet werden können,
daß man in Deutschland die oft groteske Übertreibung, mit der man bei uns
Kunstkenntnis und Kunsthandel von einer »geeichten« Expertise abhängig
machen möchte, zumeist gar nicht sieht. Dafür gibt es hierzulande zu viele

439
loading ...