Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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DIE KUNST DES ALTEN AMERIKA UND DIE
ALTE WELT von leonhard adam
Schon die Überschrift dieses Aufsatzes hätte noch vor zwanzig Jahren bei den
Ethnologen ein Kopfschütteln hervorgerufen, ganz besonders aber bei den
Amerikanisten von Fach. Stand es doch noch bis vor verhältnismäßig kurzer
Zeit für alle ernsthaften Vertreter der amerikanischen Altertumskunde fest, daß die
altamerikanischen Kulturen, von nordostasiatischen relativ geringen Einflüssen
abgesehen, auf amerikanischem Boden entstanden seien und sich ohne Einwir-
kungen von Westen her entwickelt hätten. Die moderne Amerikanistik bildete
mit dieser Anschauung einen scharfen Gegensatz zu den Phantasien vergangener
Jahrhunderte, die, unter dem Druck des biblischen Dogmas, unter allen Um-
ständen versuchen wollten, wenigstens die hohen Kulturen Mittelamerikas als
abhängig von den Kulturen des europäischen, vorderasiatischen und ägyptischen
Altertums zu bestimmen. Manche monumentalen mexikanischen Skulpturen
erinnern tatsächlich an ägyptische, also hielten die einen die Mexikaner für
Nachkommen der Ägypter. Anderen fielen die durch künstliche Deformation
bewirkten großen Gesichtswinkel der Mayavölker und die Adlernasen vieler
Indianer überhaupt auf, worauf sie meinten, es handle sich um die Nachkom-
men der zwölf israelitischen Stämme. Eine besondere Stütze erhielten diese
phantastischen Theorien durch die selbst in der Neuzeit noch aufgetauchten,
ebenso phantastischen Ideen von einem sagenhaften, untergegangenen Kontinent
Atlantis. Auf der anderen Seite standen solider auftretende Hypothesen von
der nordostasiatischen Herkunft aller amerikanischen Urstämme. Dieser An-
sicht war z. B. auch Alexander v. Humboldt. Auf polynesische Einflüsse wiesen
schon vor längerer Zeit Forscher wie Mitchell und Pickering hin. Zog man aber
von den rein hypothetischen Momenten die wenigen wirklich wissenschaftlich
gestützten ab, so blieb kaum ernsthaft Beachtenswertes übrig. Darum verhielten
sich die Vertreter der Völkerkunde lange Zeit mit Recht ablehnend, während
Außenstehende, zu denen sich später die ja noch jungen Freunde exotischer
Kunst gesellten, sich gern über den Boden gesicherter Tatsachen hinaus in die
luftigen Höhen abenteuerlicher Spekulationen über allerhand angeblich aus
der »Stilvergleichung« ersichtliche »Einflüsse« erhoben.
Nun ist es heute eine feststehende Tatsache, daß eine Anzahl amerikanischer
Urstämme schon in vorkolumbischer Zeit gewisse Berührungen mit Trägern
außereuropäischer Kulturen gehabt haben. Auf der anderen Seite muß auch
heute noch der Rassetypus des amerikanischen Eingeborenen, ungeachtet der
Mannigfaltigkeit in Größe, Hautfarbe und anderen Einzelheiten und abgesehen
von mongoloiden Einschlägen im Nordwesten als einheitlich und selbständig
betrachtet werden. Das gilt ebenso von der geistigen und materiellen Kultur
der einzelnen amerikanischen Urvölker. Die eine Einflußzone ist der Nord-
osten Kanadas und der Vereinigten Staaten. Daß die Normänner lange vor
Kolumbus Amerika erreicht hatten, war schon seit geraumer Zeit bekannt. In-
zwischen ist von einzelnen Ethnologen eine bestimmte Reihe von Kulturein-
flüssen ermittelt worden, so z. B. jüngst altisländische Rechtssymbole in Nord-
amerika durch den Berliner Ethnologen Dr. John Loewenthal. In einer ver-
dienstvollen Artikelserie »Zwölf Vorläufer des Kolumbus« hat der Direktor des

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