Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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VON LEONHARD ADAM

EIN CHINESISCHES RELIEF
Es stellt sich stets ein eigenartiges Gefühl ein, wenn man zum ersten Male ein
Kunstwerk zu Gesicht bekommt, das man vorher nur aus der Literatur bzw.
aus der Abbildung kannte. Erst dann kommt man zu einem Eindruck von
(subjektiver) Vollkommenheit, gewinnt man die Grundlage zu einem eigenen
Urteil. Das hier abgebildete Relief ist bereits von Oswald Sir en in seiner »Sculp-
ture Chinoise du Ve au XlVe siede«, Tome IV, PI. <5 65 A abgebildet und dort
p. 28 kurz besprochen; es ist auch auf Tafel 14 des Salmonyschen Kataloges
der Ausstellung ostasiatischer Kunst in Köln 192Ö reproduziert und befindet
sich zur Zeit im Besitze der Berliner Kunsthandlung Edgar Worch. Das Relief
stammt nach Siren aus Schantung; es ist aus grauem Sandstein, 74 cm hoch,
und gehörte früher zur Sammlung Grosjean in Peking. Dargestellt sind vier
nach einer Richtung schreitende Bodhisattvas in den langen, faltigen Gewändern,
mit denen die chinesischen Bildner die indischen bzw. gandhärischen ursprüng-
lich fast nackten, doch reich mit Binden und Ketten geschmückten Bodhisattva-
Gestalten in Anpassung an die chinesische Tracht zum umhüllen pflegten. Es
ist anzunehmen, daß diese Gestalten einer Buddhadarstellung zugewandt waren,


Buddhistisches Relief aus Schantung. Etwa 10. Jahrh n. Chr.

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