Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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RUNDSCHAU

NEW YORKER AUSSTELLUNGEN
Ausstellungen moderner Kunst haben jetzt in
New York derart überhand genommen und
scheinen so weites Interesse zu finden, daß
die Vertreter der sogenannten „konservativen“
Kunst sich plötzlich im Verteidigungszustände
sehen und sich um tun müssen, wie der Gefahr
am besten zu begegnen. In diesen Nöten ent-
schloß sich die National Academy zu dem
Kompromiß, den Modernen einen ihrer Säle
einzuräumen, in dem ausschließlich deren
Werke von einer besonderen, der Moderne
günstig gesinnten Jury ausgewählt, vorgeführt
werden sollten. Das Projekt ist bisher aber aus
irgendeinem Grunde gescheitert. Sein Entste-
hen ist jedoch eben sehr charakteristisch für
die Lage wenigstens in New York. Und daß es
auch anderswo zu wetterleuchten beginnt, be-
weisen „Unabhängige Ausstellungen“ in Bo-
ston und Washington. Die Grand Central Gal-
lerie gar, die eine Art Cooporativunterneh-
men mehrerer, eigentlich durchgehend „.kon-
servativer“ Künstler zum besseren Absatz
ihrer Werke ist, ging der Academy noch vor-
aus und beherbergt jetzt des öfteren sogar
Kollektivausstellungen von Anhängern der Mo-
derne, so jüngst eine solche Welt Kulms, der
in seinen figuralen Kompositionen auf musi-
kalische Rhythmen und Tonfärbungen aus-
geht.
Zur Abwehr, vielleicht auch zur Attacke haben
sich noch die Händler amerikanischer Kunst,
wie sie sich nennen, zusammengetan und eine


Merton Clivette. Rildnis von Walt Whitman
The New Galtery, New York

Gesellschaft gegründet, die jetzt zum ersten
Male gemeinsam in den Anderson Galleries
ausstellt, um dem Publikum die Creme der äl-
teren Kunst vorzuführen. Nun hängen zwar in
dieser umfangreichen Ausstellung einige aus-
gezeichnete Werke meist verstorbener Künst-
ler, wie der „Musicmaster“ Duvenecks, ein
Thayer, ein Innes, ein Twachtman und meh-
rere andere. Im großen und ganzen aber
herrschte Langweile und akademische Leere
in diesen Räumen und man möchte fast
glauben, daß diese Ausstellung so den entge-
gengesetzten Zweck erfüllen wird. Freilich
muß man sagen, daß die getroffene Auswahl
zum guten Teil eine wenig glückliche war.
Das kommt vielleicht daher, daß ebenso wie
viele „konservative“ Künstler jetzt innerlich
unsicher geworden sind, so auch die „konser-
vativen“ Händler, die die Zeichen der Zeit
zwar sehen, aber nicht begreifen. Und inzwi-
schen arbeitet der Sauerteig weiter.
In denselben Räumen der Anderson Galleries,
die wohl von ihren Auktionen her sich ge-
wöhnt haben, sowohl rechts wie links zu sehen,
hatte vorher die moderne Pioniergesellschaft,
die Societe Anonyme unter der Führung
der Miß Katherine S. Dreier eine
große, sicherlich agressive Ausstellung abge-
halten. an Umfang etwas konzentrierter als
die, die sie im Spätherbst im Brooklyn-Mu-
seum gezeigt, hatte. Daß dessen Direktor, Mr.
Fox, den jüngeren Künstlern aller Länder die
schönen und weiten Räume seines Museums
zur Verfügung stellt, ist ihm hoch anzurech-
nen.
Die Ausstellung der Societe Anonyme enthielt
Werke von Künstlern verschiedener Länder,
auch Deutschlands. Der Hauptakzent lag auf
dem Experimentellen. Auffallend war frei-
lich, wie so manche dieser Versuche schon ver-
altet, abgetan und peinlich anmuten. Der An-
regungen aber gab es viele und vielerlei.
Nachdrücklich zu Worte kamen Moderne auch
noch bei F. V. Duden sing, der auch eine
bedeutende Matisse-Ausstellung veranstaltete;
bei I. B. Neumann, der eifrigst sich be-
müht, neuen Talenten die Tore zu öffnen; bei
Brummer, der u. a. die abstrakten, von pul-
sendem Leben durchfluteten Skulpturen Bra-
cusis vorführte; ja sogar bei Knoedlers,
die den früher zu Scott und Fowles haltenden
E. Nadelmann in neuen, freilich wenig er-
freulichen Schöpfungen — Statuen von aller-
lei Zirkusdamen usw. — vorführten.
In der New Gallery, die seit einiger Zeit

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