Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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EIN UNBEKANNTER NORDDEUTSCHER
SCHNITZALTAR DES 14. JAHRHUNDERTS
VON HELLMUTH BETHE
Unter den norddeutschen Schnitzaltären mit rechteckigem Schrein, den Nach-
folgern der architektonisch aufgebauten Reliquienaltäre (Doberan, Cismar), galt
bisher allgemein der Grabower Altar des Meisters Bertram (1379—83) als das
älteste erhaltene Beispiel. Es gibt jedoch noch einen Flügelaltar, der, wenigstens
im Innern, zweifellos älter ist als der Grabower: den Altar der Kirche in Rossow
in der Ostpriegnitz.
Schon durch seinen Aufbau beweist der Rossower Altar eine relativ frühe Ent-
stehung. Bei ihm sind nämlich noch nicht wie bei allen norddeutschen Hoch-
altären seit dem Grabower Altar Schrein und Flügel fortlaufend mit Skulpturen
geschmückt, sondern nur der Schrein ist plastisch dekoriert, während die Flügel
beiderseitig bemalt sind. Der im Chor der Rossower Kirche aufgestellte Schrein
(Abb. 1) ist ein 2,15 m hoher und 3,20 m breiter Kasten, der einmal in der
Horizontalen und sechsmal in der Vertikalen geteilt ist. Das Obergeschoß ist
wie bei dein Doberaner und dem Oberweseler Altar höher als das untere. Die
Arkaden, von denen die oberen mit ihren Wimpergen noch an die Giebelwand
der Altäre von Doberan und Cismar erinnern, sind zwar in beiden Etagen gleich
hoch, aber im Obergeschoß befindet sich zwischen Giebelzone und Kastenrand
noch ein breiter Maßwerkfries. Durch die vertikale Gliederung ist der Schrein
in lauter Hochrechtecke zerlegt. In dem mittleren, das wesentlich breiter ist
als die übrigen, und als einziges den Maßwerkfries durchbricht, erscheinen als


Abb. 1. Altarschrein

Rossow, Dorikirche. Um 1350

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21 Der Cicerone, Jahrg. XIX, Heft 10
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