Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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KUNST-LITERATUR

JOACHIM GASQUET: CEZANNE. Nouvelle
Edition. Paris. Bernheim-Jeane, Pa-
ris 1926.
An der Spitze des ersten Teiles dieser inzwi-
schen zu Ruf gekommenen, neuaufgelegten
Cezanne-Biographie steht als Überschrift: „C e
que je sais ou j ’ai vu de sa vie“ —
Dies ist das Signum des Ruches, das nur eine
Biographie und nicht mehr sein will. Aber
ein Buch des Bekenntnisses an den Freund,
das gemeinsam Erlebtes auf den Leser zu-
rückstrahlt. Ein französisches Buch, dem jede
andere Prätention als die des Nur-Schildern-
wollens vollkommen fern liegt, und daher so
sympathisch und in allem Nebensächlichen er-
frischend.
Bücher dieser Art sind bei uns fast undenk-
bar, weil deutsche Kunstbücher selten so voll-
kommen voraussetzungslos und undoktrinär
sind. Dabei ist es nicht mal ein Heldenleben,
das hier erzählt wird. Aber das Geschehen der
Zeit ist in diesem Werk eingefangen. Der
Leser erlebt ein Schauspiel, wenn auch nur
ein alltägliches, ein von Blüten der Anekdote
bunt umranktes. Die Jugend wird erzählt, eh
bien! Paris, das Erlebnis Cezannes in Paris,
ist das zweite Kapitel. Die Provence ein drit-
tes. Dann ein gewichtiger Abschnitt „La
vieillesse“ —
Und unvermutet steht als Motto über dem
zweiten Teil: „Ce qu’il m’a dit“. Das ist echt
französisch: Zurück treten hinter dem Streit
der Kritik; gewissermaßen anonym die Kunst
des Meisters entwickeln!
Da gibt es drei prachtvolle Abschnitte: „Le
motif“, „Le Louvre“ — oh, dieser Cezanne
im Olymp der Götter großer Kunst — und
„L’atelier“ (wir würden sagen, Cezanne bei
sich zu Hause). Als Einlage und Anhang:
Farbentafeln, meisterhaft reproduzierte Zeich-
nungen, Autogramme und ein Anhang mit
prächtigen Lichtdrucken, unter denen auch
der hier reproduzierte frühe „Totenkopf“ ist.
Fast möchte man sagen, in diesem Buche spre-
che eigentlich nur Cezanne, so sehr tritt
Gasquet, der Biograph, selbst zurück. Alles
in allem ein liebenswertes Buch, das über
Cezanne hinaus ein Zeitdokument ist. Bei uns
Deutschen hat nur Meier-Graefe ähnliche
Kunstbücher geschrieben. Biermann
LUD WIG-KIRCHNER-PUBLI KATIONEN
Vor mir liegen drei gewichtige Bücher über
die Kunst Ernst Ludwig Kirchners: der gra-
phische Katalog von der Hand Gustav

Schieflers, prächtig ausgestattet vom Eu-
phorion-Ver 1 ag, eine Auswahl der
Zeichnungen, üppig mit Ton- und Farb-
tafeln geschmückt, vom Verlag Ernst Ar-
nold in Dresden, mit einer Vorrede von W.
G roh mann, und dann die Krönung anver-
legerischem Luxus: Das Werk Ernst Lud-
wig Kirchners von W. Grohmann,
Kurt W o 1 f f, Verlag, München, die Ent-
wicklung des Künstlers von 1902 bis ig2Ö
lückenlos darstellend, Gemälde, Plastiken,
Zeichnungen und Graphiken. Lichtdruckta-
feln, schwarz und in Farben, Federzeichnun-
gen im Text geben ein unübertreffliches Bild
von der Kunst des Mitglieds der ruhmvollen
„Brücke“.
Ruhig durchblättert man die Bücher, ohne
Leidenschaft. Die Zeit ist vorüber, da die
Meinungen heftig zusammenstießen, die ei-
nen von „bocherie allemande“ sprachen, die
andern die letzte, einzigartige Offenbarung
des deutschen Kunstgeistes sich manifestieren
sahen. Als unverlierbares Besitztum erschei-
nen die Holzschnitte. Hier wurde nicht nur
Neues, sondern auch künstlerisch Vollendetes
gegeben. Die Wege, die hier gewiesen, werden
so bald nicht verlassen werden können. Auch
unter den Gemälden werden viele dauern.
Kirchner besaß in seinen besten Jahren nicht
nur die ungebrochene Intensität der reinen
Farbe, sondern auch den sicheren Geschmack
ihrer kompositioncllen Verwertung. Er ist der
Lyriker neben Pechstein und Nolde. Ein paar
häßliche Häuser am Ufer werden ihm zum
Garten Eden, zum farbigen Märchen, das in
geheimnisvollem Lichte erglüht. Später ist das
alles dann dünner geworden. Die Bilder wur-
den Teppiche, Gobelins. Dauernd aber blieb
die Sicherheit des Aufbaus, die Strenge des
Gefüges, der Instinkt für kompositionelles
Gleichmaß. Im Gegenteil, die Unerbittlichkeit
hat sich noch gesteigert. Der „Expressionis-
mus“ ist überwunden von einem fast über-
deutlichen Demonstrieren der Gesetzmäßig-
keit. Das „Bildmäßige“ beherrscht Mensch und
Landschaft. Alles muß sich seinem Willen fü-
gen. Die Publikationen erlauben einen beque-
men Überblick über den ganzen Entwicklungs-
ablauf. Sie sind überaus verdienstlich. Genau-
este Kenntnis des Materials von seiten Schief-
lers und Grohmanns, und die begeisterte Be-
reitwilligkeit der Verlage haben Werke ent-
stehen lassen, die mit gutem Gewissen als vor-
bildlich gerühmt werden dürfen. ,
Kuhn

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