Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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ZWEI MADONNEN DES JAN VAN SCOREL
VON KURT STEINBART

Es besteht kein Zweifel, daß bei den hier publizierten Madonnen Raffaelsche
Bildvorstellungen durch nordisches Sehen gegangen sind, daß bei der Madonna
in Berliner Privatbesitz etwa die Madonna Tempi dem Meister vorgeschwebt
hat. Auch das Motiv des kindlichen Greifens unter das den Busen hüllende
Tuch stammt vom Urbinaten (Madonna Colonna, große Madonna Cowper).
Aber wo wäre die Ausgeglichenheit Raffaelscher Kompositionen, zumal Werke
vor der Klimax der kurzen klassischen Periode die Anregung boten! Die ge-
schlossene Silhouette, rechts noch gewahrt, ist links durch das ausschreitende,
stark bewegte Kind verloren gegangen. Unruhig kräuseln sich die antikischen
Locken des Knaben, schlängeln sich die Haarsträhnen der Mutter über Nacken
und Brust, lugt sie in streng geschnittenem Profil heraus und irritiert so den
Betrachter. Dafür wird das figürliche Gerüst durch einen wundersamen Schleier
von stark gedämpften, lasurartigen, silbrigen Tönen zusammengehalten: Blau-
grau in den Gewandstücken, die die Kniee decken, Weinrot in den Mittel-
partieen graumeliertes Grün um die Schulter und genau darauf abgestimmt
die Farbe des Kopftuches. Durchwachsungen von Parallel- und Querschraffuren
— das beste Signum der Eigenhändigkeit — sind mehrfach deutlich sichtbar.
Auch in der Herkunft des Pigments ist kein Schwanken möglich: Es ent-
stammt venezianischer Schulung; wie auf Venedig ein faltiger, dunkelgrüner
Vorhang weist, der in der linken oberen Bildecke nach der Säuberung zum
Vorschein kam. Demnach liegt der Versuch einer Einung diametraler Tenden-
zen italienischer Kunst vor, wie er so frühzeitig wohl nur dem Holländer ge-
lingen konnte. Das Raffaelsche Kompositions- und Figurenideal schien ihm zu
streng, zu festgefügt, er setzte es um in bewegtere, beinahe fahrige Rhythmen,
nahm ihm die kühlen Freskotöne durch die Nachfolge venezianischer Prinzi-
pien und schuf so nicht die holländische Renaissance, wie man sich heute aus-
zudrücken beliebt, sondern seine ihm eigene doppelköpfige maniera, und zwar
als erster in den nördlichen Niederlanden.
Größer im Format, feierlicher in der Stimmung, von edelsteinartigem Leuchten:
Eine Madonna mit Nelken, erst kürzlich aus rheinischem Privatbesitz von der
Galerie Dr. Benedict erworben. Die Komposition schon unendlich reicher:
Mutter und Kind zur Seite geschoben, um rechts den Engelsbuhen an der Vase
Platz zu schaffen; die Trennung oben wiederholt, indem der nach venezia-
nischer Art zurückgenommene Vorhang den Durchblick auf ein Stück Säulen-
umgang und bewachsene antike Ruinen ermöglicht, wie wir sie später mannig-
fach aus den Skizzenblättern Heemskercks und der Flut der Cockschen Stiche
kennen. Die Maria wieder in vollem Profil, aber nun das Auge in die Ferne
gerichtet. Der Junge stehend in ruhiger Haltung und leisem Kontrapost. Da-
bei um so mehr Bewegung bei den geschäftigen Engeln, als solle ein Ausgleich
geschaffen werden. Und nun in der allenthalben sehr festen, undurchsichtigen
Farbe eine umgekehrte Disponierung: Die mehr schwingende Hälfte von har-
monisch dunkelndem Gesamtton, in den sich das Weißgrau des vorderen Engels-
gewandes, das Braunviolett des hinteren Kittels, die prächtig reichen Abstu-
fungen im Graugrün der großen Fittiche, die Bronze der arabesken Vase und

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