Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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verblassen. Von Picasso sind Bilder aus fast allen Perioden da, »Die Armen am
Meer«, die »Büglerin« (i 905), die »Arlesierin« (1911), »Treffas« (191g), »Die
Frau mit dem blauen Shawl« (1923) und ein großes Stilleben aus letzter Zeit.
Diese Art der Auswahl gibt Bewegung und Tiefe. Sie zeitigt aber noch
einen anderen Erfolg: sie läßt das Bild und den Charakter der neuen Kunst
sinnfälliger erscheinen als es sonst der Fall wäre. Gerade hier, wo die Impressio-
nisten fehlen und die gegenwärtige Generation mit selbständigen frischen Ar-
beiten vertreten ist, wird es deutlich, daß ein neues Bildproblem und eine neue
Bildform sich durchgesetzt haben. Dieses Bild ist, wenn man Europa zusammen-
nimmt, von weit größerer Mannigfaltigkeit als das der impressionistischen Pe-
riode, und das Geschrei vom toten Expressionismus darf füglich verstummen
angesichts einer Leistung, an der fast alle europäischen Länder beteiligt sind.
Nicht der Art, daß ein Land das Thema angibt und die anderen das Thema
paraphrasieren, sondern so, daß fast alle ihren eignen, bodenständigen Anteil an
dieser neuen Bild weit haben. Deutschland mit Nolde, Kirchner, Schmidt-Rott-
luff, Klee, Österreich mit Kokoschka, Frankreich mit Derain, Braque und den
großen Vorläufern Cezanne, Seurat, Redon, Gauguin, Spanien mit Picasso, Ita-
lien mit Chirico, Belgien mit Ensor, Holland mit van Gogh, Norwegen mit
Munch, Rußland mit Kandinsky und Chagall. In Belgien und der Tschecho-
slowakei aber bereitet sich eine eigne Kunst vor, die bei der Begabung dieser
kleinen Nationen für Kunst vielleicht schon in zehn Jahren beträchtlich sein
dürfte.


Picasso

Stilleben mit Fruchtkorb
Sammlung Reber, Lugano
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