Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Manet Der Hafen von Boulogne

Daumier ist nur durch ein Aquarell vertreten. (Man staunt, wie arm die öffent-
lichen Sammlungen in Paris an Daumierschen Bildern und Aquarellen sind.)
Die »Kupferstichsammler« sind fast wie ein Schwarzweißblatt, aber trotz der
geringen Farbe (rosa und rot) von großem malerischen Reiz. Der Dreiecks-
aufbau der barock genommenen Menschen findet eine originelle und zugleich
satyrische Parallele in einer auf dem Seitentisch stehenden plastischen Gruppe
von Figuren.
Die Galerie besaß von Corot mehr Landschaften als Figurenbilder, da er zuerst
nur als Landschafter geschätzt war. So boten die zwei von Camondo hinter-
lassenen Werke mit menschlichen Gestalten eine gute Ergänzung. Diese beiden
Bilder erreichen nicht die malerische Klarheit der »Perle« im Louvre, aber
die »Fillette ä la Toilette« ist voll vornehmer Verhaltenheit und Kultiviertheit
des farbigen Zusammenklanges von Graubeige und Grünbraun und »l’Atelier«
ist geschmackvoll in seiner tonigen Malerei. Von Manet überzeugen Werke aus
allen Perioden. Das früheste Bild ist das funkelnd lebendige Porträt der Lola de
Valence, das Baudelaire andichtete:
»Mais on voit scintiller dans Lola de Valence
Le charme inattendu d’un bijou rose et noire.«
Der ebenso berühmte »Pfeifer« folgt zeitlich. Dieser in hellstem Licht ohne
Schatten und Halbtöne gemalte Soldat in roter Hose, schwarzer Jacke und
gelben Tressen ist in seiner spontanen Lebendigkeit zwingend wie ein Frans Hals.
Aus derselben Periode stammt ein drittes Werk Manets in der Sammlung
»Am Klavier«. Das bei den Franzosen von Fragonard bis Renoir beliebte
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