Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Abb. l. Lüneburger Truhe Mittelteil um 1400, Stollenbretter um 1500
ÜBER EINE GOTISCHE LÜNEBURGER TRUHE
VON HEINRICH KOHLHAUSSEN
Im Hamburgischen Museum für Kunst und Gewerbe steht eine gotische Lüne-
burger Truhe, deren Schauseite besonderes Interesse beanspruchen darf (Abb. 1).
Zwischen breiten, senkrecht gefaserten Eckstollen ist der mittlere Teil der
Wandung mit wagerechtem Faserlauf eingenutet. Auf den Stollen die derb-
geschnitzten Wappen der Brömse und Schomaker. Nach der Feststellung
Brinckmanns, daß ein Hermann Bromes, seit 1498 Sülfmeister in Lüneburg,
mit einer Ilsabe Schomaker verheiratet war, hat man die Datierung der Truhe
um 1500 beibehalten. Betrachten wir nun das Mittelstück mit seiner durch
drei Paare: ein ballspielendes Liebespaar, Eheleute auf des Lebens Wende-
punkt und die an Stöcken humpelnden deformierten Greis und Greisin symbo-
lisierten Darstellung der drei Lebensalter, so fallen uns die Kostüme auf.
Weite, beim Jüngling gezaddelte Ärmel, wattierte Taillenröcke bei dem jün-
geren Herrn, eine Gugelmütze bei dem mittleren und ein oben enganliegen-
des, unten weitfaltiges Gewand mit tiefem Schulterausschnitt bei der Jung-
frau, alles Besonderheiten der Mode um 1400. Selbst wenn man mit einem
längeren Beibehalten der alten Tracht rechnen will (wogegen die damalige
Geltung der am Schnittpunkt internationaler Verkehrsstraßen gelegenen Salz-
stadt Lüneburg spricht), so kommt man bei stilkritischem Vergleich der übri-
gen Elemente des Mittelteils mit den motivisch gleichen der Seitenstollen über
prinzipielle Unterschiede nicht hinweg.
In der Mitte herrscht durchaus eine herbe, elastische Formgebung. Sie zeigt
sich gleicherweise im Krabbenschmuck der Spitzbögen über den Figuren wie
in den strengstilisierten Vögeln dazwischen (deren Vorbilder vielleicht gar die
aus Lüneburger Kirchen- und Klosterbesitz überkommenen italienischen


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