Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Ü1E IMPRESSIONISTEN DER SAMMLUNG
CAMÖNDO IM LOUVRE von sascha schwabacher


Der Louvre wird durch Schenkungen und Vermächtnisse eine immer reich-
haltigere und vielfältigere Kunstzentrale. Wie bekannt, haben Arconati-Vis-
conti, Chauchard, Grandidier, Le Gaze, Rothschild, Schlichting, Thiers und
Thomy-Thiery kostbare Bilder und Bibelots aus den verschiedensten Bereichen
dem Museum übergeben, denen Moreau-Nelaton im Jahre 1906 mit seinen
Meisterbildern des 19. Jahrhunderts folgte, wodurch die ersten Impressionisten
Eingang in »die Hallen der Unsterblichkeit« fanden.
JJer im Jahre t 911 verstorbene Graf Camondo vermachte ebenfalls der Pariser
Galerie seine modernen impressionistischen Bilder gemeinsam mit seinem Be-
sitz an Plastik des Mittelalters und der Renaissance, französischen Möbeln,
Zeichnungen des 18. Jahrhunderts, Fayencen und seiner ostasiatischen Samm-
lung unter der Bedingung, daß man diese ganzen Bestände zusammen auf-
stelle. Diesem Willen wurde entsprochen. Man brachte die Kunstwerke in
einem Flügel des zweiten Stockwerkes des Louvre unter, der zwischen der
Place Caroussel und dem Hof Lefuel liegt.
Die Malerei des 1 g. Jahrhunderts gibt in diesen Sälen mit dem Romantiker De-
lacroix den Auftakt. Zwei große Bilder
hängen im ersten Saal. Das eine, eine
marokkanische Schwemme, zeigt email-
haften Farbenglanz, aber nicht den Im-
puls des Delacroixschen Temperamen-
tes, das zweite, »Kämpfende Pferde in
einem Stalle«, redet in wuchtigerer
Sprache. Aber ein Aquarell des Meisters
auf einem Gestell am Fenster des dritten
Saales, einen Tierkampf darstellend, ist
noch bedeutenderalsdas große Gemälde.
Ein nach rückwärts gebogener Pferde-
hals umschreibt großartig das Oval der
Komposition und bietet zugleich mit der
nach rückwärts gerichteten Mähne,
den galoppierenden Beinen und dem
Schwanz des Tigers spannungsreiche
Richtungskontraste und Kurven, die
sich mächtig von der Ruhe der großen
Landschaftslinie im Hintergründe ab-
heben. Das Bild hat zudem eine starke
Ausdruckskraft, die an das »Massacre
von Chios« erinnert. Auch in einem
zweiten Aquarell, einem »Kampf zwi-
schen Löwe und Pferd« ist das im-
posante Wesen der Bestie groß erfaßt.
Delacroixsches Pathos erfüllt das ge-
waltige Temperament des Tieres.

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25 Oer Cicerone, Jahrg. XIX, Heft 12

Vianet

Der Pfeifer
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