Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

Page: 2
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kg-zs-innendekoration1892/0008
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Leite 2.

Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für „Znnen-Dekoration".

Januarheft.

geringe. Dadurch ist Wand und Decke dem Einflüsse des Einzelnen
entzogen. Zeder findet diese als bestehend vor, und seine Aufgabe ist,
sie mit seinen Möbeln in Einklang zu bringen, denn das harmonische
Zusammenwirken von Plafond, Tapete und Mobiliar ist ja für eine
gute Wirkung von großer Bedeutung, umsomehr als ein integrirender
Bestandtheil, der Flur, in der Regel dem Einflüsse des Wohnungs-
inhabers entzogen ist und zur öffentlichen
Kommunikation heterogener Elemente wird.

Zur Zeit der Renaissance war es der
Tischler, der die Znnen-Dekoration beherrschte,
heute ist es der Tapezier, der Stuckatör,
oder, wenn sie beide vereint, der Dekoratär,
der hier seine Formensprache zur Geltung
bringt. Wie sie alle drei Rinder des Rokokos
sind, so liebt Zeder von ihnen, dieses vor-
zugsweise zur Geltung zu bringen. Es be-
stätigt sich auch hier die Wahrnehmung,
daß jedes Handwerk die Formenwelt mit
Vorliebe anwendet, in der dasselbe einst
leitend war. Hast ausnahmslos ist der Znnen-
bau heute Rokoko oder seine Ausläufe, das
Barock und der Zopf. Selbst der leitende
Architekt, der die Fassade vielleicht in einem
anderen Stil ausführt, kann sich nur schwer
diesem Einflüsse entwinden, da die Fabrika-
tion der Tapeten, des Stuckes, selbst der
Dekorationsmaler sich innerhalb dieses For-
menkreises bewegen.

Zn einen solchen Raum bringt nun
mit seinen Möbeln, die er in der Regel fertig
gekauft hat, der Miether ein anderes Stil-
element. Die Möbeltischlerei hatte in den
Zeiten Dürers und Hans Lachs' ihre Glanz-
epoche; sie wendet darum in unseren Tagen
des wiedererstandenen Geschmacks mit Vor-
liebe die Renaissance an. Allerdings gehen aus dem Fabrikations-
prinzip der Gegenwart Möbel hervor, die trotz der Renaissance-Anleh-
nung doch immer noch Rinder des modernen Geistes sind, was aber
durchaus kein Hehler ist, denn wir haben uns glücklicher Weise von
den: sklavischen Ropieren alter Muster schon längst emanzipiert und

die Bevormundung durch einen willkürlich angenommenen Ltilkanon
zurückgewiesen. Es finden sich also im Znnenbau schon Rokoko- und
Renaissance-Elemente zusammen. Damit ist aber die Ltilmengerei
nach nicht abgeschlossen, es gesellen sich ihnen vielmehr noch Gegen-
stände aller Zeiten und Länder bei. Den Boden bedeckt der orientalische
Einwirkungen verrathende Teppich; eine Barockuhr erinnert uns an

das rastlose Entfliehen des Augenblicks;
wohlthuende Wärme spendet wiederum der
Renaissance-Ramin. Goldene Rokokoformen
zeigen Spiegel- und Bilderrähme; die ge-
webte Tischdecke verräth indische oder gar
russische Motive. Dann die überall stehenden
Rokoko-Nippsachen, Porzellane, Renaissance-
Lchreibzeuge, japanische oder chinesische Vasen
und Fächer und tausenderlei Lachen, deren
Originale, wenn es nicht selbst solche sind,
in fernen Ländern oder vergangenen Zeiten
hervorgebracht wurden, lebende oder getrock-
nete Blumen, moderne Bücher mit seltsamen
Einbänden, Waffen, Broncen, Majoliken und
all' die vielen Requisiten, die zu einer mo-
dernen „stilgerechten" Wohnung gehören.

Und dennoch — wohin wir auch blicken
— nirgends ist eine Geschmacklosigkeit durch
das Zusammenstellen so vieler einander fremd-
artiger Elemente zu entdecken, Alles ist wohl-
gefällig und schön. Wir ersehen daraus, daß
es durchaus nicht das feste Anklammern an
den historischen Begriff „Stil" ist, der das
Wesen des Schönen ausmacht, sondern daß
gerade die Freiheit in der Wahl, der natür-
liche Schönheitssinn des Besitzers, den eigent-
lichen Trieb dazu bildet. Diese durch Stil
und Material oft so weit von einander ob-
liegenden Gegenstände sind durch das Walten
eines Geistes dem Zauber des Schönen unterworfen, ohne daß der enge
Schulbegriff der Stilistik hier seine erstarrende Herrschaft ausübt. Dieses
Ungebundene, Fessellose besitzt seinen eigenen Reiz, den wir am Besten
mit dem Worte „malerisch" bezeichnen können.

Es ist nicht leicht, den Begriff des Malerischen zu definieren.

'"Abinldilng Rr. 277. Walclmpparat in Kupferarbeit.

unstverständllih.

von R. Röttger.

„Herrn N. N., Kunsthändler, Frankfurt.

Schicken Sie mir vier Gemälde in gutem Vel, Größe 80 auf 60 ctm.
zum Preise von je ;so Mark und zwei in der Größe von yo auf 70 ctm. zum
Preise von 250 Mark das Stück, wie dieselben für einen feinen Salon passen.

Ergebenst

T, Rentner."

Das ist nicht der Wortlaut des betreffenden, thatsächlich aus einer
Stadt mittlerer Größe abgesandten Briefes, aber für den gleichlautenden
Sinn desselben bürge ich, und übrigens — wer sollte sich darüber wun-
dern? Der Schreiber des Briefes ist ein reicher und daher angesehener
Mann, der sein Vermögen theilweis ererbt, theilweis durch einen Handel
in groben Leinenwaaren, Säcken usw. vergrößert, also erworben hat.
Uni sich mit Runst, Malerei, Dekoration u. dergl. zu beschäftigen, hat
es ihm an Zeit gefehlt. So etwas „ist gut für Müßiggänger, Hunger-
leider und andere brodlose Existenzen."

Nun hat der Mann in einem Alter, wo der Rünstler noch mit
voller Lebensfrische schafft, ja wo sein Schaffen erst den Schimmer des
Abgeklärten trägt, wo jeder Griff, jeder Strich eine künstlerische Be-
deutung und künstlerischen Werth hat, sich zur Ruhe gesetzt und lebt
von seinen Renten.

Er hat sich dies angenehm, sehr angenehm, und vor allen Dingen
viel leichter vorgestellt, als es sich zeigt. Früher, wo er sich vom
Morgen bis zum Abend mit Leuten herum zu zanken hatte, die in
ihrem Auftreten nicht viel feiner waren, als die Sackleinwand, die sie

kauften, da dachte er oft: „wenn ich es nur erst einmal übers Herz
bringen könnte, das Geschäft mit dein schönen Verdienst aufzugeben,
um mit solchem Volk nichts mehr zu thun zu haben, sondern den
ganzen Tag mich als nobler Herr, was ich Dank meines Vermögens
bin, zu bewegen und nur mit meines Gleichen zu verkehren."

Der große Entschluß war nun endlich gefaßt. Unser Mann hatte
sich zur Ruhe gesetzt. Als er aus der dunkeln engen Gasse, wo er
sein Geschäft mit so vielem Erfolg betrieben hatte, auszog in eine
geräumige Prachtwohnung, da wurde er sofort inne, wie wenig die
alte Zimmerausstattung, bei der ihm früher nichts eingefallen war, in
die neuen Räume paßte, ja daß sie darin ordentlich „heulte", wie ein
Hund, der Angst hat. Dem war nun bald abgeholfen. Er hatte sich
bei einem tüchtigen Möbelschreiner ein neues Mobiliar bestellt, einem
Tapezierer die Anbringung von Vorhängen übertragen und die Woh-
nung erschien jetzt nobel, des Besitzers würdig. Einiges fehlte allerdings
noch. Aber unser Rentner verließ sich auf sein Genie. Hatte er doch
auch das Fischessen — blos mit der Gabel — schon beim zweiten oder
dritten Zweckessen oder Bankett losgehabt, ohne von irgend Zemand
besonders unterrichtet zu sein, während Andere es noch nicht so weit
gebracht hatten.

Dieses Genie, verbunden mit dem überlegenen Verstand, den der
Geldbesitz in größerem Maßstabe verleiht, mußte ihm über die Rlippen
hinweghelfen, die sich in ungeahnter Weise in dem ruhigen Fahrwasser
des bequemen Rentnerthums zeigten. Denn dieses Rentnerthum bestand
nicht blos darin, daß man sich vom Morgen srüh bis Abend spät
sagte: Zch bin der reiche L und habe täglich ^2 Mark und Pfennig
zu verzehren; wie sich Zt das zu Anfang gedacht und für beneidens-
werth gehalten hatte, sondern es legte auch Pflichten auf, die nicht
blos durch den Möbelschreiner, den Tapezierer, ja selbst nicht durch
loading ...