Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

Zuli-Hest.

Wendung großer Hensterflächen, zahlreicher Spiegelscheiben und 138t not
1e3st dem entschieden gewachsenen Bedürfnisse der Menschen überhaupt,
mit der freien Natur in engere Beziehung zu treten. Es drückt sich
dies deutlich genug aus in der na-
turalistisch angewandten Horm dekora-
tiver Elemente. Eine architektonisch
angewandte Blumen-Guirlande des
Rokoko ist etwas vollständig Anderes
als die, wenn auch im Einzelnen
naturalistische, so doch in der Ge-
sammtform stilistisch gehaltene Hrucht-
schale der Renaissance. — Tapeten,

Stoffe zu Möbelüberzügen, auch die
Aleiderstoffe bekommen desgleichen
Muster mit Verwendung der Blume,
wie sie in Held und Wald wächst;
die Naturform überwuchert schließlich
sogar die architektonische Horm im
Einzelnen, sie schafft, entgegen der
Renaissance, das Prinzip der Asym-
metrie. Bei der Znterieur-Dekoration
verschwinden alle vollen, schweren
Harben, die dem Raume etwas in
sich festgeschlossenes geben; man sucht
vielmehr die luftige Wirkung soweit
wie möglich zu steigern, nicht blos
durch die Anwendung zarter Tönungen,
sondern auch durch das von unzäh-
ligen Spiegeln auch unzählige Male
wiederholte Bild des Raumes, wo-
mit dieser unwillkürlich, scheinbar
wenigstens, an Größe und Weite ge-
winnt. Das Licht spielt also dabei
die allererste Rolle. Um so wider-
sinniger ist es gewesen, daß unsere
Tage — in Deutschland wenigstens —-
ein Wiederherausbeschwören der dunklen, dämmerigen Stuben längst
vergangener Jahrhunderte erleben mußten. Die ganze Butzenscheiben-
Romantik ist ein krasser Widerspruch gegen den Geist und die Richtung

unserer Zeit, die überall den engen Gürtel der Vergangenheit zu durch-
brechen sucht, nach Lust und Licht strebt. Die Geschichte der Ultra-
Deutsche-Renaissance aus unseren Tagen ist von Anfang an mit dem

Uebel der Schwachathmigkeit behaftet
gewesen und hat daher denn auch
eine nur ganz kurze Lebensdauer auf-
zuweisen gehabt. Hreuen wir uns
darüber und lassen wir dem Lichte,
der Helligkeit ihr volles Recht.

Es ist nicht zu verneinen, daß
gerade auf diesem Gebiete und was
die daran sich knüpfenden Bedingungen
für die Gestaltung von Znnenräumen
betrifft, vielfach von Baumeistern und
Bauherren fortwährend Böcke in er-
klecklicher Anzahl geschossen werden,
selbst dann, wenn die Absicht vorliegt,
eine Wohnung „schön" zu machen
(natürlich nicht mit Außerachtlassung
der Zinsverhältnisse). Lin Beispiel
aus meiner eigenen Wohnung. Beim
Miethen derselben betont der Haus-
herr, daß das eine Zimmer in „Re-
naissance" gehalten, das andere aber
ein „Zops-Salon" sei. Richtig! Die
eine Stube ist braun getäfelt, hat einen
Holzplasond, auch fehlt der grüne
Ofen nicht. Der Hausherr ist sogar
erbötig, ein Henster mit falschen
Butzenscheiben versehen zu lassen,
wenn es gewünscht werde. Der „Zops-
Salon" hat außer einer großblumigen,
wahrscheinlich sehr stilächten Tapete
auch eine reiche Stucco-Decke mit
Blumen-Bouquets und herumpurzeln-
den Engeln, weißangestrichene Henster
und Thüren mit leichten Goldleisten, ist aber, nebenbei gesagt, das
dunkelste Zimmer der Wohnung. „Za, was soll ich mit diesem Zopf-
Salon ansangen?" „Schaffens Zhna halt a Rokoko-Garnitur an",

Abbildung Nr. 384. Zirrmankrl mit Jagdyück, für Lentralheizung

mit transportablen Hayenceplatten aus der wessel'schen P>orzellan-Habrik
nach System welb.

irrrichtungs-

chmerzen.

Line Dekorations-Geschichte von Ida Barber. (Schluß aus dem Bogen.)

ängs der Seiten der Decke Engelsfiguren, als Milieu ein Ge-
mälde mit demjenigen, das die Mittelwand zieren soll, über-
einstimmend; statt der Thüren verschiebbare Glaswände von
goldgelben Portieren begrenzt, deren Rand reich in Bronce gestickte Grec-
Borten bilden. Gleiche Stickerei die Polstermöbel begrenzend, die mit
einem zu den panneaux passenden, doch eine Nüance dunkler gehaltenen
Brokat montirt sind; über der ff3.rckiii.iere venetianischer Spiegel mit
Perlmutterrand; das Aamin aus Marmor zu beiden Seiten mit gold-
gelben Shawlgardinen drapirt, die oben durch eine Venus-Higur zu-
sammen gehalten sind.

Nun galt es, sich über die Ausstattung der Boudoirs zu einigen.
Da Niemand Opposition machte, war diese Einigung bald erzielt; der
kleine Raum sollte in echt französischem Stil dekorirt, die Harben-Har-
monie durch blau-rosa Seidenstoffe erzielt werden; je eine Bahn rosa
und blau drapirt, zwischen den einzelnen Bahnen weiße Spitzen aus
cremefarbigem Hond, Teppiche, Polstermöbel, Gardinen, Portieren
gleichfalls blau-rosa mit weißen Spitzen; als Eckdekorationen hohe
Arystall-Vasen mit Rosen gefüllt, Ofenschirm im Genre 'WMte^uri auf
Goldgestell, über den Thürsimsen Hresken 3 13 M3tcke3ri, rings um
den aus Ebenholz gefertigten, mit Perlmutter montirten Schreibtisch
eine Ballustrade von Ebenholz, der obere Rand mit Perlmutter aus-
gelegt, — das Henster mit Glasmalereien, eine blumenspendende Hlora
darstellend, gedeckt, Bilderrahmen aus Perlmutter mit Gold-Einfassung. —
Das Wohnzimmer sollte in Rokoko-Geschmack gehalten sein, die
Wände mit großen Spiegeln gedeckt, zwischen denselben Malereien auf

leichtein Grund Schäferszenen 3 13 ^V3tte3U, darstellend, die Spiegel-
wände in Meterhöhe vom Boden mit ffArckiniere abgeschlossen, die
Thüren aus leichtem Holz mit Gold kannelirt, zu beiden Seiten mit
mil-ÜLrirs Damast bekleidet, über Thüren und Spiegel reich montirte
Rokoko-Dekorationen, Stuck mit Malerei abwechselnd, Plafond in gleichem
Genre; Wandschirme aus blumigem Brokat im Mittelstück ein venetia-
nischer Spiegel mit Silberrand. Polstermöbel mit abgepaßtem Blumen-
Brokat bezogen, derart, daß jeder Sofa- oder Stuhlbezug durch ein der
Größe entsprechend gezeichnetes Blumen- event. Bouquetstück gebildet ist.—
Als der Dekoratör seine Zeichnungen, Entwürfe, Stoffproben zu-
sammengepackt, athmete Adele erleichtert auf. „Nun, Gott sei Dank," sagte
sie, „daß diese Arbeit überstanden! — Was nur Edgar dazu sagen wird?"
setzte sie gedankenvoll hinzu. — „Und was hätten Sie gesagt, liebe Adele,"
fragte ich weiter, „wenn Zhr Papa nicht eine Einigung bewirkt hätte?" —
„Was?" wiederholte sie, das blonde Lockenköpfchen senkend; „ja, daran
mag ich gar nicht denken; ich hatte mir ja bereits die Alternative ver-
gegenwärtigt, ihn ausgeben zu müssen, oder auf den seither gewöhnten
Aomsort zu verzichten. Eines wäre mir so schrecklich gewesen wie das
Andere!" — „Sie wissen nicht, was Sie sagen Adele," erwiderte ich;
„eines so schrecklich wie das Andere? Soll ich das so verstehen, daß
Sie Zhren Bräutigam wegen dieser nichtigen Dekorations-Objekte wohl
gar aufgegeben hätten, wenn er Zhnen nicht plein ploirvoir gelassen?"
Sie dachte eine Weile nach und sagte dann: „Debattiren wir nicht
darüber! Zch weiß wirklich nicht, so gern ich Edgar habe und so stolz
ich auf ihn bin, ob mein Eigensinn mich ihm zu lieb auf die mir
gewohnte Lebensweise hätte verzichten lassen." —

Sonderbar! dachte ich, nachdem ich mich verabschiedet; so hängt
oft das Glück zweier Menschen an einem dünnen Hädchen; hier wäre
es sicher ohne das Dazwischentreten des Aommerzienraths, so weit ich
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