Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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August-Heft.

Illust r. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite fZsi.

ie französischen Molzardeiten des XVIII. Jahrhunderts.

von Albert ff

enn je ein Ausspruch in vollem Sinne Recht behalten hat,
so ist es der schon vor mehr als einem Jahrzehnt durch
A. von Zahn in seinem schönen Aufsatze: „Barock, Rokoko
und Zopf" niedergeschriebene: „Ab-
gesehen von der Berechtigung natio-
naler und internationaler Elemente
in der Kunst und Kulturentwicklung
gilt es, sich vor der verhängnisvollen
Befangenheit zu hüten, welche geneigt
ist, mit dem allgemeinen Grundsätze
des Verfalls ganze Perioden abzu-
lehnen, deren Kultur- und Kunsterschei-
nungen keineswegs aus gleichen Ge-
sichtspunkten zu beurtheilen sind." Ls
ist noch nicht lange her, daß es ein
Wagniß und eine Kühnheit zugleich
war, gegen den festgeschlossenen Heer-
bann der Kunstschreiber und Aesthe-
tiker anzukämpfen und eine Periode
für die Kunst zu retten, die vielleicht
wie keine zweite der unmittelbare Aus-
druck ihrer Zeit, der Vorzüge und
Fehler, der Gefühle und Leidenschaften,
der Gesinnungen und Denkungsart
ihrer Menschen war. Wohl gab es
einzelne weitblickende, verständige Kr-
theiler, die stets unter dem Lindrucke
des für alle kunsthistorische Forschung
maßgebenden Grundsatzes urtheilten,
daß man an die Zeit und ihre Män-
ner, an ihr Thun und Lassen niemals
den Maßstab eines einzigen Ideals,
und wäre es auch das unzweifelhaft
höchste, anlegen dürfe,—sondern daß
es die Aufgabe des Forschers sei, das
Ideal jener Zeit auf's Neue zu bilden,
in seinem Geiste nachzuschaffen. Schon
im Jahre j855 ist der Satz ausge-
sprochen worden: „Dieser ganze Traum
von Gipfelepochen, die alle Schönheit
zusammenfassen, das Suchen nach Wer-
ken, die das Beste vereinigen, beruht
aus Irrthum und baarer Täuschung,

-jede Form ächter Kunst hat

ihre Zeit und Blüthe. Aufstrebende
vergüten durch rasches Wachsthum,
in sinkenden überwiegen steigend die
Mängel. Hier reizt die Frische ge-
drungenen Keims, dort befriedigt die
Pracht der Entwickelung, die strenge
Hoheit, das kühne Wagen, die be- " Abbildung Nr. zy?. Stand-Uhr
ruhigte Freiheit, die lockende Anmuth.

Schärfere Einseitigkeit und reiches Verarbeiten, ursprüngliches Schaffen
und nachbildendes Anschließen wechseln und ergänzen sich." In diesem
höheren Sinne ist es wohl kaum angängig, in der Kunst von einer
Verfallszeit, von einer fehlerhaften Richtung zu sprechen, soweit die
Formensprache des Kunstwerks nicht geradezu der Technik des Materials
zuwiderläust. Jacob Burckhardt, der scharfsinnige Interpret der Re-

ofmann, Berlin.

naissance, gibt dem Gedanken Raum, daß „überall, wo ein Reiz für
das Auge vorliegt, sicher auch ein Element der Schönheit vorhanden
ist." Und auf wen hätte nicht schon der eigenartige Reiz der Stilarten

des XVIII. Jahrhunderts eingewirkt,
was vermöchte sich ihrer, ich will
nicht sagen hehren, aber prickelnden
Schönheit zu entziehen? Ls gibt eben
verschiedene Arten von Schönheiten,
die sich in ihren Abstufungen so dif-
ferenziren, weil sich die Individuali-
täten der Kunstkenner und Kunstlieb-
haber differenziren. Beim tieferen
Eingehen auf den Karakter einer Kunst
werden wir, wie Friedrich v. Hellwald
sich ausdrückt: „im Großen und Ganzen
alles als Relationen auffassen und
verstehen".

Es ist ein eigenartiger Reiz, der
für uns Beobachter eines nüchtern
erwägenden Zeitalters auf den künst-
lerischen Bildungen der Zeit des
XVIII. Jahrhunderts liegt. Ls breitet
sich oft über sie aus wie Märchenluft.
Die rauschende Pracht der Königs- und
Kaiferhöfe, der Sitze des Adels und
der Geistlichkeit, sie muthet uns heute
an wie eine ideale, von dem Fluge
einer hohen Fantasie getragene Er-
zählung. In einsamer Abgeschieden-
heit liegt die Sommerresidenz eines
Fürsterzbischofs. Wiesen und Weiden,
Wald und Iagdgründe, umsäumt von
anmuthigen Höhenzügen, bilden die
Landschaft, die mit der Feinheit eines
Naturgefühles gewählt ist, das den
eifrigsten Vertretern der Rückkehr zur
Natur unter Jean Jacques Rousseau
in nicht höherem Grade eigen war.
Das Schloß wurde mit allem erdenk-
lichen Luxus erbaut und die lange
Reihe der Prachtgemächer mit Go-
belins, Wandgemälden, reichen (Orna-
menten und Vergoldung auf das
Keppigste geschmückt. Die Entfaltung
des höchsten Prunks war die Losung.
Im Innern erblickt das Auge die
wunderbarsten Farbensymphonien in
Gold, Grün und Blüthenweiß mit
Rosenroth und Hyazinthenblau; an
der Decke der Gemächer und Säle
in Nenaillanrc. von ch Lcchlcitner. breiten sich farbenrauschende, lebendige

mythologische Darstellungen aus, die
manchen: heutigen übereifrigen Zeloten ein Kopfschütteln abringen. Aber
das Alles ist eine Kunst des heiteren Lebensgenusses, selbst unter den
Augen der kasteienden Kirche; die Kunst einer Zeit, in der man mehr
als je verstand, zu leben. Und in diesen Räumen das Möbel in gleich
berauschender Pracht.

Man kennt noch den Wohnraum der Zeit des XVIII. Jahr-
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