Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Seite s32.

Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Zn ne »-Dekoration.

August-Heft.

Möbel, die Vorhänge, Alles nützt sich schnell ab, wenn —" Za, ich
begriff vollkommen, daß man lieber kalte Speisen aß, lieber die Die-
nerin bei den 6 Gängen, die täglich servirt wurden, s2 mal Treppe
auf Treppe ab hetzte. „Willst Du nicht", sagte ich nach Tisch, „mir
Dein Studierzimmer zeigen? Zch weiß, Du hast immer große Stücke
darauf gehalten, es so recht wohnlich einzurichten!" „Mein Studier-
zimmer?" fragte Vr. N. sichtlich verlegen, „ja siehst Du, das haben
wir oben im Giebelzimmer ein-
richten müssen! Ts ist zwar nicht
groß, nicht elegant, aber ruhig und
ganz schattig gelegen". And nun
führte mich freund N. die teppich-
belegte Stiege zum ersten Stockwerk,
in dem sich Speise-, Schlaf- und
Kinderzimmer befanden, empor,
dann die zweite Stiege hinauf, wo
oben die Fremden-, Wirthschafts-
und Gouvernantenzimmer waren,
dann eine steile Wendeltreppe hinan,
durch eine Art Bodenraum hin-
durch in — sein Tuskulum. Am
Fenster stand ein Schreibtisch,
nebenan ein Bücherkasten, seitwärts
ein Bett, ein Kanapee. „Recht
hübsch, nicht wahr?" fragte er
mich; „man ist hier ganz ungestört,
ganz abgesondert, ganz —" „Aber
ums Himmels willen", warf ich
ein, „wozu baust Du Dir eine Villa,
wenn Du als Herr des Hauses in
einer heißen Bodenkammer wohnen
und studieren mußt?" „Za, siehst
Du", erwiderte er verlegen, „wir
haben die Villa halt zu klein angelegt; unten ist das Tmpsangs-, das
Musik-, das Billardzimmer; als Villenbesitzer muß man doch repräsen-
tiren, Leute empfangen, — Du verstehst mich — das gehört eben dazu;
oben sind die Wohnzimmer, das Ankleidezimmer und Boudoir meiner
Frau, — es blieb eben kein Raum übrig und dann — was liegt mir
daran, wo ich arbeite! Wenn ich nur Ruhe habe!" — Za, der arme,

ruhebedürftige Mann hatte vielleicht recht, sich dahin zurückzuziehen,
wo Niemand Verlangen trug, ihn auszusuchen, denn unten gab es stets
Gäste, die Fremdenzimmer waren stets bewohnt, im Garten überall
müßige Menschen, die wohl kein Verständniß für ernste Geistesarbeit hatten.

Freund N. hat dann im nächsten Zahre noch einen Flügel hinzuge-
baut, nicht, wie ich anfänglich glaubte, um für sich ein behagliches
Studio zu schaffen, sondern — weil die Frau ihre Rokoko-Tinrichtung

aus der Stadt nach der Villa kom-
men ließ. Die mußte doch selbst-
verständlich untergebracht werden!
Dagegen ließ sich Nichts einwen-
den, die Rokokos hatten einen vier-
senstrigen Glas-Pavillon erhalten,
ihr Tigenthümer aber saß oben
im heißen Giebelstübchen täglich
vier Stunden über seine Folianten
gebeugt und freute sich, daß er
„über allen Wipfeln", frei nach
Göthe, Ruhe fand. —

Geselligkeit pflegen ist wohl
eine sehr schöne Sache, man sollte
aber doch stets, ehe man für seine
Gäste Prachträume einrichtet, an
die eigene Behaglichkeit denken.
Diesen Grundsatz wollen unsere
Modernen nicht acceptiren, inson-
derheit da nicht, wo es sich um
Einrichtung der Villen und Land-
wohnungen handelt. Wer eine
Villa selbst baut, hat es, so sollte
man meinen, wohl in seiner Hand,
häuslichen Komfort mit Eleganz
zu vereinen, praktische Wohnräume
und geräumige Gesellschastssäle zu schaffen, die Villen landläufigen
Stils, die man aber miethweise bezieht, sind meistens so eingerichtet,
daß an Tagen, wo die Ungunst des Wetters ein Verbleiben in den
geschlossenen Räumen bedingt, sehr viel zum Komfort fehlt.

Fragen wir uns nun, was zu thun sei, um diesem Mangel ab-
zuhelfen, den Landaufenthalt, von dem der Städter so viel hofft, zu

"Abbildung Nr. zyo. Schach-Mobiliar;, von ks. Iucobsen.

^ditwirknng der Wrau brr der
Schmückung der Wolmräuiue.

Non Architekt Vtto Lchnlze, Köln.

einem Hausstand vorstehende Frau hat viel Mittel und
Wege zur Verfügung, das „Heim" nicht nur behaglich und
wohnlich zu gestalten, sondern auch zu schmücken und zu
verschönen: ihre fleißigen, sorgenden Hände vermögen auf dem Gebiete
der dekorativen Schmückung unendlich viel zu leisten. Bei richtiger
Leitung und Aeiteintheilung neben der erforderlichen Selbsterkenntniß
ihres Werthes kann die Frau den einzelnen Räumen ihres Haus-
regiments einen poetischen Zauber verleihen, der durch die besten Ab-
sichten und künstlerischen Kniffe des Fach-Dekoratörs nicht zu erreichen
ist. — Bei aller Einfachheit und Schlichtheit eines Raumes kann eine
anmuthende Traulichkeit aus solchem uns entgegenfluthen, deren Seele
lediglich in der Sauberkeit und peinlichen Ordnung der Dinge und einer
athmungsfähigen Atmosphäre wurzelt; eine Steigerung solchen Empfin-
dens wird aber wach gerufen, wenn die lieben erhaltenden und pflegenden
Hände zugleich schmückend und zierend walten. Dem Weibe ist ein
besonders reicher Antheil geworden von der Fähigkeit, zu schmücken,
zu verzieren und zu verschönen. Es schmückt nicht nur gern sich selbst,
sondern seine ganze Umgebung nimmt in gewissem Sinne daran Theil.

Die ganze physische und seelische Veranlagung des Weibes ver-
langt danach; seine Umgebung ist verhältnißmäßig eine kleine: sein
Gebiet, das Heim, in dem es schalten und walten kann, ist ausreichend,
alle die zarten Empfindungen seines Gemüthslebens in Erscheinung
treten zu lassen. Der Kampfplatz der Welt gehört dein Manne, er
sollte und müßte dafür sorgen, daß möglichst wenig Sturm und Kamps
das Arbeitsfeld des Weibes berühre.

Während der Mann verhältnißmäßig erst spät in die Lage kommt,
sich mit den Anforderungen der Herrichtung und Ausschmückung eines
Heims vertraut zu machen — wenn er nicht gerade durch seinen Berus
mit beiden Füßen aus diesem Gebiet steht — wird die Frau fast darin
und dazu geboren und erzogen. Das Mädchen herrscht mit emsigem
Eifer über seine Puppenstuben; dann wird aus dem Spiel Ernst, es
muH als heranwachsendes Backsischchen und Zungfrau der Mutter
fleißig zur Hand gehen im „putzen", Ordnen und Schmücken der
Zimmer, geht auch wohl gar, wenn die Verhältnisse dies gestatten,
in andere größere Haushaltungen, um sich hier alle die vielen kleinen
und großen Mühen, welche die Znstandhaltung eines Heims fordern,
anzueignen.

Der Blick erweitert sich, er hat Dinge geschaut, die für gewöhnlich
über die täglichen Bedürfnisse des Lebens hinausgehen. Ein unberechen-
barer Schatz ruht in der frühzeitigen Beschäftigung des Mädchens mit
sogenannten Handarbeiten. Es wird hierdurch zur Arbeit erzogen, an
Genauigkeit und Sauberkeit gewöhnt und zum Schaffen und Selbst-
schaffen getrieben und der Hang des weiblichen Gemüths nach Wohlig-
keit, Abgeschlossenheit und Traulichkeit des Begriffes „eigener Herd"
läßt alle die mannigfachen Sachen und Sächelchen entstehen, von welchen
aus wir jedesmal auf die Herrscherin der „vier pfähle" unser Urtheil
ziehen können.

Bei einseitiger Veranlagung oder begrenztem Können läuft ja
allerdings ein Heim oft Gefahr, durch allzu fruchtbare Schöpfungskraft
weiblicher Hände mit gewissen Dingen übersättigt zu werden zum Er-
staunen und Schrecken aller Miteinwohner, besonders des Mannes; aber
bei entsprechender Fesselanlegung im Zudecken mit Häkelarbeiten und
Stickereien kann auch solche Einseitigkeit noch wohlthuend wirken. Nun
ist jedoch das Feld der dekorativen Schmückung, aus dem sich Frauen-
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