Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

November-Hest.

Rauchrohres sollte nach Möglichkeit in jedem derartigen Bauplan vor-
gesehen sein. Auch in dieser Horm wird die Vorhalle aber unzureichend,
sobald es sich um ein Haus handelt, das zeitweise eine größere Zahl
von Gästen in sich aufnehmen soll.

Hier wird bei einfacheren Anlagen der
erweiterte Vorplatz sich zu der soge-
nannten „altdeutschen Diele" gestalten,
wogegen bei schloßartigen reicheren
Bauten Gelegenheit erwächst, ein
großartiges „Vestibül" zu schaffen.

Von jeder dieser beiden Ausbildungs-
formen bringen unsere Illustrationen
Nr. und ein Beispiel. Der
prinzipielle Unterschied zwischen beiden
dürfte darin beruhen, daß die „Diele"
als wirkliches Zimmer zum
dauernden Aufenthalt eines geselligen
Kreises, das „Vestibül" aber nur als
prächtiger Durchgangsraum
dienen soll, der hinter der Vorfahrt
liegt und wo die Lakaien den Schluß
der Assembler abwarten, um der
Gnädigen vor dem Hinaustreten den
pelz umzuhängen.

So verschieden wie diese Bestim-
mungen sind, so verschieden gestaltet
sich auch die Ausstattung. Versuchen
wir zunächst auf den ersteren Hall
einzugehen, so handelt es sich meistens
um ein Haus von mäßiger Größe,
in welchem die Treppe in einem
weiten Mittelraum liegt, der, wenn
nicht (Oberlicht, so doch hohes Seiten-
licht erhält und sich durch diese Be-
leuchtungsart schon von den übrigen
Zimmern des Hauses wesentlich un-
terscheidet. Dank dieser Lichtfülle kann die Dekoration gern einiger-
maßen dunkel behandelt werden. Hohe Holzpannelirungen umschließen
die Wände und geben Gelegenheit sowohl zu reichlicher Anbringung

bequemer Sitze, wie auch zur Herumsührung von Börtern (Wandbret-
tern), welche Zier- und Schmuckgegenstände aufnehmen sollen. In treff-
licher Weise kann sich hier der Geschmack der Bewohner frei entfalten,

und durch zeitweise Umstellung der
Geräthe läßt sich eine große Man-
nigfaltigkeit erzielen. Die Wandfläche
oberhalb der Börter wird mit Go-
belins oder schweren Tapeten be-
spannt, welche den Uebergang zu der
gewöhnlich gleichfalls in sichtbarer
Holzkonstruktion ausgebildeten Decke
vermitteln, mit der andererseits auch
die frei im Raum ausgehende Treppe
zusammengeführt werden muß. Ge-
genüber der Treppe ist ein Kamin
angeordnst und unser Bild Nr. HqH
zeigt, bis zu wie gewaltigen Ab-
messungen man dessen Dimensionen
steigern kann, sobald nur die allge-
meine Größe des Raumes dies er-
erlaubt. Unbeschadet kann letztere
aus 6 bis 7 Meter im Geviert ge-
steigert werden; der Raum wirkt da-
durch keineswegs unbehaglich und
wünscht man in der Mitte den im
Bilde angedeuteten großen Sitzplatz
zu arrangiren, so gehören auch schon
ähnliche Abmessungen dazu, wenn
die Bewegung einer zahlreichen Ge-
sellschaft nicht unliebsam behindert
sein soll, zumal doch außerdem noch
ein Hlügel und allerlei einzelne Sitz-
gelegenheiten Platz finden müssen.
Der Hußboden ist aus Taselparquet
angenommen und kann gern zum
Theil mit Teppichen oder Läufern
bedeckt sein, um das Geräusch beim Durchschreiten zu dämpfen. In
vollkommenerer Weise wäre letzteres allerdings dadurch erreichbar, daß
man die parquettafeln nicht hohl, sondern aus massiver Unterlage in

Abbildung Nr. Altdeutsche. Diele. Skizze von p. Gründling.

MrilwniH der in dev

Wohnungs - Ausstattung.

von Btto Schulze, Köln.

Abhandlungen, die dem Laien so gut als dem Hachmanne
nutzbringend sein sollen, verlangen auch eine zweiseitige Be-
arbeitung durch das Hineinziehen verschiedener Gebiete. Die
Benutzung von Gleichnissen soll unser Auffassungsvermögen erweitern
und Dinge, die oft dem Einzelnen fern liegen, durch Nebenstellung
von Gegensätzen in allgemein überschaubare Nähe bringen.

Das arbeitende, das sorgende, das genießende Leben ist das Berg-
werk, aus dessen unergründlichem Schacht die inhaltreichsten, die leben-
digsten Gleichnisse gefördert werden. Was frommt für die Dauer das
Wühlen im Alten, ein jeder Rock kann nur einmal gewendet werden,
nötigenfalls liefert er durch Verschnitt verkleinerte Bekleidung für den
jüngsten Nachwuchs.

Hierin liegen ausgesprochene Gegensätze und jede Sache, jeder
Begriff, jedes Gefühl hat eine Kehrseite. Unser ganzes Empfindungs-
vermögen beruht ja nur in der bewußten Wahrnehmung und Aus-
einanderhaltung von Gegensätzen. — Es giebt Menschen, die durch
Sinnesschwächung oder organische Hehler farbenblind, geruchlos, sprach-
los rc. sind und die infolgedessen Gegensätze nach diesen Richtungen
hin nicht empfinden. Je mehr uns Gegensätze entzogen werden, je
mehr wir durch Einseitigkeiten von gegensätzlichen Begriffen abgelenkt
und diesen entfremdet werden, je mehr werden wir in sine Monotonie
versinken, aus der uns nur Gewaltmittel aufzuraffen vermöchten.

Bei einer Verflachung, Verweichlichung werden Aufhöhungen und
Härten Gegenwirkungen erzielen; zuerst unter schmerzhaftem Zucken
und Auflehnen, später eigenes Wollen und dankbares Hinnehmen. Es

gibt sehr viel gebildete Laien und fast kaum weniger Hachleute, die
chinesische (Ornamente von japanischem Dekor, persischen Zierrath von
solchem aus Indien, oder türkische von arabischen Linienspielen nicht
zu unterscheiden vermögen, aber sehr gut die verschiedenen Stilrich-
tungen von der Antike bis zur napoleonischen Zeit aus europäischem
Boden bewußt trennen. Im zweiten Hall sind eben die Gegensätze
viel weiter auseinanderstehend und hierdurch leichter wahrnehmbar —
während die ersten Beispiele sich mehr ineinander verspinnen, die An-
haltspunkte für die Unterscheidung weniger auffällig sind und solge-
dessen ein gesteigertes Empfinden erfordern. Ebenso schwierig ist es:
italienische, spanische und französische Renaissance zu scheiden.

Gegensätze berühren und verschmelzen sich, aber sie stoßen einander
auch ab. Unsere Zeit ist nun keineswegs gegensatzlos, wenigstens nicht
im Kamps um das Dasein — und doch stehen wir im Zeichen der
Modefarben, jener nichtssagenden Harben, die schon mehrfach unser
Empfinden für Harbenharmonien getrübt haben. — Je erbitterter sich
die Gesellschaftsschichten gegenüberstehen, je süßer, je widerlicher werden
unsere Kleider, je gegensatz- und karakterloser unsere Wohnräume, je
geschraubter und flacher unsere Ansprüche an wahre inhaltliche Lebens-
freuden. Erst ein Zusammenwirken von abgestimmten und abgetönten
Gegensätzen schafft die Grundlage für ein Kunstwerk. Der Takt, der
Rhythmus, die Symmetrie, die Proportion sind die einfachsten Bildungen
dieser Art: alle entstehen durch Zusammenreihung oder Vereinigung
gegensätzlicher Einheiten.

Noch wettert es überall und ziemlich rücksichtslos über den Butzen-
scheibenstil und seine Romantik; über die frisch-farbigen fröhlichen Bilder
und Klänge beginnen dickleibige Spinnen ihre klebrigen Häden zu ziehen,
und manches vorwitzig-lebensfrohe Mückchen verfliegt sich darin.

Die chemische Industrie wirft Zucker, Salz, Gel und Essig aus
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