Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

Seite 83.

Mai-Heft.

von Friedrich Fischboch (Wiesbaden).

(Fortsetzung und Schluß aus dem April-Heft.)

^^^Mie sogenannte Bobinet-Weberei, welche diese großen spitzen-
artigen Löcher ermöglicht, hat zwar von Zahr zu Zahr
größere und elegantere Wüster in Weiß und Treme geliefert
und mit der Kettenstich-Maschine sich
verbunden, um farbige Konturen zu
bieten, es bleibt aber trotzdem der Hand-
arbeit (mit Hülse der Bonnatz-Maschine)
noch ein sehr großes Gebiet, um die
Effekte zu erreichen, die der Weberei
versagt sind. So hat z. B. der Spachtel-
Vorhang eine derbe Nachahmung der
venetianischen Elfenbein-Spitze ermög-
licht, die überall sich schnell einbürgerte,
wo absolute Sparsamkeit nicht geboten
war. Zudem man verschiedene Gewebe,
wie z. B. Mousseline und Tülle über-
einander legt und später da und dort
das eine oder andere oder beide Gewebe
wegschneidet, nachdem die stellen vorher
umrändert und mit entsprechenden Hüll-
und Spitzen-Stichen versehen sind, er-
zielen die Hand und Maschinen-Technik
reizende Effekte. Es ist sehr zu wünschen,
daß der Vorzug des freien künstlerischen
Arrangements, welches von Hall zu Hall
ganz eigene Stimmungs-Effekte findet,
grade beim Schmuck des Hensters nicht
unterschätzt wird. Die prosaische Wie-
derholung der gewebten Muster fällt
dann weg und tritt die Applikation far-
biger Stoffe in bescheidene Konkurrenz
mit der Glasmalerei. Tinen Kursus auf
der Bonnatz- oder Tornely-Kettenstich-
Maschine sollte jede Stickerin absolviren,
denn sie hat in dieser Maschine eine
ebenso billige und praktische Helferin,
wie die Nätherin an der Nähmaschine.

(Nebenbei sei bemerkt, daß im großen
öpeisesaale im Hotel Hecht in St. Gallen
sämmtliche Wände mit Stickereien auf
^eide und Sammt bedeckt sind, die keine
VKederholungs-Motive zeigen und die
lediglich mit der Bonnatz-Maschine her-
gestellt wurden.) Hat man bei Kirchen-
senstern auch das reizende Spiel des
Aäaaßwerkes und des farbigen Glases
uuf dem Hußboden oft bewundert, so
vergesse inan nicht, daß eine ähnliche Wirkung auch unsere Henster-
dekoration erlaubt. Der rohe viereckige Henster-Ausschnitt kann durch
den Rund- und Spitzbogen re. gefälliger werden. Der bunte Wieder-
ichein des gefärbten Glases wird öfter wie bisher unser Auge erfreuen,
^elb und Roth kommen in erster Reihe in Betracht, denn diese Harbeu
'Nachen den Eindruck des Sonnenscheins, wenn auch dieser an nebeligen
^agen fehlt. Man hüte sich jedoch, große Scheiben mit grellen Harbeu
"wzusetzen. Diese beleidigen das Auge und zwar umsomehr, je reiner
d'e Glasfläche ist. Die Butzenscheiben haben ihren Reiz ja lediglich
den runden Unebenheiten, die das Licht in unzähligen Abstufungen

brechen. Hür die moderne Glasmalerei war es, daher eine sehr wichtige
Errungenschaft, als vor circa 23 Zähren zuerst wieder das sogen.
Kathedralglas aufkam, das beim Erkaltungsprozeß unzählige feine
Aederchen oder Sprünge erhielt, in denen das Licht wie im Kristall
reflektirt. Man mußte also wieder den Rückschritt antreten und das
fallen lassen, was bei der absoluten Durchsicbtigkeit Hauptsache war,
nämlich die spiegelblanke, glatte Oberfläche, denn die H>vesie der Harben-

brechung hat ebensosehr ihre Rechte,
wie die Hü'vsa der absoluten Klarheit.
-— Wie sehr unsere Stimmung von der
Licht- und Harbenwirkung abhängt, hat
Zeder wohl schon gemerkt, wenn er
Wein aus ungeeigneten Gefäßen trinken
mußte. Wie ganz anders mundet ein
edler Tropfen aus einem Römer mit
grünlichem oder goldgelbem Lichtge-
funkel als aus einer H>orzellantasse. Zn
ähnlicher Weise lassen gar Viele das
goldene Tageslicht durch plumpe Henster
in geschmacklos dekorirte Zimmer fallen.
Daß es dort weniger erfreut, ist be-
greiflich.— Ein recht modernes Surrogat
für echte Glasmalereien sind die Dia-
phanien. Schon längst hatte man die
Lithographie zu Hülse gezogen, um die
aus Papier gedruckten Ornamente und
Higuren aus Glas abzuziehen und ein-
zubrennen. Erhielt man auch nicht die
gleiche Harbenkrast, so war doch nicht
viel gegen diese billigere Dekoration
einzuwenden, wenn siezweckentsprechende
Ornamente und Bilder zeigte. Bald
zog man aber ab, was sich nur irgend-
wie drucken ließ, und war somit dem
Kngeschmack Thür und Thor geöffnet.
Eine Wohlthat konnte es genannt wer-
den, als diese Art von Lithographien
lediglich aus ganz durchsichtigem jDapier
erschienen, um an Henstern nur. ausge-
hängt oder vorgestellt zu werden. Solche
Transparente, die die Hirma Grimme
Z Hempel in Leipzig vorzüglich druckt,
haben ihre vollste Berechtigung, wenn
sie der Dekoration des Zimmers ent-
sprechend angebracht werden. — Die
moderne Dekoration bewegt sich in dem
Dilemma, bald für Licht, Lust und
Klarheit und bald für Dämmerlicht, Ab-
geschlossenheit und Brechung der Licht-
effekte sorgen zu müssen. Die in ein-
fachen Halten an Stelle der veralteten
Lambrequins niedersallenden Vorhänge sollen durch sinnreiche Züge
schnell sich öffnen und schließen. Ze nach der Bestimmung des Wohn-
raumes möge farbiges oder einfaches Licht die Kostbarkeiten treffen, die
ja eben deshalb uns so reizend erscheinen, weil sie ihre eigenartigen
Reflexe haben. Und auch wir, wir suchen ja wie die Sonnenblumen
das Licht und schätzen es erst so recht, wenn es im Winter und in
engen Gassen uns fehlt. Dann ist der Erker — das Lugaus — uns
doppelt werth. — Wenn unsere Augen uns sprüchwörtlich recht lieb sind,
so liegt die Schlußfolgerung nahe, daß wir um so größere Aufmerksamkeit
den Augen des Hauses widmen, das uns schützend und erfreuend umgibt.
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