Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Juni-Pest.

Leite s08.

liegt, also wie es dem Auge sichtbar erscheint sder Inhalt der Schränke
an Rleidern, Leinen, Büchern, Schmucksachen rc. ist ausgeschlossen)
ergiebt es für die verschiedenen Räume folgende Einzelwerthe, wie solche
gegen Feuerschaden gedeckt sind: das gute Zimmer Mk. P50; das
Wohnzimmer Mk. 330; das Schlafzimmer Mk. H00; die Rüche Mk. 520;
das Fremdenzimmer Mk. s50, macht zusammen Mk. 3070, materieller
Werth. Der ideelle Werth ist in trocknen Zahlen nicht wieder zu geben —
er entzieht sich menschlicher Berechnung.

Die Ausschmückung der Wohnränme durch
Frauenhändv.

von A. Herwarth von Bittenfeld (pserrck. A. her).

(Schluß von Seite HOs.)

/^Tine Dame meiner Bekanntschaft stickt prachtvolle Teppiche mit

bunter Wolle auf Stramin und führt verschlungene Arabesken,
Blumenkörbe und türkische Muster aus, die sich von dunklem oder Hellem
Grund abheben. In gleicher Weise werden Ueberzüge von Stühlen
hergestellt, obschon die Arbeit sehr mühsam ist und mit Rücksicht auf
die Zeit und Rosten, die sie verursacht, sich nicht recht belohnt, da man
jetzt so schöne, buntgewirkte Stoffe kaufen kann. Sehr eigenartig war
die Idee einer Dame, schwere, abgelegte Seidenroben auseinander zu
trennen und Portieren aus denselben zu machen, deren Rand sie mit
Plattstickerei verzierte. Auf Sosa's und Lehnstühlen lassen sich in Gestalt
kleiner Schoner alle möglichen zierlichen Stickereien und großen Schleifen
aus weichem Seidenstoff oder Zusammensetzung von Battist und Spitzen
verwenden. Tischdecken können in verschiedenster Landarbeit hergestellt
werden und je nach der Wahpdes Musters einen mehr oder weniger
kostbaren Eindruck Hervorbringen.

Auch bei der Ausstattung des Schreibtisches spielt die Nadel eine
Rolle, insofern es sich um Ausführung von Mappen handelt, auf deren
Deckel häufig ein Monogramm prangt. Sehr hübsch fand ich einen
Abreißkalender in einem plüschrahmen, von dem sich erhabene Blumen
abhoben. — Sonst muß ich gestehen, daß ich es vorziehe, wenn die
Ausführung der Schreibtischartikel dem Pinsel überlassen ist, weil hier
der Fantasie ein weiterer Spielraum eingeräumt wird. Ein Mono-
gramm oder eine Plattstickerei nehmen sich aus einer Mappe immer
etwas steif aus, während ich reizende, bemalte Mappen sah. Zum
Beispiel war auf dem Deckel einer solchen ein altes Schloß gezeichnet,
um welches sich ein dichter Rranz bunter Frühlingsblumen schlang.
Eine andere Mappe zeigte Apselblüten und fliegende Vögel mit der In-
schrift : Das Wort ist wie ein Nägelein, ist's fort, wer fängt es wieder ein?

Der Pinsel ist ebenfalls berufen, bei der Ausschmückung der Wohn-
räume mitzuwirken. Vergoldete psannendeckel, von denen sich Blumen
abheben, bunte Teller schmücken die Wände, während auch häufig^die
Rachelöfen mit Malereien bedeckt sind. Doch auch hier hüte man sich
vor Ueberladung; Malereien, sowohl wie Stickereien müssen um ihrer
selbst willen da sein, nicht aber als ^überflüssiges Anhängsel nutzlos
angebracht werden, wie dies zum Beispiel der Fall ist, wenn bei einem
schön geschnitzten Tischchen eine Perlenborte um den Rand läuft. Pier
ist der Tisch das Schöne und die Perlenborte nicht nur überflüssig,
sondern auch geschmacklos.

Was den Räumen etwas besonderes Anziehendes verleiht; ist der
Umstand, daß man ihnen die Bewohnung anmerkt, daß hier ein auf-
geschlagenes Buch, dort eine Zeitung, ein Rörbchen mit pandarbeiten,
ein Rinderspielzeug, an die Menschen erinnert, die in diesen Räumen
leben. Gewiß will ich keiner Unordnung das Wort reden, die Zimmer
müssen frisch gelüftet, im Winter behaglich erwärmt, gut aufgeräumt
und staubfrei sein, aber sie sollen den Geist der Bewohner wiederstrahlen
und etwas von ihren Beschäftigungen verrathen.

Nur keine sogenannten „guten" Stuben, in welchen der eingeführte
Fremdling im Winter vor Rälte schaudert, im Sommer, in Folge der
dicht verhängten Fenster in einem düsteren palbdunkel weilt. Solche
Räume haben etwas Unbewohntes, Todtes, sie verrathen nichts von
der Seele der Menschen, welchen sie angehören und erinnern an Gasthos-
zimmer, die, wenn auch noch so elegant eingerichtet, jedes persönlichen
cLcUets entbehren und eben, ohne Rücksicht auf den Geschmack cher
Einzelnen für Alle da sind.

Man besitze nicht mehr Räume, als man zu bewohnen gedenkt,

abgesehen von solchen Persönlichkeiten, die ihrer Stellung wegen ge-
zwungen sind, besondere Gesellschaftsräume zu halten.

Die wenigen Räume, welche man bewohnt, schmücke man nach
besten Rräften, wobei der Fantasie ein weiter Spielraum gelassen ist.

Eine Dame war der Stellung ihres Mannes wegen genöthigt,
in einem Dorfe zu leben. Sie bekleidete die nackten hölzernen Wände
ihrer primitiven Wohnung mit bunten, baumwollenen Taschentüchern,
die sie zu geschmackvollen Mustern zusammenfügte, sodaß die Räume
den Eindruck eines türkischen Zeltes gewährten. Sie hatte diese Tücher,
Taschentücher, wie die Bauern sie gebrauchen, im Dorfe gekauft und
so in billigster Weise mit den nächsten ihr zu Gebote stehenden Mitteln
ihr peim"verschö ner!.

So ist Jedem, gleichviel welche Stellung er einnimmt und welche
Mittel ihm zur Verfügung stehen, Gelegenheit gegeben, irgend etwas
zur Ausschmückung seiner Wohnräume beizutragen.

Es macht einen rührenden Eindruck, wenn selbst arme Leute ihren
Räumen ein freundliches Gepräge zu verleihen suchen. Es erfreut das
perz, wenn wir in einer kleinen Mansarde weiße, mit gehäkelten Spitzen
eingefaßte Vorhänge, mit Stecknadeln an der Wand befestigte bunte
Bildchen und einige blühende Töpfe sehen.

Welchen zauberhaften Rlang hat nicht das Wort „peim"! Nach
einem langen Leben noch erinnert man sich an das „peim" der Rindheit.
Die Menschen, welche uns umgaben, die Räume, in denen wir ausge-
wachsen sind, verschmelzen sich zu einem zauberhaften Ganzen, das wie
ein schöner Traum dann und wann vor unserm Geist auftaucht. Gleich-
viel, ob es ein Palast, ein Schloß, ein paus, eine pütte gewesen, in
denen wir gelebt — es war ein peim! Und dieses peim so schön, so
wohnlich, so poetisch wie möglich zu gestalten, ist die Aufgabe der Frauen.

Der Raum, in dem du lebst, spiegelt deinen Rarakter wieder, er
verräth etwas von deinem Leben. Möge er verrathen, daß du glück-
lich bist! Das Schönste, das uns zu Theil werden kann, wünsche ich
Allen: Ein glückliches peim!

ttcherschau.

Bouffier, Kleines Handbuch der Liebhaber-Künste, Verlag von
I. Bossong, Wiesbaden, Preis Mk. so, zugleich „Bd. VI von Bossong's
Kunsttechnischer Bibliothek für Dilettanten." — wir glauben sicher, daß
Verleger sowohl wie Herausgeber mit dem in's Lebenrufen dieser Bibliothek einen
glücklichen Griff gethan haben und in allen Theilen der gebildeten Welt ein dank-
bares Abnehmer-Publikum finden werden, denn selten trifft man wohl heutzutage
eine bessere Familie, in welcher nicht das eine oder andere männliche oder weibliche
Mitglied irgend eine der zahlreichen Amateur-Kunsttechniken mit wahrem Feuereifer
betreibt, sei es lediglich zum verscheuchen der^Langweile, sei es auch um für Mode-
oder andere kleine persönliche Bedürfnisse ein nicht zu verachtendes Taschengeld zu
erwerben. — vorstehend erwähnte s-Bktav-Bogen starke Broschüre enthält Angaben
über 20 Kunsttechniken, wohl sozusagen alle, welche bei dem häuslichen Kunstfleiß
in Frage kommen können, wir finden das Aetzen in seinen verschiedenen Arten,
Lederschnitt, Rauchbilder, Sandmalerei, Intarsien, Sgrafitto-Malerei, Herstellung
von plastischen Landschaften, Papierskulptur usw. usw. vertreten, sodaß Jeder
etwas für sich verwerthbares in dem Buch finden dürfte. Die Erläuterungen für
Handhabung der einzelnen Techniken zeichnen sich durchweg durch große Klarheit
und leichtfaßliche Schreibweise aus, an einzelnen Stellen sind auch zum besseren
verständniß entsprechende Illustrationen eingestreut. — Die technische Ausstattung
in Schrift und Papier ist ebenfalls eine gute, nur dürfte es unseres Erachtens noch
sehr zum vortheil, sowohl dieses Büchelchens, als auch der ganzen Bibliothek ge-
reichen, wenn die Verlagshandlung die einzelnen Broschüren nicht nur Holländern,
sondern heften ließe, da gerade solche Werke in den wenigsten Fällen gebunden zu
werden pflegen.

Hermine Steffahny, Stickervimuster, t-Serie, Lieferung Verlag
der Arbeitsstube (Lugen Twietmeyer), Leipzig. — Die Zahl der Vorlagen
für Nadelarbeiten ist bereits Legion und doch bietet dieses ausgiebige Feld immer
wieder Anregungen für neue reizende Motive, der Emsigkeit der schaffenden haus-
frauen-hand folgen die neuen Kompositionen auf dem Fuße und nimmer ist es
nöthig eine Arbeit zweimal mit dem gleichen Muster zu fertigen. So wird auch
obengenanntes soeben beginnendes Serienwerk, wie schon aus der ersten Lieferung
mit Zuversicht geschlossen werden kann, eine Fülle trefflichen Vorlagematerials für
kunstgeübte Nadeln bieten. Den in natürlicher Größe gegebenen Zeichnungen ist
ein ausführlich beschreibender Text über Farbenstimmung, Wahl des Grundstoffes usw.
beigefügt, sodaß auch nach dieser Richtung berechtigten Ansprüchen Genüge geleistet ist.

Die erste Lieferung enthält: Fußkissen, Monogramme, Randbordüre, Tischdecke
mit Jagdmotiv, Tischläufer rc. — In den Entwürfen sind die verschiedensten Stil-
arten vertreten. — Jede Serie dieses Vorlagewerkes wird etwa -z Lieferungen ü Mk.;.—
umfassen, doch ist nicht nur jede Lieferung, sondern sogar jeder Bogen ü -zo Pfg.
einzeln käuflich, eine Einrichtung, für welche gewiß viele der Leserinnen der Verlags-
handlung Dank wissen werden.
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