Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

Page: 96
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kg-zs-innendekoration1892/0127
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Seite 96.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

die heute bereits in einem Umfange ausgeübt wird, der sich höchstens vergleichen
läßt mit dem des — Klavierspiels. Leider sind aber die Resultate manchmal sehr
fragwürdig; es wird zuviel gemalt und zu wenig bemalt. 'Der Unterschied
zwischen beiden Malereien ist, daß die erstere gern als „Kunstwerk an sich" ausge-
geben wird, während die andere sich einem Größeren als Dekoration unterordnet.
Ein Bild sollte eigentlich immer ein Kunstwerk sein; als solches erfordert es mehr,
als die Kräfte eines Dilettanten in der Regel
geben können, eine Dekoration kann aber schon
bei mäßiger Leistung von liebenswürdiger Wir-
kung werden, Hier ist also ein Tummelplatz für
Laien, wie er sich größer und dankbarer nicht
denken läßt. Ein gewählter Geschmack wird leicht
unter den vielen Kleingegenständen Gelegenheit
für die Farbe finden, seien es nun Blumentöpfe,

Holzgefäße, Kästen, Vfenschirme, Rahmen, seien
es selbst Möbel, Scheiben u. dergl. Allerdings
sind unsere modernen Möbel mit ihren polirten
Flächen für Bemalung nicht geeignet; es ist aber
nicht unmöglich, daß sich unter dem Einflüsse einer
bestimmten Holztechnik hier ein Umschwung voll-
zieht, der der Farbe mehr als bisher Eintritt in
unsere Wohnungen verschafft. Die Versuche, die
man mit angestrichenen und bemalten Möbeln
bis jetzt gemacht hat, sind nicht günstig ausge-
fallen; sie haben eine gewisse brutale Wirkung
nicht verleugnen können. — Vielleicht kann man
aber die Farbe mit einer Holzbearbeitung in Ver-
bindung bringen, die sich mit einem schwachen
Lack-, Gel- oder Wachsüberzug begnügt: dem
Kerbschnitt. Letzterer erfreut sich seit einigen
Jahren einer steigenden Beliebtheit, leider aber
beschränkt er sich aus ganz kleine Gegenstände,
obgleich er auch für größere, dann aber in der
Formengebung daraus berücksichtigte, Stücke an-
wendbar ist. Die sogenannten Grönlandarbeiten,
die in Norddeutschland und Skandinavien nicht
selten sind, beweisen das. Der Kerbschnitt hat
noch für sich, daß er nicht auf Frauenhände be-
schränkt zu bleiben braucht, sondern auch die
Jugend zu thätiger Mithülfe heranziehen kann.

Jedenfalls ist er eine bessere Unterhaltung als die armseligen Laubsägearbeiten, die
noch immer nicht ganz verschwunden sind.

Nicht unerwähnt will ich zwei Techniken lassen, die sich dem Dilettanten dar-
bieten, die eine, weil sie zu viel, die andere, weil sie zu wenig angewendet wird:
die Fayencemalerei und das Drahtflechten. Die erstere beweist so recht, wie ober-
flächlich heute einst recht solide Techniken behandelt werden, und wie hiilflos man

Juni-Heft.

ist, wenn es sich darum handelt, durch eine kleine Handarbeit sich und anderen eine
Freude zu bereiten. Der Reiz der Fayence besteht in den sorgfältig abgestimmten
Farben, die sich mit der nntergelegten Zinnglasur zu einer harnionischen Einheit
verbinden. Die neueren Thongefäße, soweit sie für den Dilettanten hergestellt
werden, verzichten zunächst auf diese Glasur, und nun wirken die aufdringlich-
knalligen Farben auf dem spröden Thongrund geradezu brutal. Abgesehen davon,

daß das Grnament als Flachrelief vorgezeichnet
ist nnd so die ganze Arbeit als Spielerei karak-
terisirt wird, sollte schon das Geschmacklose eines
solchen Machwerks dieses von der Wohnung aus-
schließen. Ueberhaupt dürften Arbeiten, die einem
solchen umfangreichen Prozesse wie Brennen unter-
worfen sind, resp. sein sollten, sich nicht für
Dilettanten eignen. Zede Dilettierkunst setzt zwar
Arbeit, viel Arbeit, aber auch Einfachheit der
Mittel und der Technik voraus. Eine solche
Kunst ist die des Drahtflechtens. Eine geschickte
Hand, wie sie ja jede Dame eco ipso besitzt, kann
dadurch wirklich reizende Gebilde, wie Blumen,
Körbe, Gehänge, Ketten, selbst Schmuck schaffen,
ohne mehr als Geschmack und das wenige Ma-
terial zu besitzen, das bis zu den feinsten (Duali-
täten wohl in jeder Tapisseriehandlung zu haben
sein wird.

In dem Sinne einer selbständigen Tätig-
keit der Wohnungsinsassen, an der Spitze die
Herrin des Hauses und nach Maßgabe der ver-
fügbaren Kräfte und Mittel ist die Kunst des
Dilettirens so recht eine häusliche zu nennen.
Allerdings darf sie nicht einem trügerischen Schein
nachstreben, sondern was sie schafft, muß Zweck
und Solidität zeigen; ein wenig Geschmack dazu
und die Wohnung wird einen gemüthvollen Reiz
in sich bergen, der nicht langweilig wird und
nichts Unbehagliches, Fröstelndes an sich hat.
Eine solche Wohnung hat dann Stil, aber nicht
einen nüchternen Verstandes-Stil, sondern einen
persönlichen Stil, der ein innigeres Band um
die Familienmitglieder schlingt, als es die Arbeit
des vorzüglichsten Dekoratörs vermag. Wenn
dann das Familienoberhaupt seine Angehörigen an den Winterabenden bestrebt
sieht, das eigene Heim zu schmücken, sollte er da nicht auch verstäudniß für den
Reiz desselben gewinnen? Ein gesticktes Sofakissen allein ist nicht geeignet, ihn
vom Skattisch zurückzuhalten, aber das gesammte Wirken aller seiner Lieben ist
wohl im Stande, ihn von der Wahrheit des Wortes trouse is rnzc eastle"
zu überzeugen und den Biertischen zu entfremden. —

Abbildung Nummer ZS8.

* Japanischer Fächer als Fotografie-Halter.

-lauderei über, eine einfach^

Von Karl Heinrich Gtto.

uch mir juckte es seiner Zeit in den Angern, meine Einrichtung
selbst zu entwerfen und zu zeichnen und dann unter meiner
Aussicht von tüchtigen Meistern ausführen zu lassen, als mir
der vortreffliche Gedanke kam: zu heirathen. — Aber das Geld, das
leidige Geld war knapp, und doch sollte das Nestchen gebaut werden,
um alle die goldigen Träume zu verwirklichen, in die ich mich nun
einmal in meiner Heirathslust hineingelebt hatte. Wenn man so dicht
vor „dreißig" steht, ist man noch nicht arg pedantisch und engherzig.
Was nicht da ist, ersetzt die Liebe, und wenn man sich mit dem Wesen
versteht, welches zum trauten Weibe auserkoren ist, dann fühlt inan
sich just grad so behaglich und mollig in seinem Nestchen, als ein
Aönig in seinem Palast von eitel Marmelstein. Gesagt, gethan; der
plan war reis, das schöne Verhängniß geschmiedet — es sollte ans

Einrichten gehen-in zwölf Wochen sollte Pochzeit sein. Im

Geist erschien mir eine gewisse Summe, ich kraute mich hinter den
Ghren, schlug mir Bücherschrank und Schreibtisch aus dem Sinn, strich

hier eine Null, änderte dort eine Zahl und-mein Exempel stimmte:

das Fazit hatte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Vorstellung einer
einfachen Wohnungs-Einrichtung. Der Hase lag nun einmal so im
Pfeffer und ich wollte ihn meinem lieben Frauchen und mir wenigstens
schmackhaft Herrichten. Zwölf Wochen sind sonst für eine zu beschaffende
Wohnungs-Einrichtung ziemlich knapp bemessen, aber für eine „einfache"
reichten sie gut hin. Der biedre Landtischlermeister in der Heimat
meiner Braut bekam die Aüche und das Schlafzimmer nach berühmten

Mustern stilvoller Zimmer in Auftrag gegen seine heilige Versicherung,
pünktlich zu liefern. Drei Tage vor dein schönsten Tage meines Lebens
traf denn auch der Möbel-Transport richtig ein. Das gute Zimmev
(bei besser situirten Leuten Salon genannt), das Wohnzimmer und ein
kleines Fremdenzimmer waren schon durch Laden- und Gelegenheitskäufe
beschafft und auch theils schon ausgestellt. Ich machte mich also in
meinen Freistunden an das weitere Ausbauen und Herrichten. Die Eisen
für die Vorhänge und Gardinen wurden eingeschlagen, die letzteren in
ihrer Frische und Reinheit ausgesteckt. Eine Anzahl Nägel wurde übev
die Wandslächen der verschiedenen Räume vertheilt, Uonsolen und Bilder-
schmuck angebracht und-die Sache wurde immer wohnlicher,

immer anheimelnder. Meine liebe Braut war natürlich inzwischen
nicht unthätig gewesen; unter Beihülfe ihrer erfahrenen verheiratheten
Schwester war die Aüche mit ihren ganzen Zukunstswonnen blitzblank
aufgeputzt und das Schlafzimmer in seiner ganzen Traulichkeit ausge-
stattet. Ich hatte noch eine Anzahl blühender Topfpflanzen besorgt,,
und fand, daß wohl Nichts fehlte: bei einigermaßen gutem Willen in
einem solchen Heim am eigenen Herd glücklich zu sein. Dies letztere
ist buchstäblich zu nehmen, denn in Aöln hat jeder Miether für Mefen
und Herd selbst zu sorgen, sie gelten hier ganz als mobile Gegenstände.

Ich führte meine Auserwählte heim und einige Tage Urlaub ver-
gönnten mir nicht grade eine Hochzeitsreise, wohl aber die schöne Mög-
lichkeit, beim nochmaligen Durchsäubern der Zimmer meiner jungen
Frau tüchtig zur Hand zu gehen — fremde Beihülfe war überflüssige
wo Zwei genug sind, ist der Dritte zu viel. Von Tag zu Tag wuchs
nieine Freude an meinem Heine; alle Gegenstände kamen mir so bekannt
und vertraut vor, wohl alle waren durch meine Hände gewandert, hatten
sich gleicher Sorgfalt und Liebe zu erfreuen gehabt. Und nun sah ich-
dies Alles als ein harmonisches Ganze voll köstlichen Zaubers.
loading ...