Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Juni-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

5eite f03.

)toff- Wek o rationen in unserer

von Lugen Schwinghammer.

> s ist ein eigen Ding um das Bedürfniß des gebildeten Menschen unserer
Tage. — Wie kommt es nur, daß die Stofsdekoration unserer Wohn-
räume, ein verhängen und Umkleiden der Lenster und Thüren gerade
in jetziger sZeit fast unentbehrlich geworden ist? Wer würde sich
behaglich fühlen in einem Zimmer ohne Gardinen, in welchem wohl die Wände
vertäfelt und sogar die Fensternischen in die kunstvolle Holzbearbeitung hinein-
gezogen ist, so daß es nicht nur überflüssig, sondern auch gegen die bevorzugtere
Arbeit des Munsttischlers anstößig wäre, wollte man dieselbe mit Stoffen verdecken!
Sehen wir sowohl die Innenausstat-
tung der Schlösser aus der Renaissance-,
als auch der Rokoko-Zeit näher an,
so müssen wir zugeben, daß die über-
aus kunstvolleAusstattung der Fenster-
nischen und Thürbekleidungen durch-
aus nicht deshalb angefertigt wurden,
um durch schwere Stoffgehänge unsicht-
bar gemacht zu werden. Und doch
scheint es uns unbegreiflich, wie man
sich dort heimisch fühlen konnte; un-
willkürlich nimmt man an, daß die
Bewohner solcherRäumederMategorie
jener zugeknöpften, steifen Menschen-
kinder angehörten, die wir heute zum
Glück nur noch als Marrikaturen an-
zusehen pstegen. — Vder ist es die Ver-
weichlichung unseres Geschlechts, die
das verlangen nach Drapirungen aus
weichen Plüschen und Wollstoffen an
Thüren und Fenstern hervorgerufen
hat? Auf diese Frage näher einzu-
gehen, würde nicht in den Rahmen
dieser Besprechung passen, aber der
Leser möge über die Richtigkeit meiner
Behauptung selbst entscheiden, wenn
ich sage: Die ausgesprochene Lieb-
haberei unserer heutigen Gesellschaft
für das Behängen der Fenster und
Thüren ist als ein Fortschritt zu be-
zeichnen, der Hand in Hand mit der
zunehmenden Geschmacksverbesserung
innerhalb des Munstgewerbes geht.

Es sind immerhin seltene Fälle, wenn
diese Liebhaberei bis zur Ueberfüllung
der Zimmer mit Stoffdekorationen
ausartet. — Lin wohl nicht zu unter-
schätzender Grund des Bedürfnisses
nach Stoffgehängen über und neben
den Zimmeröffnungen ist auch darin
zu suchen, daß in den meisten Fällen
die Fenster und Thürverkleidungen
jederdekorativenverzierung entbehren.

Diesführtunwillkürlich das verlangen
herbei, die steifen, geraden Linien durch
die gerundeten Murven aufgerasfter
Stoffe zu ersetzen. Die seitlichen Ab-
schlüsse werden hierbei von längs-
saltigen Vorhängen gebildet.

Ist nun eine blendende, vier-
eckige Lichtöffnung des Zimmers auf
diese Weise beschränkt und hat man
durch eine wohlthuende Abdämpfung
des grellen Tageslichtes das Zimmer
behaglicher gemacht, so tritt noch ein
weiterer Effekt hinzu, indem die

Manien des Vorhangs durch Anbringung von beweglichen, hübschen Fransen
ausgeschmückt werden. Ls scheint nun, als ob solche Stosfdekorationen einzig
und allein den malerischen Schmuck zum Zwecke hätten. Diese Annahme ist aber
meist nur bei den Fenstern der Salons, nicht aber bei Schlaf- und Wohnzimmer-
Fenstern oder Thürvorhängen zutreffend. Der Dekoratör muß, falls er als solcher
beliebt sein will, das Schöne mit dem Praktischen verbinden. So wird er bei der
Anfertigung von Portieren beachten, daß dieselben als Zimmerabschluß sowohl,
wie auch als vorteilhafter Schmuck dienen werden. Bei Salonfenstern ist, wie
schon erwähnt, die Sache anders. Hier, wo es sich nur um einen schönen Schmuck
handelt, bekommt das Fenster außerdem durch einen dunkeln Rouleaux die nötige
Ausrüstung, um die, den Farben der Möbel und Teppische schädlichen Sonnen-
strahlen abzuhalten. Diese Schutzvorrichtung ist während des Gebrauchs der
Wohnung unsichtbar und nur weiße gestickte, oder die, für Renaissance-Zimmer
beliebten crLme-farbenen Gardinen zeigen sich als Untergrund für die Stoffdekoration.
Allein nicht nur für die Fenster der Salons werden diese durchsichtigen Gardinen

verwendet, fast an keinem Fenster mag sie der Bewohner vermissen. Sind dieselben
nicht in dem Maße dem Schmuck gewidmet, wie die künstlichen Stoffgehänge oder
Draperien, so bilden sie neben der praktischen Eigenschaft als Lichtdämpfer einen
nicht unwesentlichen Zimmerschmuck, verleihen sie der Umgebung ein überaus
freundliches Aussehen, so erhöhen sie, falls es der Dekoratör versteht, durch eine
zweckmäßige Aufnahme durch Gardinenhalter oder Agraffen, den Effekt der Stoff-
dekoration. Und wer hätte nicht schon bemerkt, daß der Helle Hintergrund einer
weißen Gardine auf das bewegte Spiel der Fransen, an den Monturen der Stoff-
dekoration entlang, einen unbeschreib-
lichen Reiz auszuüben vermag?

Diese Betrachtungen können uns
dem Gedanken nicht verschließen, daß
trotz der Vxposition gegen die faltigen
Stoffgehänge, als den schädlichen
Staubfänger der Wohnräume, die-
selben jenen Schmuck schlechterdings
nicht entbehren können. Denjenigen
Bewohnern, denen etwas an ihrem
Heim gelegen ist, die nach des Tages
Lasten sich wohl fühlen möchten zu
Hause, in der Familie, im eigenen
trauten Gemach, ihnen mag es aus
der Seele gesprochen sein, wenn ich
wünsche, daß sich die Dekorationskunst
auch auf diesem Gebiete noch weiter
entwickeln möge.

Diy Aufstellung des
Pianinos im Zimmey.

Von Lugen Jäck.

Seit jdas Pianino seinen sieg-
reichen Einzug in die ganze civilisirte
Welt gehalten, das veraltete Tafel-
klarier verdrängt und den raum-
nehmenden Flügel in den Monzertsaal
verwiesen hat, verlohnt es sich wohl
der Mühe, diesem weitverbreitetsten
aller Instrumente die nöthige Auf-
merksamkeit zur möglichst vortheil-
haften Aufstellung zu widmen, sowohl
in Bezug auf Ton- und Alangfülle,
als in dekorativer Hinsicht. Nicht nur
in besseren, sondern auch in den mitt-
leren Mreisen — im weitesten Sinne
des Wortes — gehört heutzutage das
pianino zu den Hauptbestandtheilen
des Mobiliars und zu einem Haupt-
objekt künstlerischer Gestaltung. Gar
mancher, zur Aufnahme eines Instru-
ments bestimmte Raum, namentlich
in unseren Miethwohnungen, bietet
keine passende, genügend große Wand-
stäche mit günstigem Licht, zur Auf-
stellung desselben. Wie soll man sich
aber helfen? — Hier steht es hand-
breit über den Thürpfosten, dort kommt
es dem Fenster zu nahe, oder dem Gfen
und am andern Ende des Zimmers
fehlt es an genügender Beleuchtung.

Unsere Illustrationen Nr. zss
und Nr. zss sollen nun zeigen, wie
man diesen Uebelständen nicht nur aus
dem Wege gehen, sondern dabei auch
noch — für manche Hausfrau eine willkommene Gelegenheit — Platz zur ver-
schönerung des Raumes gewinnen kann. — Wo ein Pfeiler zwischen Fenster
und Scheidewand für ein Mlavier zu kurz ist, genügt derselbe vielleicht, wenn
es schräg in die Ecke gestellt wird (s. Abbildung Seite gs). Die dahinter ent-
stehende Lücke füllt man alsdann durch eine hochgestellte Büste, oder kräftige
Palmen und Phönixwedel aus. — Eine andere Art der Aufstellung besteht darin,
das Pianino mit der Langseite in das Zimmer hineinragen zu lasseu (s. Abbildg.
S. Y8), gleichzeitig ein passendes Mittel, eine übermäßig lange Wand hübsch ab-
zutheilen. Das verdecken der kahlen Rückwand läßt der Fantasie des Bewohners
oder Dekoratörs den weitesten Spielraum. Unsere Skizzen auf Seite ;oo und
stellen zwei der gebräuchlichsten Arten dar. Man behängt die Fläche mit einem
Teppich und arrangiert darüber eine Draperie in passendem Plüsch oder Wollstoff,
je nach Geschmack und Geldbeutel noch mit tpuasten und Schnüren verziert. Als
Aufsatz bringt man oben eine Palme an, beiderseits mit künstlichen Blumen maskirt.
Das Arrangement auf Seite zos zeigt eine durch verschiedene Sitzmöbel und ein

Beleuchtungskörpers für elektr. Licht, entworfen von Rich. Guhr, Dresden.
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