Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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5eite 30.

Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

^ebruar-f)eft.

^er Waturalisunrs in der Hrckitelttur.

von Albert Hofmann.
(Schluß.)

ie weit anders gestaltet sich bei Eisen nicht das verhältniß zwischen Last
und Stütze. Man konnte es bei den Bauten der letzten Weltausstellung in
Paris beobachten, wie ein mächtiger, hoher, stark retrofacter Terracottasries als
Theil eines hohen Gebälkes aus nach unfern bisherigen Begriffen unverhältniß-
mäßig schwachen Stützen ruhte und heute noch ruht. Wir werden uns, wie ich
auch schon an anderer Stelle betonte, daran gewöhnen müssen, bei Verwendung
unseres heutigen Baumaterials vollständig andere Projektionsverhältnisse eintreten
zu sehen, als sie unsere bisherigen „Aesthetiken" in so herrischem Tone vorschrieben.
Diese Bestrebungen, aus das „Mahre" zurückzugehen, die Baumaterialien ihrer
„erzensten Natur" nach zu verwenden, beherrschen heute, man kann sagen, die ge-
summte französische Architektur. Die „k?iüo.teinxs" von Paul Serielle, die Aus-
stellungsbauten der Weltausstellung in Z88Y sind sprechende Zeugnisse hierfür und
auch dafür, daß wir in der Architektur einer neuen, von hohem, künstlerischem Geiste
getragenen Formensxrache entgegen-
gehen, einer Formensprache, die den
technischen und naturwissenschaftlichen
Errungenschaften unserer Zeit ent-
spricht, einer Formensprache, die die
Formensprache des Schlusses des
XIX. Jahrhunderts ist. In England
sehen wir gleichfalls in der Architektur
Erscheinungen zu Tage treten, welche
in nicht zu verkennender weise aus
den Naturalismus hinarboiten. Auch
England hat unter Inigo Jones seine
klassicistische Periode gehabt und auch
von dieser klassicistischen Periode kam
man wie in Frankreich im Laufe der
Jahre zurück. So wie Walter Scott
mit seinen Romanen als ein Hauxt-
agens in der französischen Restaura-
tionsbewegung betrachtet werden darf,
so hat er auch in England hervor-
ragenden Antheil an der Bewegung.

Die älteste romantische Dichtung:

Lnstle ok Otiento" datirt freilich
bis auf das Jahr zurück. Aber
schon ihr Verfasser, Horace Walpole,

„will auch seine Umgebung in dem-
selben Geist gestalten, in dem seine
dichterische Phantasie lebt." Er sam-
melt Kunstwerke und historische Denk-
würdigkeiten aller Art. „Gotisch", wie
man es eben meistens that, richtet er
auch sein Haus am Berquelap Square
ein; in Gotisch war auch der Landsitz,
den sich Walpole von Z7SZ an zu
Straßburrp Hill errichtete: „ein phan-
tastisches Resultat des antiquarischen
Eklekticismus". (Dohme, das englische
paus.) Es kam wie in Frankreich
die Restauration, in England das Re-
vival; es kam aber auch jene Phase
des Revival, in welcher man begierig
japanische Einflüsse aufnahm. „Man
studirte die Grundgesetze des japa-
nischen Flächenornaments, den liebens-
würdigen Naturalismus seiner Blu-
men- und Pslanzenbelebungen und übertrug so die ersten Spuren des Naturalismus
in die architektonische Kunst. Der weitere Schritt war die Schwärmerei für den
rothen Backstein. Norman Shar, einer der englischen Führer der veristischen Be-
wegung in der Architektur, im Vereine mit einer Schaar jüngerer Architekten wurden
durch Restaurationen und Studienfahrten auf die einfachen und malerischen Back-
steinarchitekturen der Grafschaft Sussex vom Ende des XVII. Jahrhunderts, wie
auf die nicht minder reizvollen Fachwerkbauten des XVI. und XVII. Jahrhunderts
in Lheshire und Lancashire aufmerksam. — Mehr sind es die allgenieinen Prin-
zipien als die Kunstformen jener Bauten im engeren Sinne, welche die Neuerer
fesseln; gerade diese Periode ist ja an Kunstformen auffallend arm.-Die ein-

fache konstruktive Logik, der farbige und malerische Reiz ist es, was man in erster
Linie natürlich an diesen Werken findet." (Dohme.) Es tritt hier der gleiche be-
scheiden naturalistische Geist zu Tage, wie ihn die italienische Renaissance bei ihrem
Anheben in so entzückender, erfrischender Weise zeigt. Bald interessiren sich die
hervorragendsten Namen der englischen Malerwelt für den Stil, die seine Tendenzen
nunmehr zu einer mächtigen Bewegung, die sich über ganz England verbreitet, ge-
stalten. Hauptsächlich in der Villenarchitektur kommen die Neuerungen am ausge,
sprochensten zur Geltung. „Mit unverkennbarer Absicht wird jetzt das Aenßere
lediglich der Ausdruck der inneren Raumgliederung; mit Vorliebe betont inan die
Ungleichheiten der Höhe in den Dächern, gibt jedem Raum die ihm geeignetste

Fensterhöhe und -große, unbekümmert darum, daß dadurch alle klassischen Gesetze
der Frontkomposition über Bord geworfen werden. Der Bau wird in ein Konglo-
merat verschieden hoher, verschieden ausladender und sogar oft verschieden dekorirter
Theile aufgelöst. — von eigentlicher Drnamentik wird im Aeußeren thunlichst ab-
gesehen; selbst nur die Verwendung reicher, gegliederter Profile ist nicht beliebt.

Das Material des neuen Stiles ist fast ausschließlich Ziegel und zwar rother Back-
steinbau in einfacher Form. Nur die xrofilirten Pfeiler werden gelegentlich in Hau-
stein hergestellt: doch auch dies kommt mehr und mehr außer Mode. Man ver-
wendet absichtlich reiche Formsteinbildungen, liebt aber nach dem Vorbild der alten
Sussexbauten ein Bekleiden der Fronten mit gefällig gebildeten dünnen Iiegelplatten
in der Art unserer Schieferbekleidungen. Die Fugen im Steinverband werden überall
wit weißem Mörtel ausgestrichen in gewolltem koloristischem Gegensatz zum Roth
des Steines. Amgekehrt strebt man in Deutschland bei allen besseren Bauten ja

danach, die einzelnen Fugen thunlichst
zu verbergen.-In England ver-
meidet man zu glatte Bildung der

Ziegel, sie sollen eben den Steinkarakter
nicht verlieren; und koloristisch ist
allein jener wohlthuende volle rotbe
Ton, der eigentliche gesunde Ziegeltow

der früheren Jahrhunderte.-Es

ist dies jenes Roth, welches zugleich
zum Grün der Blätter besonders gut
steht." (Dohme.) Dazu kommt eine ent-
sprechende innere Ausstattung, welche
sich im Grnament völlig dem blumen-
frohen Naturalismus hingibt. Die
Tendenzen dieser neuesten englischen
Stilschattirung beginnen nun auch in
Deutschland Eingang zu finden. Vor-
läufig jedoch nur spärlich, da man sich
von dem althergebrachten, in falschem
Pathos auftretenden Villenstil noch
nicht lossagen kann. Die einzelnem
Boten aber verkünden immerhin das
Herannahen einer Stilrichtung in der
Architektur, zunächst im Villenbau. —
Die konstruktive französische Richtung
tritt vorläufig noch in der Monumental-
architektur nur ganz vereinzelt auf,
die uns von dem Wege einer oft
phrasenhaft auftretenden Klassicität
zurückführt in die einfachen, wahren
und ewig schönen Bahnen der Natur.
Wir können in jedem Bauern-
dorf, in jeder Landschaft in un-
endlicher Verschiedenheit und
Schönheitsfülle sehen, wie weit
uns unsere vielgerühmte künst-
lerische Kultur von dem Natür-
lichen, Anmuthigen, Anspruchs-
losen, Wahren entfernt hat.
Streben wir wieder zur Schlichtheit
und natürlichen Anmuth zurück und
uns wird in den aufreibenden Daseins-
kämpfen unserer Tage wohler werden.

Uünllliche Vlumrn u. Blätter
mit pnrxellnnnrtinem Busselrrn

fertigt man nach Ackermann's illustr. Gewcrbezeitung folgendermaßen: Man nimmt
Blätter und Blumen, wie sie für Hüte rc. angefertigt werden und firirt dieselben
wie folgt: Blätter und Blumen werden vorsichtig mit den Spitzen in Halbstarken
Tischlerleim getaucht, nach Abtrocknen derselben tancht man die ganzen Blumen in
Wasserglas und dreht dieselben möglichst rasch in zwei Fingern, damit sie genügend
abtropfen, und hängt sie an einen warmen Grt. Nachdem sie wieder getrocknet,
taucht inan sie in eine Mischung von Halbstarkem Leim und Kreide, welche mög-
lichst dünn gehalten sein muß, damit die Blumen nicht an Form und Schärfe ver-
lieren; nach Abtrockneii auch dieses Aeberzuges taucht man die Blumen in schwachen
Tischlerleim. Nachdem Blätter und Blumen wieder abgetrocknet sind, befestigt man
dieselben in beliebiger Weise auf dem zu verzierenden Gegenstand, und zwar, indem
maii den Theil der Blumen, der auf den Gegenstand aufzuliegen kommt, mit Ver-
goldermasse bestreicht, welche aus zo Theilen Schlemmkreide, s Thcilcn starkein
Leim und q Theilen venetianischem Terpentin besteht, und gibt außerdem noch ein
oder zwei Nägel hinein. Hierauf wird der ganze Gegenstand mit Blumen und
Blättern in weißer Delfarbe ein bis zweimal gestrichen. Nach Abtrocknen wird
derselbe drei- bis viermal mit weißer Lackfarbe (Kremserweiß in Terpentinöl ge-
rieben) mit farblosen! Porzellanlack angemacht, und zwar indem der erste Anstrich
mehr Farbstoff, der folgende immer weniger enthält, so daß der letzte beinahe nur
aus Lack besteht, gestrichen. Die an dein Gegenstände zu vergoldenden Linien
werden, falls es Glanzgold sein soll, vor dem Streichen in der üblichen Weise ver-
goldet, soll es aber Mattgold sein, erst nach dem fertigen Anstrich. — Auf den
getrockneten Lackanstrich nun malt man Blumen und Blätter mit gewöhnlichen
Malerfarben, welche man nach dem Trocknen lackirt.
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