Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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5eite H60.

5eptember-t^eft.

so werden wir reichen Gewinn für unsere Produktion erhalten. Nur zweierlei ist
dabei zu beachten: Es ist dringend nöthig, daß wir mit Rücksicht auf die starke
Konkurrenz nur die vorzüglichsten Leistungen ausstellen, Leistungen, die genug
deutsche Eigenart zeigen, um seIbständigen Lindruck zu machen. Wir werden
den ausländischen Markt hierdurch am nachdrücklichsten erobern, denn die deutsche
Schmiegsamkeit an fremden Geschmack kommt von selbst; es ist nicht nöthig, sie
noch besonders zu pflegen. Auch werden wir kunstgewerblich erst dann konkurrenz-
fähig, wenn wir tonangebend sind, und das könnten wir bei unserer Geschmacks-
veranlagung, zumal deu anderen germanischen Nationen gegenüber, sehr wohl sein.
Es heißt kurzsichtig für den Augenblick, nicht für die Zukunft arbeiten, wenn wir
allzusehr auf fremde — Geschmacklosigkeit eingehen. Frankreich hat den Weltmarkt
erobert, indem es seinem feinen Geschmack folgte!

Und ähnlich müssen wir uns als Lernende verhalten. Das Fremde, das besser
ist, nachzuahmen, wird uns nie dem Fremden gleichwerthig machen. Aehnliches,
nicht Gleiches, und Besseres zu machen müssen wir als erstrebeuswerth erkennen.

Neben wir so viel Selbstkritik, so wird andererseits auch sicherlich die Genug -
thuung nicht ausbleiben, daß wir mit unseren Leistungen schon jetzt uns überall
behaupten können. Und diese Selbstsicherheit, die wiederum zur weiteren Aus-
prägung nationaler Eigenart führt,
ist uns auch leider oft genug von Nöthen!

Möchte man doch fast allein um ihret-
willen das Zustandekommen der
Weltausstellung herbeiwünschen. —

Mytogen.

Lin neuer lederartiger 8tofk zur Verstellung
von Möbelbezügen, Füllungen und Tapeten.

"sin neuerer Zeit wird, um der Forderung
des Publikums: die Möbel interessanter
und farbiger zu gestalten, gerecht zu werden,
zu den Füllungen der Möbel und Bezüge
der Stühle, insbesondere der kleineren und
solcher, die im deutschen oder englischen Stile
gehalten sind, vielfach Leder benutzt, wel-
ches noch, um recht zu wirken, mit plastisch
gehaltenen und bemalten Wappen, Emblemen
und Ornamenten ausgestattet wird. Gegen-
stände, gleichviel welcher Art, wirken, in
dieser angegebenen Weise verziert, ganz aus-
gezeichnet und machen einen guten, eleganten,
noblen Eindruck, und damit diese Manier
sich noch mehr Freunde erwerbe und auch
minderbemittelte Kunstfreunde sich derselben
bedienen möchten, erstrebte und vollendete
I. pofmeier in Wien eine recht interessante
und nützliche Erfindung, indem es ihm
gelang, einen Stoff herzustellen, der sich in
jeder Beziehung für die Zwecke der De-
koration statt des Leders verwenden läßt
und dem er den Namen Skytogen beilegte.

Skptogen unterscheidet sich kaum
merklich vom Leder, besitzt einen weichen,
lederartigen Griff und einen hohen Grad
von Widerstandsfähigkeit. Die lederartige
Baut ist fast noch unempfindlicher gegen
Beschädigungen mancherlei Art wie Leder
selbst, sie bricht weder beim Umfalzen und
hinterläßt auch beim Zusammenballen keine
Spuren des Jerknitterns, bleibt auch bei
Berührung mit Flüssigkeiten irgend welcher
Art, als Wasser, Gelen, ja sogar verdünnten
Laugen und Säuren vollständig intakt. Auch

Fette und ähnliche Substanzen erzeugen auf dem Skytogen keine Flecken, sondern
lassen sich, wie alle vorher genannten Flüssigkeiten, ebenso leicht wie anhaftender
Staub mittels eines feuchten Lappens abwischen, ohne irgend welche Spuren zu
hiuterlassen. — Das S kyto gen wird zur Zeit in 20 verschiedenen Farben hergestellt,
wodurch die Möglichkeit geboten wird, daß dasselbe jedem polzton auf das Beste
angepaßt werden kann. Doch auch mit Ornamenten versehene gepreßte Füllungen
und Friese werden geliefert, die sich trefflich für Füllungen von Wandschränkchen
und sonstigen Möbeln eignen, die an kein bestimmtes Maß gebunden sind und für
den Verkauf hergestellt werden können. Das Skptogen verlangt keine wesentlich
andere Behandlung, wie alle anderen in gleicher Weise verwendeten Stoffe, nur
ist darauf zu achten, daß als Klebmittel möglichst dicker und guter Leim verwendet
wird, und damit die Narbe nicht leide, streiche man den Gegenstand, auf welchen
das Skytogen aufgeklebt werden soll, mit Leim an und ziehe dann das Skptogen
auf. Etwaiges hierbei auftreteudes Schwitzen vergeht nach kurzer Zeit und ist
solches kein Zeichen einer falschen Behandlung, sondern beruht auf der natürlichen
Beschaffenheit des Skytogen. Soll der mit Skytogen überzogene Gegenstand singe-
preßt werden, so lasse man ihn erst vollständig trocknen. Bei Reliefpressungen thut
man gut, die Unterlage, die dem Relief kalt geben soll, erst vorzupressen, mit Leim
anzustreichen und das Skytogen in die Vertiefungen eiuzudrücken. F. Bötticher.

Mfluh dev "Eapete auf die
Gefchmacksbildung.

von wilh. F. Toifl.


Nr. H25.

ie Geschmacksbildung des Konsumenten eines kunstgewerblichen oder in-
dustriellen Produktes ist in der Regel so verschieden, wie der Kunstwerth
dieser Dinge selbst. So manches derselben wird von dem Linen für schön gefunden,
welches der Andere für ebenso unschön erklärt. Ein richtiges Urtheil zu fällen,
sind die wenigsten berufen, mag auch deren Bildung über das gewöhnliche Maß
hinaus gehen. Guter Geschmack ist nicht inimer ein integrirender Theil derselben,
er beruht auf einer natürlichen Anlage, welche insbesondere durch das Auge ihre
Schulung erhält. Durch vieles Sehen und Vergleichen lernt man den Unterschied
wahrnehmen, welcher sich in eine das Auge wohlthuende Wirkung oder deren
Gegentheil gliedern läßt. Wenn man darum Gelegenheit geboten erhält, andauernd
Schönes zn sehen, so wird auch die Fähigkeit, dieses jederzeit zu erkennen, erhöht.
Diese Sicherheit, das Schöne zu erkennen, wo es vorhanden ist, beeinflußt in günstiger

Art auch unsere Wahl, sie befähigt uns zu
der Wahrnehmung, ob ein Ding seinem
Zweck entsprechend, auch in die ihm passendste
Form gebracht erscheint. Es ist darum jedes
Ding berufen, ans deu Geschmack bildend zu
wirken, wenn es nach kunstästhetischen Regeln
geschaffen wurde, von mancher Seite wird
aber nun sehr protestirt werden, derpapier-
Tapete die Eigenschaft zuerkennen zu wollen:
sie übe günstigen Einfluß auf die Bildung
des Geschmackes. Zum Theil mag eine
Einwendung wohl berechtigt erscheinen und
zwar insofern, als überhaupt kein Kunst-
produkt oder kunstgewerbliches Erzeugniß
diese Eigenschaft zugesprochen erhalten darf,
sobald es den Regeln der Schönheit, folglich
auch den Anforderungen in Bezug auf die
seinem Zweck entsprechende Gestaltung wider-
spricht. Denn wenn eine Sache kunst-
industrielles Produkt sein soll, so
muß doch in erster Linie angenommen
werden, daß die Kunst ein gewichtiges
Wort dabei mitzusprechen hat, und wenn
dieses nun der Fall sein muß, so kann man
unter den Begriff „Kunst" doch nur, und
speziell auf unseren Fall bezogen, ein inniges
Zusammenwirken der besten Leistungen einer
hochentwickelten Technik, und andererseits
ein zweckentsprechendes Gestalten des Gegen-
standes unter Einwirkung einer künstlerisch
geschulten Fantasie verstehen, welches Zu-
sammenwirken sich in der Schaffung der
edlen Form und in der ruhigen einfachen
und harmonischen Durchbildung des Ganzen
offenbart. — Nun mag aber wieder der
Einspruch erhoben werden, daß nicht immer
Alles, was man Kunstprodukt nennt, auch
diesen Regeln entspricht, folglich auch keinen
Anspruch auf eine Bezeichnung dieser Art
h rt; auch dieses hat seine Berechtigung, und
gar häufig kann es auf die moderne Papier-
Tapete bezogen werden, trotzdem sie doch
ein kunstindustrielles Produkt sein will. Aber
wir wollen diese auch nicht in ihrer All-
gemeinheit als geschmackbildendes Er-
zeugniß angesehen haben, sondern eben nur
in ihren besten Exemplaren, welche wirklich den angedeuteten Anforderungen ent-
sprechend geschaffen sind, und darum auch als wahres kunstindustrielles
Produkt zu gelten das Recht beanspruchen können.

Soll eine Tapete dieser Bezeichnung würdig sein, so darf keineswegs dabei
beansprucht werden, daß sie mit allen möglichen Mitteln und Finessen, welche der
Technik zur Verfügung stehen, ausgestattet sei, sie würde wohl dadurch kostspielig,
aber nicht immer schön gestaltet werden. Am das Letztere zu erreichen, genügt
vollauf, wenn jene Faktoren, welche ihren Bestand schaffen, in zweckentsprechendster
und vollendeter Art herangezogen werden, und diese sind: edle Zeichnung in
der Musterung, harmonisches Kolorit, gutes Material und korrekte
technische Perstellung.

Beide erste Faktoren gehören in das Gebiet der Kunst, beide Letzteren bilden
den hervorragendsten Theil der, Fabrikation, der Technik. Schon daraus ersieht
man, daß der Kunst ein nicht minder gewichtiger Theil, wenn nicht der gewichtigste,
zufällt, und daß dieser, in seiner besten, edelsten Art in Anwendung gebracht, der
Tapete wohl die Eigenschaft beibringen kann, auf den Geschmack bildend wirken
zu können. Ist nun aber diese Eigenschaft vorhanden, dann wird deren wohl-
thätiger Einfluß auf den Geschmack sowohl durch die hohe Bedeutung, welche der
Tapete bei der „Wohnungs-Ausstattung" zufällt, als auch durch ihren massenhaften

Sogenanntes „Teppich-Muster", Maschinendruck.

Anhalter Tapetenfabrik («L. schütz) Dessau.
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