Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Seite s^8.

September-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

ohne jegliche Bekanntschaft mit den Naturformen, ja nicht einmal in
dem Versuch, sich an solche anzulehnen, entworfen. Nach und nach
beginnen, in begreiflicher Reaktion gegen dieses leere, erstarrte Schnörkel-
avesen, naturalistische formen an dessen
Stelle zu treten; bald werden Blumen
aller Art in möglichster Naturtreue mit
Licht- und Schattenwirkung kopirt, bis
schließlich der ausgesprochenste Na-
turalismus herrschend wird. Der wun-
derlichen Erscheinungen, die er in der
Tapeten - Fabrikation hervorrief, erin-
nern sich ja noch Viele von uns. An
und für sich, als Malereien betrachtet,
oft höchst künstlerische Leistungen, zeigten
diese Tapeten meist Blumen größter
Dimension mit stärksten Licht- und
Schatten-Effekten und kräftigster, meist
kalter, kalkiger Farbengebung. Zu
Wandbekleidungen so ungeeignet wie
möglich, wirkten sie beängstigend un-
ruhig, durch die Aufdringlichkeit und
Wucht ihrer Formen und Farben,

Bilder, Möbel und alle sonstigen Gegen-
stände des Zimmers förmlich erdrückend.

Diese Art der Formengebung er-
lebte ihre Blüthezeit während des zwei-
ten Napoleonischen Raiserreichs, mit
dem sie auch wieder verschwinden sollte.

Sehen wir uns diese Tapeten
darauf an, was sie vorzustellen beab-
sichtigten, so erkennen wir unschwer,
daß sie meistens darauf ausgingen, die
Wände in Lauben, Blumenhecken u.dgl.
zu verwandeln. Das Unsinnige, Abge-
schmackte dieser Absicht liegt auf der
Hand. Welcher vernünftige Mensch
wollte wohl Sommers und Winters, von früh bis spät, unaufhörlich
im Freien sitzen, oder sich doch den Eindruck Hervorrufen, daß er im
Freien säße? Im Gegensatz zu der ungebundenen Natur soll uns ja

gerade das Zimmer die Stimmung des Abgeschlossenen, des Geordneten,
wohlthuend Beruhigenden gewähren. Und diese Stimmung, die eine
sinnvolle Dekoration noch erhöhen kann, sollte ein Verständiger absichtlich

aufheben und vernichten? Aber selbst
abgesehen hiervon. Das Ziel, was
sich die künstlerischen Urheber dieser
Tapeten stellten, ward nicht einmal
erreicht und konnte nicht erreicht werden.
Rann ein Tapetenmuster, dessen mecha-
nische Herstellung die häufige Wie-
derholung bedingt, jemals —und
wenn es noch so künstlerisch gemalt
wäre — den Eindruck einer natürlichen
Laube machen? Muß die hundert-
malige Wiederkehr aller Zufälligkeiten
einer und derselben Pflanzenpartie,
die Beleuchtung der Formen ohne Rück-
sicht auf die Fenster des Zimmers u. A.,
nicht höchst unnatürlich, häßlich, ja
widerwärtig wirken?

Aber selbst wenn wir annehmen
wollten, die Zeichner dieser Tapeten
hätten ihre Blumenmuster nur als
„Malereien" geben wollen, ohne die
Absicht, uns Natur vorzutäuschen, —
auch dann müßten wir ihre Leistungen
als verfehlt bezeichnen. Denn derartige
hundertmal sich wiederholende Blumen-
bouquets können nicht einmal den Ein-
druck einer „Malerei" Hervorrufen.
Würde selbst der geistloseste Maler, be-
auftragt, eine Wand zu schmücken,
hundertmal ein und dasselbe Bouquet
an die Wand pinseln? Gewiß nicht!

Aber mehr noch. In ein der-
artig dekorirtes Zimmer wären na-
türliche Blumen, die doch einen höchst reizvollen Schmuck abgeben,
den wir nicht zu entbehren wünschen, schlechterdings nicht aufzustellen,
da dieselben einmal das Unnatürliche der gemalten Blumen noch mehr

Abbildg. -w-z. Tapete kür Hausflur: und Treppenhaus, Maschinendruck.

von Georg Großheini, Tapetenfabrik, Elberfeld.

ine englische

Don Vtto Waldau-London.

Ironie", so beginnt ein altes, seelenvolles eng-
lisches Lied, das schon so manche berühmte Sängerin nicht
verschmähte, hier als Einlage bei Gelegenheit eines Ronzertes
zu singen, um mit der schlichten Weise immer und immer wieder
Stürme der Begeisterung bei ihren Zuhörern zu erwecken. „Heim,
trautes Heim", heißen diese Worte in freier Übersetzung, und sie sagen
wenig und dennoch auch wieder so unendlich viel. Unzertrennliche Bande
knüpfen ja wohl die meisten Menschen an das Land, wo ihre Wiege
stand. Und wohin sie auch immer des Lebens Stürme verschlagen
haben mögen, der Drang bleibt fast stets in ihnen lebendig: dahin
einstmals wieder zurückzukehren und dort den eigenen Herd aufzubauen.

Rein Volk aber kann wohl anhänglicher an sein Vaterland sein,
als die Engländer an das meerumwogte Inselreich, an dessen Felsen-
ufern die Brandung tost, und wo Nebel und Regen zu Zeiten die
ständigen Gäste sind. Wenn's draußen stürmt und tobt und den Tag
in Nacht verwandelt, dann ist es aber nur zu natürlich, daß man sich's
im Hause recht traulich macht. Sein festes Schloß nennt der Britte
sein Haus, denn, klein gebaut, dient es fast immer nur einer Familie
zur Wohnung, und diese nach Artisten zu schmücken, läßt er sich be-
sonders angelegen sein. Selbst da, wo man in bescheidenen Verhält-
nissen lebt, sind die Treppen mit Läufern belegt, und ebenso der Fuß-
boden bis in die äußersten Winkel mit Teppichen. Solche hält man
hier für unerläßliche Einrichtungsgegenstände, und sie wie die Ramme
mit den offenen Feuern, verleihen den Zimmern bereits eine gewisse
Fülle und Behaglichkeit, so daß es wohl schon daher kommen mag,

daß man hier den leichten graziösen Möbeln vor den schweren und
prunkhaften den Vorzug gibt. Viel tragen dazu natürlich auch die
verhältnißmäßig kleinen Räume und der Umstand bei, daß man fast
niemals mehr als drei Zimmer in einem Stockwerk, und nicht wie
anderwärts, eine ganze Flucht derselben findet. Es gilt das natürlich
nur von den Gesellschaftsklassen bis hinauf zum höheren Mittelstände,
denn in den Villen und Palästen der Reichen sind selbstredend Säle und
parquets zu Hause. Es ist aber das Heim des wohlhabenden Bürgers,
dessen jährlicher Zinsgenuß von achthundert oder tausend Pfund Sterling
ihm fern von dem Getriebe der Stadt in einem der äußeren Viertel
Londons ein behagliches Dasein gestattet, bei dem wir heute einen kurzen
Besuch machen wollen.

In der Nähe der zahlreichen Parks findet man in der Regel recht
einladende Straßen mit Bäumen bepflanzt und auf beiden Seiten von
kleinen Häusern eingefaßt, die meist alle wie ein Ei dem andern gleichen.
Näher betrachtet, unterscheiden sie sich aber von einander durch die
mehr oder minder große Sorgfalt, welche auf die Pflege des Aeußeren
verwendet ist, und wir lenken unsere Schritte natürlich einem solchen
zu, wo schön ausgelegte Beete im Vorgarten bereits für den Bewohner
sprechen. Wir begeben uns nach der kleinen, mit bunten Glas fenstern
geschmückten Hausthür und begehren mit dem lauten „Rattatat" des
Rlopfers Einlaß. — Hausflur und Vorsaal ist hier eins. Zumeist
ist der Raum schmal und lang und befindet sich in der Mitte oder
ganz an der Seite des Gebäudes. Im Hintergründe desselben, an
einer halben Portiere vorbei schauend, erblicken wir eine Treppe, die
nach den oberen Gemächern, und eine solche, die nach den meist halb
unter der Erde gelegenen Wirthschaftsräumen führt. Der Vorsaal ist
immer hell, denn er empfängt sein Licht durch die großen Scheiben der
Hausthür. Bilder, Szenen aus dem Sportleben darstellend, schmücken
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