Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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November-Heft.

Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Teile fyö.

Ecken des Thurmpavillons erfreuen uns vier köstliche, im Reigen umhertanzende
Knaben mit hoch balancirter Krone. Selbst die Kupferrippen der Glaskuppel und
die Gebälktheile des die höchste Kaiserkrone tragenden Rundtempelchens verweisen
in ihren eigenartigen Schlingranken und strahlenumgebenen Gesichtsmasken auf die
Vorbilder mittelalterlicher Zeichnungen. Der Unterbau der Kuppel und alle Ge-
simstheile sind überschüttet mit derartigen Motiven, die leider nur den großen
Fehler haben, daß ein bedeutender Theil von ihnen dem Untenstehenden bei unbe<
wasfnetcm Auge unkenntlich, theilweise sogar unsichtbar bleiben muß.

In dieser ganzen (Ornamentik liegt naturgemäß ein speziell deutscher Zug,
der den Karakter der italienischen Renaissance, welcher mit vollem Recht dem Ge-
sammtaufriß zu Grunde gelegt ist. in gewissem Sinne kompensiren mag. Bei jeder
passenden Gelegenheit verwendet sie die aus der Holz- und Schmiedetechnik über-
nommenen Formen, welche die deutsche Renaissance in ihrem blühenden Kunstge-
werbe so mannigfaltig ausgebildet hat. Auch bei den vorläufigen Versuchen, die
mit der Wandverkleidung der Innenräume angestellt werden, treffen wir öfters auf
ornamentale Motive im
Sinne der deutschen Renais-
sance. So steht zur Zeit
an einem Theil d^r Wand
des großen Sitzungssaales
ein Modell der herumzufüh-
renden Verkleidung. dessen
Hauptmotiv in einer Brüst-
ung und einem sich wieder-
holendem Pfeiler besteht,
welche in ihrem Schnitt und
ihrer Gliederung durchaus
in altdeutscher Holzmanier
gedacht sind und aus akusti-
sche» Gründen hier vielleicht
sogar in Holz selbst ausge-
führt werden sollen. Die
ursprüngliche Absicht ging
auf vollständige Holzverklei-
dung dieses Raumes, bei
dessen Bau man ganz die
Maße des jetzigen, akustisch
bewährten provisorischen
Reichstagshausesübernahm,
da man sich auf Experimente
in diesem Punkte heute schwer
einläßt. Anläßlich der ge-
planten Berliner Domkuppel
kam die Thatsache erst wie-
der zur Erinnerung, daß die
in der Antike und im Mittel-
alter noch bekannten akusti-
schen Gesetze für große
Bauten uns heute verloren
gegangen zu sein scheinen.

Das Vrinetrrin saliens
der inneren Verkleidung des
Reichstagsbaues bildet der
berüchtigte Marmorstuck, der
in der erwähnten großen
Wandelhalle zur Anwen-
düng kommen soll. Während
der Außenbau so weit fertig
ist. daß man jetzt schon daran
geht, die allegorischen Figu-
ren, welche unter jeden Eck-
pavillon kommen, von den
Bildhauerwerkstätten am
Fuße des Baues hinaufzu-
ziehen — während ferner
von der westlichen Giebel-
grupxe. einer Vereinigung allegorischer Gestalten und Symbole, schon das Modell ,
zu Ende geführt, ist der Ausbau des Innern noch nicht einmal so weit, daß die
nackten Iiegelwände nur vom Putz gedeckt würden. Jener Marmorstuck, dem —
nach den bekannten Streitigkeiten — gegen den Millen wallots schließlich vor dem
Marmor selbst aus Lrsparnißgründen der Vorzug gegeben wurde, haftet darum
probeweise nur an einem Theile der wand, noch unpolirt. während ein polirtes !
Stück, das erste Probe-Exemplar, in einem der oberen Säle neben Beispielen des
vorbereitenden Prozesses sehr instruktiv angebracht ist. Das von einer Wiener
Firma gelieferte Fabrikat macht in der That einen guten Eindruck. Das geübteste
Auge wird es kaum von wirklichem Marmor unterscheiden können. Selbst die
fühlende Hand, die sonst den Stuck an seiner größeren wärme erkennt, wird hier
durch die marmorhafte Kälte angenehm überrascht. Nur hoffen wir bei dem übel-
beleumundeten Stuck auch auf eine recht gehörige Haltbarkeit, damit das Ersparniß-
Rechenexempel nicht schließlich doch sich als eine Täuschung erweise! Denn gerade
diese Wandelhalle wird ein Prachtbau seltener Schönheit werden, dem man eine
besondere Dauerhaftigkeit von Herzen wünscht. Schon jetzt erfreut sich die voraus-
denkende Fantasie der berückenden Wirkung dieses Raumes. Aber das Auge muß

sich mit den kleinen Modellen des Baues begnügen, von denen das eine, welches
Gtto Lessing für die Lhicagoer Ausstellung in dem bedeutenden Maßstabe y:25
arbeitet, schon kaum noch „klein" zu nennen sein wird. Leichter zugänglich ist eine
Zeichnung, die Dtto Rieth in seiner bekannten malerisch-wirksamen Art von der
Wandelhalle entworfen hat und die der ersten Nummer dieses Jahrgangs der
Deutschen Bauzeitung mitgegeben wurde. Entlang den mit Nischen, Halbsäulen
und stolzen Gewölbekaxpen verzierten Wänden blickt man in die lichtdurchfluthete
achteckige Mittelhalle, die von prächtigen, brückenartigen Säulendurchgängen um-
rahmt ist, und weiter in die entsprechende Langhalle der Südseite — alles in reicher
und doch vornehmer Auswahl mit plastischem und malerischem Iierrath geschmack-
voll ausgestattet. Es sind im Ganzen ys, z? rri Länge, die das Auge hier auf
einmal übersieht. Jetzt stellt sich der Raum noch als ein finsterer Tunnel zwischen
Brettergerüsten dar. dessen nackte wände von dem Schlage der Eisenhämmer und
dem Rollen der kleinen Transportbahn schauerlich widerhallen, vergleicht man den
augenblicklichen Zustand mit dem Zukunstsbilde, das uns der Künstler auf dem

Papier und im Modell vor
Augen führt, so schüttelt
man bedenklich den Kopf
über die Hoffnung, im Jahre
f89H mit den wesentlichen
Arbeiten des Ausbaues
fertig sein zu wollen!

Die Fotografie in
natürlichen Farben, de-
reu Herstellung bisher für
etwas Unerreichbares und
Unmögliches gehaltenwurde,
ist jetzt von Prof. Vogel
im Vereine mit dem Lhromo-
litografen Ulrich verwirk-
licht worden. — Das „Ge-
werbeblatt aus Württem-
berg" schreibt darüber nach
dem „Reichsanzeiger": „Bei
der Herstellung der Foto-
grafie in natürlichen Farben
handelt es sich um ein foto-
mechanischesDruckverfahren.
das bei Anwendung von nur
drei Platten alle Farbentöne
des (Originals mit vollkom-
mener Treue wiedergibt.
Bekanntlich lassen sich alle
Farben durch Mischung der
Grundfarben, gelb, roth und
blau. Herstellen. Hierauf be-
ruht das neue Verfahren,
das eine gelbe, eine rothe
und eine blaue Platte über-
einander druckt."

Weiter wird der„Magdeb.
Ztg." darüber geschrieben:
„Uoberraschend ist. daß diese
drei Platten durch die Foto-
grafie selbstthätig hergestellt
werden, indem man vor die
Linse des Apparates flüssige
Lösungen, zwischen paral-
lelen Spiegelglasscheiben
eingeschlossen, bringt — sehr
bezeichnend .Filter" genannt
— die nur gelbe oder nur
rothe oder nur blaue Strah.
len durchlassen. Wem be-
kannt ist, wie mannigfaltig
die Zusammensetzung der Farben ist, der kann nur staunen, daß es möglich ge-
wesen, Mittel zu finden, sie allesammt in jene drei Grundfarben auseinander zu
legen. Denn läßt sich jeder Farbenton aus diesen bilden, so ist doch nicht jeder
Farbenton der Wirklichkeit durch solche Mischung entstanden. Möchten wir darum
bis auf Weiteres die Frage als offen betrachten, ob das angewendete Verfahren
in der That jeden Farbenwcrth ganz ohne Rest auf die drei Platten zu bringen
vermag, so gelingt dies doch jedenfalls in einer sehr starken Annäherung. Das
beweisen die erzielten höchst vollkommenen Nachbildungen von Gemälden, wie von
Naturansichten. Die letzteren bieten größere Schwierigkeiten, insbesondere ist die
Darstellung lebender Personen noch nicht gelungen. Die Farben der Natur zeigen
sich dem Verfahren gegenüber wohl begreiflicher weise spröder, als die durch ein-
fache Mischungen hergestellten künstlichen. Aber schon jetzt ist das Verfahren, an
dessen Ausbildung noch unausgesetzt gearbeitet wird, soweit entwickelt, daß es nicht
nur vollberechtigt in die Reihe der grafischen Künste eintreten kann, sondern auf
diesem Gebiete mit Sicherheit eine Umwälzung herbeiführcn wird." — Hoffen wir
auf weitere günstige Erfolge der Erfinder, damit die seit Jahren gesuchte Lösung des
„Problems der farbigen Fotografie" endlich als etwas vollkommenes geboten wird.

« Abbildung Nr. -f50. Tliür- und Wand-Verkleidung in Holzschnitzerei und Gobelinmalerei.
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