Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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März-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite ^5.

^as fehlt unserer modernen

Line Studie von N)ilh. Iaiser.

ftmals werden, besonders auch an dieser Stelle, die alten
dem Fachmann wohlbekannten Klagen geführt, ja fast tag-
lich muß er hören: „Meine Wohnung, von der tüchtigsten
und leistungsfähigsten Firma nach der neuesten Mode und sehr luxuriös
eingerichtet, ist nicht im Stande, mir jenes Gefühl einzuflößen, wie ich
es von einer Wohnung erwarte. Denn statt daß ich mich angenehm
gefesselt fühle an einen solchen Wohnraum, fühle ich mich bedrückt,
eingeengt, mehr aufgeregt als beruhigt, und an Stelle der gewünschten
Behaglichkeit tritt schlechte Laune und Abgespanntheit. Es ist mir
unerklärlich, daß ich mich lieber
hingezogen fühle zu den Freunden,
welche in hagestolzer Abgeschie-
denheit allabendlich im Innern
der Stadt sich treffen, um in
einer versteckten Klause mit rauch-
geschwärzten Holzwänden und
riesigem Kachelofen beim trauten
LampenscheinegemüthlicheAwie-
sprach zu halten." — Suchen wir
nun oben angeführte Klagen
näher zu beleuchten, so ist es
nothwendig, unsere moderne
Wohnung mit der unserer Vor-
fahren zu vergleichen, von der
wir wissen, daß dieselbe im
Wesentlichen als Ideal einer
guten Wohnung gilt. — Blättern
wir zu diesem Zweck in der Ge-
schichte um einige Jahrhunderte
zurück und suchen die gemächliche
Klause wieder auf, so finden
wir in dem ehrwürdigen Raume,
dessen jetziges Aussehen aller-
dings im Wechsel der Zeiten
manche Aenderung erfuhr, die
große geräumige Wohnstube
eines wohlhabenden Handwerks-
meisters. — Es ist ein heiterer
Frühlingssonntag. Würdevoll
hat sich der biedere
Hausherr an der
Seite seiner ehrsa-
men Gattin mit
seiner Familie zu
Tisch gesetzt, dessen
mächtige Platte
blendendes Linnen
und fast reiches Ge-
deck präsentirt. — /

Guter Sitte gemäß
wird bei Tische we-

geselle den Meisters-
leuten sein „wünsch', daß's wohl bekomm'" in althergebrachter Reim-
weise gewünscht und Urlaub für den Nachmittag erhalten hat, wird
auch hier die Tafel mit Spruch und Lied aufgehoben, jedoch nicht, ohne
daß zuvor der Ehrenbecher, ein Geschenk der Gilde, einige Male im
Kreise herumgegangen wäre. Nachdem abgetragen, wird Hand und
Mund am nebenstehenden Waschkästlein gereinigt und nun wird ge-
meinsam ein Spaziergang vor das Thor angetreten. Ruhe ist eingekehrt
in der Stube und wir können ungestört unsere Betrachtungen anstellen.
Ringelnd Haschen sich die Sonnenstrahlen, mannigfach gebrochen durch
die Butzenscheiben, aus dem blanken Stubenboden, oder spielen sich
neckend herauf an dem dunklen Getäfel, dessen eingelegte Füllungen,
reiche Schnitzereien, Konsolen und Fratzengesichter von der Kunst und

Fertigkeit der Vorfahren, welche dieses Haus erbaut und eingerichtet,
beredtes Zeugniß ablegen. Dem Enkel aber und jetzigen Meister im
Handwerk eine stete Erinnerung und Mahnung sind, im Geiste der
Väter fortzusahren und weiterzubauen an dein, was die Heimgegangenen
in treuer Pflichterfüllung gegen Staat und Gbrigkeit, Mitmenschen und
Nachkommen erschufen, zum Segen der Familie mit Fleiß, Ausdauer
und Bedächtigkeit. In der Ecke, unweit des Ofens, beim Fenster, dessen
einer Flügel geöffnet ist, sitzt im Sorgenstuhle die Großmutter. Des
Winters Flocken bedecken das gebeugte Haupt und träumend lauscht

sie dem eintönigen Pendelschlage
der alten Stockuhr, deren Ruf
so manche Erinnerung in ihr
weckt aus fernen längst ver-
schwundenen Tagen. Summend
schwirren die Bienen um den
blühenden Weinstock und um die
Gelbveiglein, Nelken und Ros-
marin aus dem ötockbrett, vor
dem Fenster gaukelt ein schillern-
der Falter, der in stiller Daseins-
freude sich an dem goldenen
Sonnenschein und den süßen
Blumendüften ergötzt. — Im
Erkervorbau, wo wilder Epheu
grüßend zu dem Fenster herein-
nickt, dem Heiligthum der Haus-
frau, steht feiernd das Spinnrad,
während im Sonnenschein auf
der Fensterbank der graugestreifte
„Herr der Ratten und der Mäuse"
zufrieden schnurrend sein Mittag-
schläfchen hält, nur zuweilen
auffahrend, um ein zudringliches
Mücklein, welches sich flügel-
wetzend aus sein empfindliches
Ohr gesetzt, abzuschütteln. Der
große Schrank mit reichem Schloß
und Band, kunstvollen Schnitze-
reien und zierlich eingelegten
Füllungen, birgt in
seinem Innen-
raume, neben kost-
barem Schmuck und
Gewand, hochaus-
geschichtet blenden-
des Weißzeug. Dort
im eichenen Fach
steht mit reichem
Bildwerk versehen
Parsival u. Theuer-
dank, nebst anderen
schweren Folianten,
welche viel erzählen
von alten Helden
bis hinaus in die ferne heidnische Vorzeit, wo es noch Lindwürmer
gab und man unter freiem Himmel Odin und Freya Opfer brachte.
Im obersten Fach prankt manches blitzblanke Taselgeräth, bereit um
bei festlichen Gelegenheiten den Tisch zu schmücken, dessen ehrwürdiges
Aussehen und einladender Ninsang einen zufriedenen, beglückenden Ein-
druck hervorruft. Der Tisch ist das meistbenützte Geräth im Zimmer,
der Zentralpunkt, um welchen sich die hauptsächlichsten und wichtigsten
Familienvorkommnisse abspielen. Km den Ofen herum und längs der
Hinterwand zieht eine mit Kissen belegte Bank sich hin, deren mächtige
Breite zu behaglicher Rast einladet. Denselben Dienst erweisen auch
einige Truhen und die wenigen Stühle, deren derb geschnitzte Lehnen
reich verschlungene Ungeheuer zeigen, welche das Gildewappen und

Mg gesprochen, und * Abbildung Nr. 309. Salon-Schränkchen im Stil I^ouis XVI. "Näkeres siehe Beschreibung.

Nachdem der Alt- Original-Entwurf von 'lvilb. Zaiser fr., Stuttgart.
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