Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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November-Ljefl.

Zllustr. kunstge werbt. Zeitschrift für Znnen-Dekoration,

Leite

"Mreppenanlagen als ^MelwrativnsmitteL in Manrilienhäulerlf.

von Architekt Julius Laulwasser.

keiner Stadt Deutschlands ist der Prozentsatz, der Bevölkerung der ein
ganzes Haus bewohnt, ein so hoher wie in Hamburg. Nach der
Zählung von ;885 entfielen von je ;ooo Wohnungen 8S,q auf ganze
Häuser und von je ;ooo Einwohnern gehören tlS,? zv den Bewohnern
ganzer Häuser. Nach diesen relativ ganz außerordentlich hohen Zahlen darf mit
Recht vermuthet werden, 1


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daß die Ausbildung des
Linzelwohnhauses in Ham-
burg auf eine besonders
hohe Stufe gelangt sein
müsse. Dies ist auch in der
That der Lall, denn hinter
den freilich meist nur schlich-
ten Außenseiten ist vielfach
ein Innen-Arrangement zu
finden, welches mit raffi-
nirter Bequemlichkeit eine
äußerst wirkungsvolle De-
koration verbindet.

Lines der maßgebend-
sten Momente in der An-
ordnung von Lainilienhäu-
sern ist die Treppen-
Anlage, von einer mehr
oder weniger bequemen
Treppe ist nicht nur die
gute Bewohnbarkeit des
Hauses vorwiegend ab-
hängig, sondern schon die
Lage der Treppe an und
für sich bedingt in wesent-
licher Weise die Anordnung
des ganzen Hauses. Der
Architekt muß dies oft auf
sehr fatale weise bemerken,
wenn er nach einem hier
oder da publizirten Bau-
entwurf, der die Begeiste-
rung eines Bauherrn wach-
gerufen hat, ein Projekt für
die Ausführung aufstellen
soll; denn nur zu oft zeigt
sich bei dem hierfür erfor-
derlichen näheren Eingehen
auf jene Veröffentlichung,
daß bei der Treppe stark
„gemogelt" ist, und daß die
ganze Anordnung sich als
unmöglich erweist, oder nur
unter Verschiebungen durch-
geführt werden kann, welche
alle vermeintlichen Vorzüge
solchen Entwurfes völlig
aufheben. — Lassen sich
schon diesem Umstande die
Schwierigkeiten entnehmen,
die dem Architekten bei der
Treppenanlage und speziell,
wenn solche auf beschränkten
Raumverhältnissen bezwun-
gen werden soll, entgegen- !______

treten, so ist es andererseits um so interessanter, den Gedanken nachzugehen, mittelst
derer es bei manchen Hamburger Häusern versucht ist, trotz mäßiger Raumentwicke-
lung, die Trepxenanlage zu einer, sich von der sich allgemein wiederholenden Form
befreienden zu gestalten und sie als wesentlichen Theil der Znnen-Dekoration des
Hauses nutzbar zu machen.

Hierher sind zunächst die neuerdings zahlreich auftretenden Häuser zu rechnen,
in denen der Treppenplatz zu einer Halle erweitert ist und als sogenannte „alt-
deutsche Diele" zugleich das wohn- oder Eßzimmer der Familie bildet. Diese in

vieler Beziehung reizvollen Anlagen verlangen aber, daß der Eigenthümcr sich so
einzurichten verstehe, daß der Raum später auch die Behaglichkeit wirklich bietet,
ohne die man ihn viel lieber gar nicht besitzen möchte. Dies ist indeß keineswegs
ohne Weiteres zu verbürgen und es tritt als fernere Bedenklichkeit noch der Um-
stand hinzu, daß der ganze übrige Grundriß des Hauses schon sehr geschickt gruppirt

" l sein muß, weun die Halle

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nicht doch zu Zeiten sehr
unbequem werden soll. Ge-
gen das Aufsteigen der
Dünste aus den Rellerräu-
men und der Rüche muß
die Diele durchaus geschützt
sein, gegen Zugluft ist sie
zu sichern, ferner bedarf sie
unter allen Umständen einer
besonderen Heizung und
muß endlich auch im Ober-
geschoß derart abgeschlossen
sein, daß sie nicht zu der
schrecklichen Schallvermitt-
lerin wird, die das ganze
Haus hellhörig »nacht.

Da auch die Unter-
bringung der Nebengelasse
als Garderobe, Anrichte-
raum, Aellertreppe, innerer
varplatz des Obergeschosses
rc. eine gewisse Breiten-
!entwickelung des Bauplans
Gunter allen Umständen er-
fordert, so ergibt sich, um
^ fo mehr, da auf gute Lage
und Größe eben dieser
«Räume in Hamburg ganz
»besonderes Gewicht gelegt
zu werden pflegt, daß die
altdeutsche Diele für Ver-
kaufshäuser nur in den sel-
tensten Fällen empfohlen
^werden kann. Nichts desto
weniger gelingt es den Ar-
chitekten aber doch häufig,
auf einem nur ganz schmale»
Grundstück eine großartige
Raumwirkung mit der
^Treppenanlage zu erzielen
und wir wollen einige in
dieser Beziehung als rüh-
fuens- und nachahmens-
^werth zu bezeichnende Bei-
spiele vorzuführen versuchen.

Gehen wir von der sehr
reizvollen, wenngleich noch
ganz konventionellen Trep-
! penanlage aus, welche Herr
! ArchitektHallerindemHause
Ulopstockstraße (Seite ;y8)

; zur Ausführung gebracht
s hat, so spricht sich hierin
der vollendete Typus dessen
aus, was der Hamburger
Nach dem Obergeschoß führt
Seitenlicht hat,

nach Möglichkeit mit seiner Treppe zu erreichen trachtet,
eine zweiarmige Haupttreppe, welche oberhalb des Eßzimmers hohes
das auch dem geräumigen, ganz symmetrischen, einer geschlossenen Ausbildung Raum
gebendem Vestibül zu Gute kommt. Unter dem Oberarm und Podest dieser Treppe
liegt der Anrichterauin, auf welchem, vom Vestibül aus hinter zweimaligem Thür-
verschluß, die Aellertreppe ausmündet. Die beiden Oeffnungen neben dem Antritt
der Haupttreppe erhalten keine Thüren, sondern nur Portierenverschluß, und rechts
befindet sich hier der Garderoberaum, welcher direktes Licht vom Hof erhält. Im
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