Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Vktober-L)eft.

5eite s75.

benutzt, mit der die Rosetten, Schnecken und sonstigen verzierungstheile und Knoten-
punkte bemalt wurden. Lin im Berliner Kunstgewerbe-Museum befindliches Gitter
aus Italien, das mit einem Lorbeerzweig geschmückt, ganz kräftig in Grün und
Weiß bemalt gewesen ist, desgleichen auch ein drahtartiges Gitterwerk mit bunten
Blumen, welches aus Venedig stammt, dient als prächtiges Beispiel und erläutert
das vorhin Mitgetheilte. An alten deutschen, aus Rundstäben gebildeten Gittern,
wie sich solche noch hier und da an Brunnen vorfinden, hat noch nicht festgestellt
werden können, ob sie bemalt gewesen sind, da sie zuin Theil schon zu alt und von
der Witterung zerstört gewesen. Fraglich erscheint es, ob die großen und schönen,
allbekannten und vielfach in Zeitschriften publizirten Gitterwerke von Würzburg,
Danzig, Wien und anderen Orten bemalt waren, da bei denselben die Berankung
so reich und malerisch, die Plastik
eine so belebte ist, daß inan wohl
auf die Malerei verzichten konnte.

Gewiß ist aber, daß in Norddeutsch-
land und namentlich in Nieder-
sachsen, im Lüneburgischen, dann
noch im alten Stade und nament-
lich auch in den Vierlanden bei Ham-
burg die Gitterwerke und Beschläge
mit lebhaften Farben bemalt wurden
und in den Kirchen der Vierlande
findet man jetzt noch schön bemalte
eiserne Huthalter, Kerzenständer,

Krön- und Altarleuchter u. a. m.,
während man in den Bauernhäu-
sern prächtig bemalte Thür-, Schrank-
und Truhen-Beschläge vorfindet und
daselbst den Formen- und namentlich
Farbensinn der Altvordern bewun-
dern und studiren kann. Doch auch
das Rokoko hat nicht immer und
überall, trotz der reichen Form, auf
die Farbe verzichtet, finden sich doch
beispielsweise im Berliner Kunst-
gewerbe-Museum zwei Arme für
Herbergsschilder, aus der Mitte
des7;8. Jahrhunderts stammend, an
welchen die Malerei noch vollständig
erhalten ist und die lebhaften Hellen
Farben weiß, roth, blau und hell-
grau aufweisen; ein Kronleuchter,
aus derselben Zeit herrührend, zeigt
grüne Ranken, goldene Blätter und
Blumen, letztere sind in Porzellan-
manier, weiß und mit einem leichten
Anfiug von blau und roth bemalt,
und ein in der Schweiz von Lessing
erworbener Kronleuchter, welcher
dem Anfang des vorigen Iahrhun-
derts entstammt, ist mit nur zwei
Farben, gold und blau, bemalt, wo-
mit eine sehr vornehme Wirkung
erzielt wurde. Tisch-, wand- und
Kronleuchter werden jetzt oftmals
von Eisen geschmiedet und schwarz
angelassen, doch sind solche eigentlich,
wie Lessing sehr richtig sagt, der
kodten und stumpfen Farbe wegen
eine Geschmacksverirrung, denn ein
Leuchter, der Licht spenden soll,
sollte von dem glänzendsten Material,
von Kristall, von Silber, Bronze
oder polirtem Messing hergestellt
werden, benutzt man dennoch Eisen,
so muß dasselbe durch Farbe lebhaft
bemalt und durch Vergoldung leuch-
tend und glänzend gestaltet werden.

Die so vielfach beliebten Blumen-
tische, Handtuchhalter, Ständer für
Wasserbecken, Stand- und Wanduhren, Ampeln, Kästchen, Schreibtischgarnituren,
Laternenhalter und vor Allem die Licht spendenden Laternen und Leuchter der ver-
schiedensten Art sollten nicht schwarz gelassen, sondern, wie oben bemerkt, bemalt,
und je nach Zweck und Form ganz oder theilweise vergoldet werden, wodurch eine
wohlgefällige und zugleich künstlerische Wirkung erzielt würde.

Der Zweck dieser Zeilen ist, die Leser dieser Zeitschrift auf die Bemalung von
Eisenarbeiten in früheren Zeiten hinzuweisen und sie zu veranlassen, jetzt ein
Gleiches zu thun, es könnten somit, wenn dies geschehen würde, auch alte Eisen-
arbeiten, die unbeachtet herumliegen, wieder benutzt und zur Dekorirung des Hauses,
Gartens oder der Wohnung herangezogen werden, ist doch auch schon die Lust, alte
Eisenarbeiten mit Farbe zu behandeln, erwacht, indem beispielsweise in Dresden-
Blasewitz einige Kunstfreunde ihr gesammeltes oder ererbtes Schmiedeeisen in passender
Weise bemalten oder bemalen ließen, und auch der Kunstschlosser Kirsch in München

in neuerer Zeit in Eisen geschmiedete und dann mittelst Farbe dekorirte Lampen,
Leuchter, Ampeln usw. in geschmackvollster und künstlerischster Weise herstellt und
solche im Kunstgewerbeverein, wie auch in dessen Halle ausstellte.

Wünschenswerth würde es sein, wenn die „Bemalung des Eisens" auch
mit in den Lehrplan der Kunstgewerbe- und Fachschulen ausgenommen würde, und
wenn die Kunstgewerbevereine, die Maler- und Schlosservereinigungen sich über die
Farbengebung des Eisens, der verschiedenen Arten der Ueberzüge, des Vergoldens,
des Versilberns, Brünirens usw. belehren und verständigen wollten, damit die schön
geformten und geschmiedeten Lisenarbeiten wieder in unserer Wohnung heimisch
und beliebt würden, zur Freude der Bewohner, zum Nutzen der ausführenden Kunst-
gewerbtreibenden, der Schlosser, Schmiede und Maler, der Zeichner, Gürtler und

Vergolder, sowie die Dekoratöre, die
durch dieselben Gelegenheit fänden,
die Innenräume noch besser und
schöner als bisher gestalten und
dekoriren zu können. —

Holzbildlzaurrorbrit durch
Maschinen hcrzustellen, wurde
bisher vielfach, jedoch vergeblich
angestrebt. Es wurde nur erreicht,
diversen Massen durch Pressung und
Färbung holzähnliches Aussehen zu
verleihen, oder man überzog irgend
eine nachgiebige Masse mit einem
Fournir und preßte diese Kombina-
tion sodann in Formen. Zwar
wurde vor nicht langer Zeit die
Existenz einer sogenannten Holz-
schnitz-Maschine bekannt, allein es
ergab sich zugleich, daß die Herstel-
lung feinerer Ornamente damit un-
möglich war, vor Allem aber, daß
dieselbe wenig mehr leistete, als die
Hand eines tüchtigen Bildhauers.
Thatsächlich ist es nunmehr ge-
lungen, auf maschinellem Wege
massive Holzbildhauerarbeiten,
und zwar in einer Vollkommenheit
herzustellen, die selbst den Fachmann
vorübergehend in Zweifel versetzt,
ob die Bildnerin Hand oder Ma-
schine war.

Das Verfahren ist das folgende:
Holzstämme werden der Länge nach
ausgeschnitten, dann mittelst Leim,
dem man durch geeignete Behand-
lung die denkbar höchste Bindekraft
ertheilt hat, unter einem Druck von
circa so Atmosphären zusammen-
gefügt. Die so hergestellten Lang-
holzklötze werden dann auf einer
hierzu konstruirten Säge in Stirn-
holzschciben zerschnitten. Man kann
also nach diesem Verfahren Stirn-
holzxlatten in jeder Größe schnell
und einfach erlangen. — Es war
nun Aufgabe der Erfinder, die so
aus mehreren Stücken zusammen-
gesetzten Platten so weiter zu be-
handeln, daß die Verbindungsstellen
dem Auge möglichst wenig sichtbar
sind. Dies geschieht auf einer hierzu
konstruirten Bestoßmaschine, welche
die Fugstellen verfilzt. Nachdem
nun diese Platten in einem Luft-
bade von 50»L. getrocknet und so-
dann geschlissen sind, können sie direkt
mit den gewünschten (Ornamenten
in beliebiger Höhe und Tiefe ver-
sehen werden. Diese Platten werden nun in eine Matrize gelegt, einem Drucke
von 200—soo Atmosphären ausgesetzt und dieser circa eine Minute konstant erhalten.
Im Ganzen nimmt diese Prozedur bei einer Platte von 40 x 20 Lentimeter 2 bis
3 Minuten in Anspruch. Der Druck nach Kilogramm umgerechnet, welcher auf einer
Platte von HO x 20 Lentimeter ruht, beträgt 2H0.000 Kilogramm bei 300 Atmo-
sphären Druck. Die Matrizen selbst haben an den die Ornamente bildenden Rän-
dern scharfe Kanten und schneiden das (Ornament vor und die erhabenen Stellen
der Matrize drücken nunmehr das vorgeschnittene Holz hinunter. — Die Bedeutung
dieses Verfahrens ist aus der großen Produktionsfähigkeit ersichtlich, da eine Form
pro Tag ca. Hoo—soo Arbeitsstunden ersetzt. Das Fazit ist somit, daß auf maschinellem
Wege die Handarbeit ersetzt ist und daß zwar nicht nur Massenproduktion ermöglicht,
sondern auch das Produkt der Handarbeit gleichzustellen ist. — vorstehend beschriebene
Bildhauerei wird durch M. B. Neuern, Prag, Herrengasse 8, ausgeführt. —

Abbildung Nr. »33. Gitter; im Schloss; zu Haussrnyarmn. Aufgen. v. F. Kuhn.
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