Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Januar-Heft.

5eite 5.

jAllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für „)nnen-Dekoration".

und räumlichen, sondern nach ihrer geistigen Größe, und wirft ihre glänzenden
Strahlen weithin durch das ganze Gebiet des gegenwärtigen Völkerlebens und der
kommenden Geschichte". (Earl Ritter.) Der Naturalismus hielt nun seinen Einzug
in die Architektur zunächst, indem man von den phantastischen Idealismen der
Zeit Louis XVI. und des Empire zurückkam auf eine Lebens- und Kuustauffassung,
die mehr mit der Wirklichkeit im Zusammenhang stand. Es sind zunächst die
Ideen der Zeit der Restauration, welche neben einer Summe von Idealismus schon
einen recht stattlichen Theil von Naturalismus in sich schließen. Ich möchte diesen
Naturalismus wahlnaturalismns nennen, weil man noch nicht wie heute, am ent-
arteten Ende der naturalistischen Bestrebungen, alles ohne Wahl ausnahm, was
sich für künstlerische verwerthnng nur halbwegs geeignet oder auch vielleicht unge-
eignet erwies. Man fing damals an, den Begriff „Wahrheit" auf die Fahne zu
schreiben, den man in unseren Tagen so prostitnirt. Dieses Wahrheitsgefühl be-
kundete sich zunächst darin, daß man in Frankreich, veranlaßt durch einen roman-
tischen, mittelalterlichen, retrospektiven Zug der ganzen Zeitrichtung, daran ging,
die alten Denkmäler seit der Römer-
zeit aufzusuchen, zu beschreiben
und wieder herzustellen. Diese
Wiederherstellung sollte nach einem
eigenen Ausspruche vonviollet-le-
Duc, des hervorragendsten Wieder-
herstellers, geschehen „tels -qu'ils
Äslemt". Lange vorher schon war
man auf dem Theater bemüht,
die handelnden Personen zum Un-
terschied von früheren Gepflogen-
heiten in dem Lostüme auftreten
zu lassen, das genau dem Zeit-
abschnitte entsprach, in welchem
die Handlung spielte. Das über-
trug sich auf die gesammte Kunst.

Denn man braucht nur einen Blick
auf die Werke der gesummten
voraufgehenden Kunst, die italie-
nische und niederländische einge-
schlossen, um zu erkennen, daß
überall da, wo der Künstler Mo-
tive bearbeitete, die nicht seiner
eigenen Zeit entwuchsen, in naivster
Weise das Beiwerk der eigenen
Zeit auch für jene Vorwürfe ver-
wendet wurde, die um Jahrhun-
derte zurücklagen. Das äußerte
sich zur Zeit der Restauration und
artete auch manchmal in antiqua-
rische Spielerei aus. Im Großen
und Ganzen aber verblieb der
Kunst ein Zug nach Wahrheit,
die von nun an stetig an Herr-
schaft und Macht gewinnt. In der
Architektur hielt der antikisirende
Zug, der von der Zeit des Empire
überkommen war und von der
Akademie mächtig beschützt wurde,
lange an, aber dennoch drang
Frankreich init seinen Bestrebungen
am frühesten durch, ihm folgte
England, dann Deutschland.

Hauptsächlich waren es die
in Folge der mächtigen Fortschritte
in der Technik verursachten Ver-
änderungen in der Konstruktion,
welche den maßgebendsten Einfluß
auf die Formensprache ausübten.

Die Konstruktion trat völlig in den
Vordergrund, ja sie war oft bei
Bauten die Alleinherrscherin, um
die sich bie bisher gewohnte, etwas ideal gewordene Formensprache wie ein loses
Schlinggewächse schlang. Die Fortschritte der Lisentechnik insbesondere, im engsten
Zusammenhang mit ihr die neue Ausgabe der Architektur, möglichst große Räume
zu schaffen, hatten eine ungeahnte Revolution der bisher gewohnten Formensprache
und Harmonieverhältnisse zur Folge. Herrschte früher die konstruirte Bekleidung,
so trat jetzt die bekleidete Konstruktion in ihre Rechte. Dft trieb man den Drang
nach Wahrheit so weit, die nackten Konstruktionsformen als künstlerische Elemente
in die Erscheinung treten zu lassen. Man stieß sich durchaus nicht daran, die an
stelle des Bogens als Ueberdecknng einer Vcsfnung angenommene Doppcl-D-Schicue
sichtbar zu lassen und sie im höchsten Falle mit einigen aufgesetzten Rosetten oder
aufgemalten Linien zu schmücken. Man fand nichts daran, den senkrechten oder
horizontalen Fachwerksträger mit in die künstlerische Formensprache hercinznziehen
und höchstens die Kreuzungspunkte mit Rosetten, die durchbrochenen Flächen mit
U-ciracottaornamentc zu füllen. Sind alle Versuche in dieser Richtung auch heute
noch nicht zur vollen Befriedigung ausgefallen, so ist doch gleichwohl nicht daran
Zu Zweifeln, daß sich über kurz oder lang zufriedenstellende Resultate erzielt werden.

(Schluß folgt.)

Abbildung 280. Eckanslcht eines Boudoirs im Rokokostil.

Für das kgl. Palais in Bukarest ausgeführt von Anton Pössenbacher in München.

Weder .Aiunner - M e ckeii.

von Hans Schlicpmann.

II.

'I^ir "" November-Heft des Jahrgangs dieser Zeitschrift behandelten

Decken werden immerhin in Ausnahmefällen für Zimmer zur Ausführung
gelangen. Wir wenden uns jetzt aber der Hauptform zu, die jedenfalls auf abseh-
bare Zeit im üblichen Wohnhanse die Herrschaft behalten wird: der glatten Decke.

von den Structurtheilen, aus deren Entwickelnng die meisten Stilsysteme sich
entwickelt haben — Stütze und Last — ist im gewöhnlichen Zimmer nichts zu
finden. Es handelt sich nur um die rechteckigen Wandflächen und die dem Fuß-
boden congruente Deckenfläche, glatte im architektonischen Sinne ausdruckslose
Ebenen. Aber es giebt noch ein Structursystem der Baukunst, aus dem doch noch
für das Zimmer Stilgesetze herzuleiten sind: das System von Rahmen und Füllung,

wie es in folgerichtigster Weise
das Rokoko ausgebildet hat. Dies
System ist denn auch, mehr naiv
als bewußt, für die Ausschmückung
der Wohnränme mittlerer Aus-
stattung mehr oder minder umfang-
reich in Gattung. Man fühlt
es, daß jede Wand eigentlich
mindestens rund herum einen Ab-
schluß haben müßte, damit man
den Eindruck sertiggewordenen,
zielbewußten menschlichen Schaf-
fens erhält. — Nebenbei bemerkt:
daß man dies Gefühl augenblicklich
vernachlässigt und es für schön,
weil „modern", halten kann, den
Tapeten an den Wänden absicht-
lich keine Einfassung zu geben,
ist auch eins der vielen Zeichen
zunehmender ästhetischer Gefühls-
rohheit. — Aber für die Decke
ist wenigstens der Rahmen noch
durchweg anerkannt. Ls fragt
sich nur, ob denn wirklich nun alle
Motive dem latenten ästhetischen
Empfinden gehorchen.

Die Bedingungen sind so ein-
fach, daß es eigentlich der absicht-
lichen (Querköpfigkeit — vulgo
Originalität — unserer Stuben-
maler bedarf, um sie nicht zu
beachten. Zunächst gilt es, den
Gegensatz von Rahmen und Fül-
lung herauszuholen, hauptsächlich
durch verschiedene Tönung, dann
aber auch durch das Relief. Nit
diesem aber gelangen wir sofort
an die Stuckfrage.

Es wäre nichts als Prinzipien-
reiterei, wollte man dem Stuck
als Baustoff seine Berechtigung
absprechen. So gut wie man
Holz in dekorativer Weise unter
die Hülfsdecke nagelt, darf sicher
auch Stuck an jene geschraubt
werden. Nur bleibe er in seinem
Karakter! Man sollte meinen,
daß die größere Bildsamkeit des
Stuckes den Künstlern die Gelegen-
heit gäbe, nun auch in freieren
Formen zu schaffen. Ja dort, wo
es jetzt der Mode halber verlangt
wird, weil man R o ko ko formen verlangt, da können es die Herrn plötzlich auch —
aber natürlich in „frumber" Nachbeterei der reizenden Teufeleien dieses exclusiven
Formen-Laprizzio's! Sonst aber kommt der „Schulen genossen" habende Maler-
meister und streicht zunächst einmal den Stuck Holzfarben an, damit es solider aus-
sieht — eine gottvolle Unsinnsbegründung, den Drang nach Solidität sofort durch
Surrogate zu befriedigen! — Und will er uns dann rechte Gunst erweisen, so
streicht er auch noch die Putzfläche gelb an, pinselt mit saurem Schweiß eine künstliche
Maserung und erlogene Fugentheilung auf die Fläche und nennt das dann eine
Holzdecke, eine Kunstleistung, die namentlich in „Berliner Zimmern" von echt gar
nicht zu unterscheiden ist, denn das bischen Licht, das in diesen „Speisesälen" zu
finden war, wird durch die düstere Decke ja vollends aufgesogen. Aber wer will
gegen das Modeevangelinm „Speisezimmer in Eichenholz" was ausrichten? Und
wer will das Publikum endlich dahin bringen, Kunst höher zu achten als Kunststücke?
Die gemalte Holzdocke ist eins der kläglichsten Zeichen eines xhantasieverlassenen
banausischen Geschmackes, das sollte man in jeder Fachschule für Maler und
Stuckateure in langen Lettern über alle Wände schreiben! Wie herrlich aber doch
der Stuck, der seiner leichten Formbarkeit halber auch eine leichte luftige Färbung
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