Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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November-Heft.

Seite 207.

Zllustr. kunstgewcrbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

abzusprechen ist — in der Boulletechnik hat sie den Gipfel erreicht — so verführt
sie doch gar zu leicht zu einer Blendlingskunst, deren Unnatur besonders dann her-
vortritt, wenn sie sich mit dem Architektnrstil verschüchtert, von rechtsmegen ist
die Furnitur auf die Füllungen zu beschränken, während das Gerüst aus echtem,
massiven Holz bestehen müßte. Eine Verschiedenheit der Hölzer wäre dabei nichts
weniger als vom Uebel. Gerade dadurch ließen sich neue Wirkungen erzielen. —
Mit diesen neuen Wirkungen, Wirkungen
durch neue Tecbnik, ist es nun im all-
gemeinen recht schwach bestellt. Die
in russischem Stile gezeichnete Speise-
zimmereinrichtung von Boeker und
Wusterbarth gab eine Richtung an,
in der man durch einfache Säge- und
Schnitztechnik aus vollem Holz vortreff-
liches leisten kann; eine ganz entzückende
Schlafzimmereinrichtung von P. Linde-
mann gab eine andere, ebenso richtige,
obwohl vom Rokoko ausgehende. Hier
trat zur Schnitzerei eine prächtige dis-
krete Bemalung. Durch letztere zu
wirken, ist aber im Allgemeinen noch
viel zu -wenig versucht worden. Man
fälscht lieber Intarsien — die übrigens
mehrfach, namentlich von Nast, ganz
vorzüglich hergestellt worden sind —
als daß man die größere Freiheit des
Pinsels gegenüber der Intarsiensäge
zu reicherem Schmuck ausnutzte. Nur
eine neue Technik ist siegreich ausge-
treten und dürfte berufen sein, in unsere
etwas abgelebte Furnierrenaissanee
Bresche zu legen: die „Holzbrandma-
lerei". Ghne Frage sind die reizvollsten
und dabei verhältnißmäßig wohlfeilsten
Sachen der ganzen Ausstellung in jener
reizenden Nische der Aktien-Gesellschaft

von Schäffer walcker (Abbildung Nr.-iö z) zu suchen, deren Formen von
gesunden gothischen Mobiliarstilprinzipien ausgehen, aber in durchaus freier Weise
umgestaltet und dem modernen Bedürfniß angepaßt sind. Auch die Farbe tritt bei
mehreren dieser treff-
lichen Möbel in frischesten
Tönen erfreulich zum Ge-
sammteindruck hinzu, so
daß nicht genug auf die
Formengebung und Tech-
nik hingewiesen werden
kann, die allein eine in-
teressante Zukunft haben
dürfte. — Nicht uner-
wähnt darf schließlich
bleiben, daß die Lieb-
haberarbeit gegenüber
dem Handwerk einen ganz
erheblichen Vorstoß mit
der „Kerbschnitzarbeit"
gethan hat. Auch hier
zeigt sich, wieviel (Vor-
züge eine gesunde, ein-
fache , materialgerechte
Technik vor den buchbin-
dermäßigen Künsteleien
unserer üblichen Möbel-
sabrikation hat, die — das
ist leider dasSchlußergeb-
niß der Ausstellung —
durchaus noch das sinnge-
mäßeSchaffen überwiegt.

Mögen die mehr-
fachen Anregungen, die
die Ausstellung — auch
durch negative Leistungen
— gegeben, dahin füh-
ren, daß die deutsche
Möbelindustrie auch in-
nerlich in das glänzende
Kleid hineinwächst, das
sie äußerlich für den nur

oberflächlich Zuschauenden angethan hat. An Talenten, an technischem Können
fehlt es sicher nicht; wohl aber an einer Hinleitung auf das Einfache, Gediegene,
Maß- und Sinnvolle. Und das sollte doch gerade uns Deutsche karakterisiren, und
zu ernstem Vorwärtsstreben nach dieser Richtung begeistern. Bald würde dann
auch das kaufende Publikum sich nicht mehr durch oberflächliches Blendwerk irre
führen lassen, sondern ausschließlich dem wirklich Soliden sein Augenmerk zuwenden. —

Abbildung Nr. -ZS2. Schlaf-Zimmer; im englischen Stil.

Abbildung Nr. 4,6Z. Damen-Zimmech im japanischen Stil.

ae §Mumiier- Mckv.

ie vier Winkel des Zimmers, die man vom Ur-Urgroßvater her, „Ecken" zu
nennen gewöhnt ist, pflegen in Betreff der Ausstattuugsfrage dem Menschen
meist viel Kopfzerbrechen zu bereiten. Und in der That, eine Ecke sinnig auszu-
füllen, dazu gehört schon ein gut Theil künstlerisches verständlich! Kunst und

Kunstgewerbe haben zwar genug der
schönen Dinge geschaffen, die dazu be-
stimmt sind, einer Ecke die Kahlheit
zu benehmen, und dem Menschen bleibt
eigentlich nichts weiter zu thun übrig,
als zu wählen, daß heißt mit Geschick
zu wählen! Wie überall, so giebt es
auch auf diesem Gebiete Unübertreff-
liches wie Minderwerthiges, vor allem
aber ist es eine unerläßliche Nothwen-
wendigkcit, daß jeder Gegenstand der
Umgebung angepaßt wird und an
seinen richtigen Vrt kommt; denn sonst
gelangt das Beste nicht zur Geltung.
Die Eck-Füllung eines Zimmers in
Renaissance-Stil muß selbstverständlich
anders gehalten sein, als die eines
Boudoirs von barocken Karakter usw.
Für den elfteren Fall eignet sich bei-
spielweise die altdeutsche Standuhr, die,
falls das Gehäuse keine abschließende
Bekrönung aufweist, noch mit einer
allegorischen Figur, wie vielleicht eines
Gottes der Zeit oder einer Fortuna
besetzt werden kann. Auch das smehr
farblos gehaltene Maquart - Bouquet
in kompakter Vase darf hier Platz fin-
den; desgleichen eine dem Stil ent-
sprechende Lampe oder ein mehrarmiger
Leuchter. Sehr gut und nebenbei mit
praktischem Wert sind die Eckschränkchen zu verwenden, welche gegebenen Falls noch
mit einem altdeutschen Krug bekrönt werden können. Nachbildungen antiker
plastischer Kunstwerke, als Büsten und Statuetten, gehören auf eine Säule oder ein

Konsol, allenfalls darf
noch der Schreibtisch oder
der Bücherschrank in
Frage kommen; aber der-
gleichen Statuetten aus
Nipptische oder gar auf
den Kaminsims, wie ich
mehrmals gesehen habe,
zu setzen, ist barbarisch,
zum Mindesten aber ge-
schmacklos, unlogisch und
gedankenlos.

Wenn das Zimmer
in lichten Farbentönen
gehalten, ist als Eckfül-
lung eine Säule mitBLste
oder dergl. zu empfehlen,
hinter welcher, die Büste
überschattend, eine Palme
Ausstellung finden kann.
Besonders wirkungsvoll
nimmt sich dies zu alt-
französischer Einrichtung
aus, doch kann auch in
einfach gehaltenen Räu-
men, dem Karakter des
übrigen Möblements ent-
sprechend, an Stelle der
Säule ein Blumentisch
treten. Auch der Nipx-
tisch kann bei kleineren
Zimmern hier in Frage
kommen. Ein Klavier
quer vor die Ecke auszu-
stellen, ist im Interesse
der Akustik zwar sehr
vortheilhaft; wenn der
entstehende Hohlraum

hinter dem Instrument aber nicht sehr geschickt ausgefüllt wird, als z. B. durch eine
Säule mit daraufstehender Büste irgend eines Musikers, so liegt in besagtem Ar-
rangement etwas Erzwungenes, was umsomehr zu Tage tritt, wenn das Zimmer
nicht sehr geräumig ist. Sehr gut nimmt sich ebenfalls in der Ecke eine Staffelei,
entweder mit der in größerem Format gehaltenen Fotografie eines Familiengliedes,
oder eines berühmten Mannes aus, und ist in diesem Falle eine Draperie von
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