Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Seite 86.

Zllustr. kunstgewcrbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

Mai-Heft.

deßhalb kalt und sind zur Herstellung von menschlichen Wohnungen
unbrauchbar, wie es auch die Metalle sein würden. Besser eignen sich
die vulkanischen Gesteine, wie z. B. Basalt. Diese zeigen durchweg
großes Gefüge. Der Bau ganz eiserner Häuser ist daher ganz ver-
werflich und kann nur in den Gehirnen einiger profitwüthiger Groß-
industriellen der Eisenbranche entstanden sein. Die aus diesem Stoffe
hergestellten Wohnungen zeigen dieselbe Erscheinung des Schwitzens
und würden höchst ungesund sein. (Bauztg. für Ung.)

Mmerikanischrs Dunstgewerbe.

Beachtenswerthe Winke für die Beschickung der Weltausstellung in Chicago ^8gz.

einer vom Vorstande des Kunstgewerbevereines zu Hannover und des
Gewerbevereines für Hannover veranstalteten Versammlung hielt kürzlich
Herr Architekt H. R. Vogel einen Vortrag über amerikanisches Kunst-
gewerbe; da derselbe auch für alle anderen Kunstgewerbetreibenden von
außerordentlichem Interesse ist. so erlauben wir uns, denselben im Auszuge aus
dem „Hannoverschen Gewerbeblatte" nachstehend zu reproduziren:

Das Kunstgewerbe überhaupt und alle durch Hand ausgeführte und verzierte
Kunstgegenstände haben drüben die größten Chancen und je reicher je mehr, weil
dort für derartige Arbeiten außerordentlich hohe Preise gezahlt werden. — Der
Amerikaner liebt die wirklich schöne Horm, die schön geschwungene Linie an sich,

Etagenhäuser weichen ganz von den unseren ab; diese mächtigen Gebäudekolosse
von fünf und sechs Etagen Höhe, bei denen die sechste Etage genau wie die erste
ausgestattet ist, strotzen von Eleganz. Sie sind mit Personenaufzügen für die Herr-
schaft und solchen für die Dienerschaft und den Wirthschaftsverkehr versehen und
in vielen Hallen vollständig inöblirt, mit Bildern an den wänden, Nippes auf dem
Kaminsims, und den Tellern in der Küche, so daß der Amerikaner am Morgen
miethen und am Nachmittag einziehen kann, um sich sofort in seiner neuen Woh-
nung behaglich zu fühlen. Vst befindet sich auch ein gemeinsames Speisezimmer
für die sämmtlichen Insassen des Hauses in der Parterre-Etage, wo die Hamilien
an abgesonderten Tischen ihre Mahlzeiten einnehmen können, die seitens der Haus-
verwaltung zubereitet werden, so daß die Hausfrau auch dieser Sorge für das
materielle Wohl der Ihrigen überhoben ist.

Der größte Theil der Amerikaner lebt in Einzelhäusern, denn auch der kleine
Handwerker ist schon in der Lage, ein kleines Haus von fünf bis sechs Räumen
zu erstehen, das 2000 Mark kostet; die Centralheizung, die dasselbe genügend mit
Wärme versieht, ist schon für 200 Mark zu haben und der Grund und Boden
außerhalb der großen Städte, die er durch gute Eisenbahn- rc. Verbindung schnell
erreichen kann, ist auch nicht theuer. Er wohnt so nicht theurer als unser Hand-
werker, der mit seiner Hamilie in wenige enge Räume in einer überfüllten Nieths-
kaserne im Innern der Stadt zusammengedrängt ist. Die Erwerbung solcher Häuser
wird dem kleinen Mann noch erleichtert durch die viel verbreitete» gemeinnützigen
Gesellschaften, die ihm gegen eine wenig höhere, in wöchentlichen oder monatlichen
Raten zu zahlende Miethe als die Zinsen des Anlagekapitals ermöglichen, in einer
Reihe von Jahren Eigenthümer des Hauses zu werden.

er liebt echte Materialien, keine Surrogate, die etwas vorstellen, was sie nicht sind; !
er hat viel Harbensinn und Gefühl für malerische Wirkung, was ihm besonders
bei Ausschmückung seiner Wohnräume zu statten kommt, wobei er seinen individuellen ^
Geschmack, nicht den konventionellen des Dekoratörs, walten läßt, mit Umgehung
alles Steifen und jeglicher strengen Symmetrie. Er versteht es, sowohl durch einen
Punkt Harbe, eine hier oder da angebrachte gelbe oder orange Seidenschleife, einen
Vorhang oder Aehnliches, eine ganze Partie des Zimmers zu beleben. Im Gegensatz
zu der Hreude am rein Schönen liebt er aber auch die eigenartig absonderliche Horm,
das Neue, noch nie Dagewesene, je absonderlicher, je besser; ferner alles alte, ver-
gangenen Stilrichtungcn Entlehnte. Nachbildungen wirklich guter, alter kunstge-
werblicher Gegenstände, welche sich besonders für die Ausschmückung des „Heims"
eignen, werden guten Absatz finden. Gb gerade die Ausstellung eines ganzen
Zimmers angebracht ist, wie in der vorigen Versammlung hervorgehoben wurde,
bezweifle ich, da ein solches zu sehr von amerikanischer Auffassung abweicht; wenn
ein Zimmer ausgestellt werden soll, dann darf unter keinen Umständen ein mäch-
tiger Kamin für offenes Holzfeuer mit seinen behaglichen Sitzplätzen fehlen.

Da das Gebiet des Kunstgewerbes ein so weites ist, und ich unmöglich in
dem kurzen Rahmen eines Vortrages Alles berühren kann, glaube ich Ihnen die
Eigenarten amerikanischer Auffassung am besten und kürzesten durch die Beschrei-
bung des amerikanischen „Heims" verständlich machen zu können, so daß jeder von
Ihnen in der Lage ist, sich selbst ein Bild davon zu schaffen und in seiner weise
sich daraus Gegenstände aus seiner Branche für die Beschickung auszuwählen.
Ich komme nachher bei Besprechung der einzelnen Zweige noch auf nicht Er-
wähntes zurück.

Der Amerikaner lebt im wesentlichen im Einzelhaus. Etagenhäuser in un-
serem Sinne kennt er kaum. Die neuerdings in den größeren Städten eingeführten

Es ist ganz natürlich, daß der Bewohner des Einzelhauses mit viel mehr
Liebe für die Erhaltung und Ausschmückung seiner Wohnung sorgt, als der Be-
wohner von gemeinsam benutzten Etagen, die man wie einen Rock wechseln kann.
Sein Bestreben wird sein, von Jahr zu Jahr die Behaglichkeit seines „Heims"
durch Kauf von kunstgewerblichen Gegenständen zu vermehren, da er nicht die Hurcht
ewiger Umzüge zu haben braucht, die nicht allein kostspielig, sondern auch nicht
zur Verbesserung seiner kleinen Kunstschätze beitragen würden. Sie sehen auch
hieraus, welch' großen Einfluß das Einzelhaus des Amerikaners auf den Markt
für Kunstgewerbe übt.

Das Einzelhaus, mit Ausnahme derer in den großen Städten, wo der Grund
und Boden theuer und welches unseren Verhältnissen ähnlicher ist, steht allseitig
frei. Es enthält bei gewöhnlichen Durchschnittsoerhältnissen im Erdgeschoß, außer
dem Eßzimmer mit Küchenanbau, drei bis vier für die gemeinsame Benützung
dienende wohnräume, die sich um die Eingangshalle, mit der sie, wie auch unter
einander, durch breite Schiebethüreu oder nur durch Portiaren verschließbare, weite
Geffnungen verbunden sind, gruppiren, um so das ganze Erdgeschoß, bei gesellschaft-
lichen Vereinigungen, als einen großen gemeinsamen Raum benützen zu können.
Da gibt es nicht die große Hlucht von Repräsentationsräumen, die bei Nichtbenützung
sorgfältig aus Rücksicht auf die guten Möbeln von Licht und Luft abgeschlossen
werden, jene Räume, auf die wir oft zuin Nachtheil der Schlaf- und Kinderstuben
so großen Werth legen. Der Amerikaner benutzt diese sämmtlichen Räume, und
Licht, Luft und Gesundheit sowie Behaglichkeit sind die Hauptfaktoren für sein
Heim; die Räume sind nach unseren Begriffen klein und niedrig, lassen sich deshalb
aber um so leichter behaglich ausstatten. Im Gbergeschoß liegen die Schlaf- und
Hremdenzimmer mit Schrankeinbauten, sowie das Bad. Das ganze Haus wird
durch Lentralheizung erwärmt, trotzdem, wenn irgend angängig, werden so viele
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