Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 60.

April-Heft.

an die Luft gelangen, irgendwo in einem Schnitzwerk, in den Halten
der Vorhänge fest; man hat sie nur aufgestört, aber nicht entfernt, und
da führen sie dann bis zum nächsten „jorir" ein beschauliches Dasein.
— Das liebe Himmelslicht darf selbstverständlich nicht täglich in die
dem „jorir" geweihten Hallen eingelassen werden, es würde ja die
himmelblauen Atlas-Vorhänge bleichen, die Stores schließen die Henster
fast ganz ab, Luft und Licht sind aus Ihren Salons gebannt, was
Wunder, sagen Sie aufrichtig, Lieschen, wenn der Staubgebilde unheim-
liches Heer hier trotz Reinmachen und Klopfen sich einnistet und eine
Atmosphäre erzeugt, die Sie
in täglich feucht gewischten
Zimmern, in die das liebe
Himmelslicht einscheint, nicht
wie hier, trüb durch bemalte
Scheiben bricht, nie finden!"

„Sie übertreiben, Doktor!"
sagte die junge Hrau unwillig,

„bei Mama war die Ein-
richtung geradeso, und Jedes
fand sie schön und zweckent-
sprechend!" „Jeder!" sagte
Vr. Rolf geringschätzend,

„als ob Zeder wüßte, wie
man eine Einrichtung vom
hygienischen Standpunkt zu
beurtheilen hat! Erinnern
Sie sich aber auch, da Sie
gerade die Einrichtung in
Ihrem Elternhause als
Norm anführen, wie viel
Krankheitsfälle es da gab,
wie oft ich der Mama sagte: „Lüften! den Sonnenstrahlen Zutritt ge-
währen, die Heilster nicht verhängen, keine Staubsäulen auswirbeln!"
Wenn dann Jahr für Jahr Krankheiten kamen, bald der Karl an
der Diphtheritis, Lenchen am Scharlach, die Toni am Keuchhusten dar-
niederlag, da hieß es immer: „Doktor Rolf wird Helsen!" Sie hätten
daheim, liebe junge Hrau, gar keinen Hausarzt gebraucht, wenn Sie
rationeller gelebt hätten! Ja, ja! Und nun wollen Sie in Ihrem neuen
Heim dieselben Thorheiten begehen und Bacillen züchten, die Lust ab-

Abl'iltmng Nr. Z2-P Spril'eznnmcr-Wand in Renaissance.

sperren, Ihre Zeit damit verbringen, den Staub aus den altdeutsch
geschnitzten Möbeln zu säubern!"

Vr. Rolf hatte kaum seine Strafpredigt beendet, als Besuch ge-
meldet wurde; froh, dem Sermon entrinnen zu können, eilt die junge
Hrau mit ausgebreiteten Armen ihrer Herzenssreundin Lucie entgegen.
„O, wie schön, daß Du kommst, Lucie!" sprach sie, die hübsche Hrau
in den Salon führend. „Und wie schön es bei Dir ist!" ries Hrau
Lucie, indem sie bewundernd ihren Blick über die reich geschnitzten
Möbel, die kostbaren Draperien schweifen ließ. „Wunderbar! Wirk-
lich, ich habe seit lange keine
stilvollere Einrichtung ge-
sehen! Ach, diese herrliche
Mosaikarbeit, diese j?lüsch-
Applikations und der ma-
lerische Haltenwurs an den
Draperien! Hürwahr, Lies-
chen, Du kannst stolz aus
Dein Heim sein!" „Ich
möchte es gern", sagte die
junge Hrau, die Hreundin in
ihr mit gelbem Atlas dra-
pirtes Boudoir führend, „nur
hat mir Doktor Rolf gründ-
lich d'ie Laune verdorben;
denke Dir, er findet die ganze
Einrichtung gefehlt, spricht
von krankmachenden Orga-
nismen, die sich in den
Skulpturen sestsetzen, von
HÜlzkeimen und Bakterien,
die sich entwickeln müssen,
weil die Henster" — „Ach, hör' doch aus den alten Narren nicht",
unterbrach die junge Hrau, „was versteht der denn davon, wie man
sich eine Wohnung stilvoll einrichtet! Was ihm unnützes Geschnörkel,
ist uns werthvoller Zierrath, was ihm ganz überflüssig erscheint, ist" —
„St! St!" unterbrach Hrau Lieschen, „ich glaube, er ist ins Rauchzimmer
gegangen; daß er uns nur nicht hört!"

Der gute Vr. Rolf aber hatte längst die Wohnung verlassen und,
die Stiege hinabschreitend, sagte er zu sich: „Auch so eine Modenärrin,

Kunstkenner.

von R. Röttger.

(Schluß.)

(ber leider begnügen sich die Menschen nicht damit, aus dem
Gipfel ihrer Größe zu sein, sondern wollen immer noch
weiter. Es wurde eine Industrieausstellung in Dingsda ab-
gehalten, die natürlich auch „Kunstgegenstände" zuließ, so Kunsthubers
stilvolles Bilderbuch. Die Möbelindustrie in Dingsda hatte sich auf
den damals erst angedeuteten Weg, der zur völligen Wiederbelebung
der Renaissance führte, begeben, und da es an Mustern und Vorlagen,
wie wir sie jetzt in Menge haben, noch fehlte, so hatten die verschie-
denen Meister und Habrikanten sich solche Modelle durch Zeichner und
Bildhauer mit vielen Unkosten beschaffen müssen.

Kunsthuber sah das, und obschon sein eigentliches Hach die strenge,
alte Kunst war, so fühlte er seinen kritischen Geist doch der Aufgabe
gewachsen, die Renaissance und ihre Verwendung zur Ausschmückung
des Innern der Häuser zu beurtheilen. Er hätte sich trotzdem aber
der Aufgabe vielleicht nicht unterzogen, hier Urtheile zu fällen, wenn
die Möbelfabrikanten usw. nicht die Anmaßung gehabt hätten, ihre
Sachen Herstellen zu wollen, ohne Kunsthubers Rath und Gutachten,
bezw. seine künstlerische Erlaubniß dazu eingeholt zu haben. Diese
Auflehnung gegen die geheiligte Ordnung brachte ihn gewaltig auf,
und er strafte die „Empörer", indem er ihre Möbel, Stoffe und was
sie sonst ausgestellt hatten, in tausend Hetzen zerriß — natürlich nur
in seinen kritischen Besprechungen. Ja, wäre das berühmte Bilderbuch
— sein eigenes Machwerk, so weit es nicht Abklatsch war — nicht
auf der Ausstellung gewesen, so hätte dieselbe gar nicht verdient, von
einem anständigen Menschen besucht zu werden. Aber wegen dieses

einen Buches erbarmte Kunsthuber sich des „verfehlten" Unternehmens
und lobte das — Buch natürlich.

Da geschah aber etwas Merkwürdiges. Von unbekannter Seite —
Kunsthuber hatte seine Schmähartikel auch nicht unterzeichnet — wurde
ihm eine Abfertigung, wie er sie nie erwartet hätte; denn sie machte
Eindruck und Wirkung wie ein Hagelwetter in Bezug auf das prasseln
der Eisstücke und die Abkühlung; sie beschäftigte sich gar nicht mit
Kunsthubers künstlerischein Standpunkte, sondern lediglich mit dem
moralischen Werth seiner Besprechungen, die auf eine unverschämte
Reklame für die eigene Bude hinausliefen, während sie das redliche
Streben der Industrie mit Keulenschlägen niederschmetterten.

Das wirkte! Kunsthuber war vielleicht weniger von den: mora-
lischen Vorwurf niedergeworfen, als von der Thatsache, daß inan ihm,
dem Großen, dein Einzigen, so gegenüber zu treten wagte! Er wurde
„krank" und verschwand einige Zeit.

Kurz nachher erlitt der stilvolle Thurmhelm einen schweren Schaden
und man benutzte diese Gelegenheit, ihn neu aufzubauen, und zwar im
Sinne der Gegner des plumpen Kngethüms. Hatte man Kunsthuber
dabei um Erlaubniß gefragt, oder hatte er selbst eingesehen, daß Kunst
etwas Anderes sei, als das sklavische Abklatschen der Erzeugnisse einer
früheren Zeit? Jedenfalls waren diese beiden „Katastrophen" nicht
ohne Wirkung auf Kunsthubers ferneres Leben geblieben. Er war,
wenn auch nicht bescheidener, doch wenigstens vorsichtiger geworden
und wußte sich ruhig darein zu fügen, daß Vieles geschah, wobei man
ihn nicht fragte, Kunst und Kunstgewerbe aber trotzdem ihren gewaltigen
Aufschwung nahmen. Daß Kunsthubers Wirken diesem Aufschwünge
nichts geschadet hat, ist die Schuld seines „redlichen" Strebens nicht.
Er hat jetzt Mühe genug, die Welt noch an seinen Namen zu erinnern,
wenn sein groteskes Bilderbuch es nicht thut. —
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