Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Teile 70.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

April-kfeft.

brochenen Stellen als durch die dichter gewebten schone Ornamente dem
Auge bieten. Man sehe beim Einkäufen sowohl auf die negative wie
auf die positive Wirkung und beachte, daß man die eine am Tage und die
andere bei künstlicher Beleuchtung hell oder dunkel erblickt. (Fortsetzung folgt.)


Mur

Dosthrtik der Mreppen.

von lsans Schliepmann. (Schluß.)

j^as Geländer ist überhaupt ein wesentlichster Faktor im Treppenbilde.
Es ist durchaus nicht gleichgültig, ob man ein leichtes, luftiges oder
ein massives, ein eisernes, hölzernes, steinernes wählt. Je steiler die
N> Treppe, desto mehr muß das Geländer diesen Eindruck durch Leichtigkeit
verwischen; je kleiner das Treppenhaus, desto weniger darf das Geländer an
Schranken erinnern; je wohnlicher der Karakter gefaßt werden soll, desto wärmer,
desto möbelartiger ist das Geländer zu halten. Stein und Majolika sind daher nur für
monumentale Treppen geeignet. Für diese sind sie aber auch fast nothwendig. Metal-
lene Geländer wirken
selbst bei reichster
Ausbildung nicht voll
befriedigend; es fehlt
das Ausklingen der
Stufen im gleichen
Material nach der
Seite zu. Man sehe
darauf nur einmal
z. B. das Treppen-
haus im Berliner
neuen Museum mit
seinem an sich ganz
wundervollen vergol-
deten Gußeisenge-
länder an. Befrie-
digendes läßt sich nur
dann schaffen, wenn
man eine monumen-
tale steinerne Mange
anordnet, auf deren
dachartiger oberer
Zuschärfung alsdann
ein metallenesGitter-
werk, mehr Zierrath
als Nothbehelf, er-
scheint.—Eiserne Ge-
länder sind indessen
jetzt Mode geworden,
und es läßt sich gar
nicht leugnen, daß
die Kunstschmiede-
arbeit sich an ihnen
durchaus auf sehr
hoher Entwicklungs-
stufe zeigt. Zndeß
wo die Mode anfängt,
hört die vernünftige
Erwägung meist auf.

Entschieden wird das
schmiedeeiserne Ge-
länder neuerdings
der Mode, der „Fein-
heit" wegen an Stel-
len ausgestellt, wo es

nicht hingehört. Mird es einfach ausgeführt, so behält es den robusten, etwas
groben Eindruck des Gitterwerkes; wird es zierlich durchgebildet, so ist es, nament-
lich bei kleinen Treppen, höchst unpraktisch; es wird abgesloßen und zerreißt mit
seinen vielen Jacken leicht die Kleider, so daß der Aerger den schönen Eindruck
vergällt. Außerdem kann es nur in Heller Tönung, oder wenigstens mit reicherer
Vergoldung den Eindruck des Zierlichen, Spielenden machen. )m gedämpften Lichte
der Tnnenräume ist schwarzes Eisen niemals erfreulich; es müßte denn in ganz
lichten Tönen stehen, so daß also für die „wohnlichen" Treppenhäuser Schmiedeeisen
durchaus nicht empfehlenswerth ist. Etwas besser steht es mit Gußeisen, da dies
eine durchaus idealisirende Ausbildung gestattet und deßhalb nicht so sehr an das
harte und kalte Material erinnert. Es ist — nebenbei ganz allgemein bemerkt —
beklagenswerth, daß die Gußeisentechnik durch den Siegeszug der Kunstschmiede-
arbeit so zurückgedrängt worden ist. Ueberall da, wo das Gitter als solches ver-
schwinden, nur sozusagen eine ideale Schranke darstellen soll, namentlich also bei-
spielsweise bei Erbbegräbnissen, sind die rein pflanzlichen Formen, wie sie z.B. von
Schinkel, Bötticher, Stüler in Berlin in geradezu ewig mustergültiger Weise für
Geländer ausgebildet wurden, entschieden am Geeignetsten.

In den weitaus meisten Fällen ist lsolz für das Treppengeländer der geeig-
netste Merkstoff. Auch hier läßt sich leichtere und schwerere Behandlung denken.
Bemerkenswerth ist hierbei zunächst, daß es auf die Konstruktion der Treppe selbst

Abbildung Nr. ZZ6. Wanddelroration für rillt Trinllstnür. - In Renaissance.

ankommt, ob das Geländer leicht oder schwer auszubilden ist. Sind die Stufen
sogenannte freitragende, die aus der Wand ohne Substruktion hervorragen und frei
endigen, so gibt ein massigeres Geländer den ästhetischen Eindruck der Festigkeit,
den die Konstruktion an sich vermissen läßt; das Geländer bildet dann mit den
Stufenstirnseiten ein fest verbundenes Ganzes. Für Treppen mit starken Mangen
oder auf Gewölben kann das Geländer leicht und zierlich ausgebildet werden. Auch
das Billigste, gedrechselte Arbeit, kann dabei vortrefflich wirken, wenn man nur
statt des langweiligen senkrechten Stabwerkes ein freieres Netzwerk wählt, zu dem
der Steigungswinkel der Treppe eigentlich von selbst einladet. Reicher wirken freilich
geschnitzte Docken. Doch sollte man diesen — beiläufig bemerkt — unter der Schräge
des pandläufers doch nicht das fatale verkrüppelte korinthische Kapitell geben, das
aus dem Unverstand der Renaissance natürlich mit beliebter Denkfaulheit immer
wieder übernommen wird, sondern ein naturgemäßes unsymmetrisches Kapitell kon-
struiren. — viel zu wenig endlich verwendet man Geländer, gerade zu wuchtigerer
Wirkung, die einfach aus Bohlen geschnitten sind. Mit fast ganz geradlinigen
Brettern, nur etwa oben durch fortlaufende Bögen verbunden und mit wenigen
Kehlen und Kerbschnitten, einigen aufgesetzten Pfeifen und Rosetten läßt sich —
womöglich unter Zuhülfenahme farbiger Bemalung — eine Wirkung erzielen, die

besonders das Archi-
tektonische außeror-
dentlich schön hervor-
hebt. Je mehr nun
das Geländer Bedeu-
tung erhält, desto
mehr fällt die Un-
symmetrie des Trep«
xenlaufes auf, wenn
die Stufen an der
Wandseite unten di-
rekt aus der Wand
springen. vermag
mannicht, dasGIeich-
gewicht durch ein
lsolzpanneel herzu-
stellen, so sollte Ulan
mindestens die Wand
auf Geländerhöhe in
dunkler Tönung ab-
setzen und durch eine
aufgesetzte Leiste oder
ein aufgemaltes
Band — nur nicht
durch ein albernes
gemaltes Profil,
den Stolz unserer mo-
dernen Stubenpinsler
— lostrennen, von
sehr wohnlicher und
vornehmer Wirkung
ist darunter stets ein
ksandläufer in Seil-
form. — Ueber die
sonstige Lurusaus-
stattung lassen sich
nichtwohl allgemeine
Vorschriften geben.
Durch schöneBeleuch-
tungsgegenstände,die
am Besten vom Ge-
länder aus zu ent-
wickeln sind — nur
elektrische Beleuch-
tung erscheint besser

als schwebend — durch Blumen, Statuennischen, Stoffbehänge, Spiegel und farbige
Fenster läßt sich das Treppenhaus immer mehr zu einem Wohnraum umgestalten.
Natürlich muß es dann umsomehr durch reichliche Vorräume der Straße entzogen sein.

Erwähnenswerth ist noch der Mißklang, der meist bei bemalten Fenstern über-
sehen wird. Unter Beachtung der Lehren der Gothik soll man farbige Fenster auch
entsprechend groß machen; dann aber darf vor Allem ein so reicher Schmuck nicht
in der üblichen „öden Fensterhöhle" stehen; er verlangt entschieden eine Umrahmung.
Es ist eine Rohheit, lediglich die Wandfläche in der Laibung gegen das Fenster
todtlaufen zu lassen. Wählt man daher nicht eine Stoffumrahmung, die hier eigentlich
nicht recht am Platze ist, da sie den Gesammtüberblick erschwert, so muß die Fenster-
laibnng durchaus architektonisch behandelt werden. Es braucht keineswegs ein
gothisches Gewände zu werden; ein Barockpanneel, ein R^kokorahmenwerk, kurz,
was gerade in den ganzen Architekturkarakter paßt, ist ebensowohl möglich. Endlich
ist nicht zu vergessen, daß man bei Treppenhäusern keine Kathedralabmessungen hat,
daß also Rohheiten im Maßstabe, die auf die Entfernung wie bei Kirchenfensrern
verschwinden, hier sehr störend wirken. Wenn man nicht wirklich durchgearbeitete
Glasbilder anbringen kann, sollte man sich mit geometrischer Musterung begnügen.

Aus allem Gesagten lassen sich Schlüsse auf die zweite Gattung von Treppen,
Treppen innerhalb eines größeren Raumes, ohne Weiteres ziehen. Da dieselben
von dem Karakter des Raumes selbst durchaus abhängig sind, läßt sich ohnehin
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