Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

Seite 6t-

April-Pest.

die nicht die blasse Zdee von pygiene und rationeller Lebensweise hat!
Werden da heut noch etliche Dutzend Freundinnen kommen, die entzückt
von den Butzenscheiben-Fenstern und ziselirten Möbeln sind, jeden Vor-
sprung, jede Kehlung, jedes Schnitzwerk bewundern, jede Draperie an-
staunen und wich höchstens auslachen, wenn ich nicht in den allgemeinen
Thorus einstimme!" — Niemand vermißte ihn, als oben die hell-
erleuchteten Gesellschaftssäle sich füllten, die Schleppen über parket und
Teppiche geschleift wurden und die paare sich bald hernach im Tanze
drehten. — Die junge Wirthin strahlte im Vollgefühl ihrer Pausfrauen-
würde und schien es kaum
zu bemerken, daß der alte
Pausarzt sich entfernt hatte.

— Als sie ihn, da sie einige
Monate spater an einer pals-
entzündung erkrankte, zu sich
bitten ließ, sagte er kopf-
schüttelnd: „Da haben wir's!

Krankheitskeime, die in den
Kehlkopf gedrungen sind!"

„Aber, bester Doktor, wie
ist das möglich!" erwiderte
die junge Frau, „ich war
ja seit vier Wochen nicht
aus dem Pause!" „Gerade
dadurch ist es möglich ge-
worden!" sprach der Arzt,

„in der Wohnung wirbelt
Zhr beiin Reinmachen den
Staub aus, schluckt ihn ein,
erkennt die Krankheitsgefahr
nicht, die Luch in den engen,
von der Luft abgesperrten Schlafzimmern, in den durch Vorhänge -ver-
dunkelten Wohnzimmern umgibt, und wenn es dann zu spät ist, dann
heißt es: „Doktor, hilf!"" Und der gute Doktor half auch diesmal
und brachte es richtig dahin, daß Frau Lieschen, nachdem sie von einer
ernsten palsentzündung genesen, ihren Dekoratör kouuuen ließ und ihm
austrug, zunächst das nach rückwärts belegene Schlafzimmer dahin zu
verlegen, wo jetzt der Salon war, in all seinen Aenderungen nach
Vr. Rolfs Anweisung vorzugehen. Die seither dunkel verhängte Woh-

nung wurde in eine lichte, freundliche umgewandelt, die Polstermöbel
mit lichter Leinwand bezogen, die kunstvoll geschnörkelten polzsachen
in jene Räume versetzt, die nicht täglich benutzt wurden, die fest an den
Boden genagelten Teppiche so eingerichtet, daß sie täglich gehoben und
geklopft werden konnten u. dergl. mehr.

Die guten Freundinnen fanden zwar, daß die Frau Räthin eine
unverzeihliche Sünde begangen, ihre stilvolle Einrichtung so zu verwüsten,
die Gesellschaftsräume in die halbdunklen pofzimmer zu verlegen, das
schöne cl^ir od»cui zu stören, das dem Ganzen ein so trauliches An-
sehen verliehen, indessen, als
nach etlichen Monaten die
Familie sich vergrößerte, und
statt des erwarteten Kron-
prinzen gar zwei Kron-Prä-
tendenten ihren Einzug hiel-
ten, da sah man ein, daß
der alte, gute Doktor doch
Recht gehabt, denn Frau
Lieschen hätte jetzt kaum
Zeit mehr gesunden, ihre
Schnitzmöbel gewissenhaft
täglich zu reinigen und die
perren Jungen, die von der
Mama genährt, gehegt und
gepflegt sein wollten, hätten
sich auch schwerlich in dem
halbfinsteren Schlaf- oder
Fremdenzimmer so gut ent-
wickelt, wie vorn in dem
lichten, dreisenstrigen Salon,
dem ehemaligen Billardzim-
mer, das ihnen Vr. Rolf zum Domizil angewiesen. Die jungen perren
gediehen hier prächtig, obschon das Zimmer weder Doppelvorhänge
noch Stores hatte; die Fenster mußten Tags über geöffnet bleiben,
sogar Nachts eine Spalte weit. — Wenn jetzt Vr. Rolf die junge
Frau besuchte, sagte er oft scherzend: „Ich komme als paussreund,
nicht als Pausarzt; wenn Zhr vernunftgemäß lebt, ist der Arzt ein
ganz unnöthiges Pausinventar!" Ob er wohl Recht hat? Za! Und
dankenswerth wäre es, wollten unsere Pausfrauen diese Winke beherzigen.

Abbildung Nr. 225. Speilrzimnrvr-Wand in Renaissance.

Ausgefübrt von Vlto Fritzsche, Hofmöbelfabrik, München.

Hannnle^ und ihrp
mi bekannten


bihlthätep.

von Rudolf Röttger.

ur das Verflossene hat Rechte und recht! Zm zuckenden pul-
sirenden Leben ist es freilich anders; aber die Wissenschaft,
die mit den: Leben in den seltensten Fällen in wirklicher
Fühlung steht, zieht das Todte, das Vergangene dem Gegenwärtigen,
Lebendigen weit vor. Und das aus guten Gründen. Das Lebende
Zuckt und arbeitet in Einern fort; wenn man meint, man hält es hier
fest, so sitzt es schon anderswo, ist daher für ein System völlig unge-
eignet und zahlreich sind die Fälle, wo Systemreiter das wilde Lebens-
roß mit ihren Ansichten gebändigt und fest gesattelt zu haben glaubten,
aber beim ersten Versuch, es zu besteigen, im Sande lagen. Darum
also! Es lebe das Todte, das Verflossene! Denn mit ihm allein
lassen sich Systeme begründen. Die Wissenschaft hat das längst aner-
kannt und dem Getrockneten, Entfleischten, den perbarien, den Skeletten,
den anatomischen Präparaten eine große Rolle überlassen. Aber, wie
es gewöhnlich geschieht, es werden sehr bald die Knechte zu perren,
die Nebendinge zu Pauptsachen, die Methoden zur Wissenschaft. Die
Perbarien, Präparate und Skelette sind auf diesem Wege aus be-
schränkten pülssmitteln, die sie sein sollten, um das Wesen der Dinge
M erkennen, zu Beherrschern der Wissenschaft geworden, die sich mit
dem Lebendigen nicht mehr beschäftigt, sondern nur erst das richtig
Getrocknete, gut Entfleischte und wohl Präparirte für wissenschaftlich
werthvoll ansieht.

Daher stammt zum Theil das Alexandrinerthum in der Litteratur
wit Einschluß der Schiller-, Goetheforschungen und Anderer; daher

^ stammt im gleichen Verhältniß die Sammelwuth der Kunstgegenstände
und solcher Gegenstände, die es nicht sind, sondern blos durch ihr
> Alter sich empfehlen. Von der Butzenscheibe aus dem Erkerfenster
! eines alten Baues bis zu der niederländischen Landschaft im Leinölton,
oder dem Seestück mit den stilisirten Klippen und Wellen aus pärings-
lake ist da Alles werthvoll, weil — alt und der Verfertiger längst ver-
storben. Denn auch das fällt bei jedem Kunstwerke sehr ins Gewicht,
daß der Verfertiger todt ist. Da kann man rückhaltlos bewundern und
loben, was bei Lebenden immer seinen paken hat. Denn der Verfer-
tiger kann einen Vortheil davon haben, was gegen die Ueberlieserung
geht, die da will, daß kein lebender Germane die Früchte seiner Wissen-
schaft oder Kunst genieße, da diese hierdurch entweiht werden.

Neuerdings haben sich freilich Ausnahmen gezeigt; wirkliche Künstler-
Haben es zu Vermögen und Ehren gebracht ganz wie Geheime Kom-
merzien- oder einfache Verwaltungsräthe, wie Professoren und andere
Stützen des Staates. Aber dies gilt bei den echten Kunstkennern nur
als ein Zeichen des Verfalles mehr, gegen welches sie arbeiten müssen,
und das Beste ist, aus das Alte zurückzugreifen, bei jeder Gelegenheit
! den Satz, daß die alten Meister in vieler Beziehung unübertrefflich, ja
unerreichbar sind, dahin anzuwenden, daß es in älterer Zeit nur Meister
gab und daß Alles, was damals geschaffen wurde, meisterhaft oder
künstlerisch werthvoll sei. Neben Kunsthuber, dessen Erfolge aus
I diesem Gebiet wir bereits kennen gelernt haben, steht der erwähnte
Sammler von Niederländern, dem Nichts zu theuer und kostbar ist,
wenn es von einem Niederländer herrührt. Diese Modekrankheit herrscht
schon seit langen Zähren in unserer Gegend und das Mainzer Mu-
seum ist durch Vermächtnisse in Besitz von Niederländern gekommen,
mehr als nothwendig, um zu beweisen, daß es damals neben einigen
Meistern, Mittelmäßigkeiten und Stümper gab. (Schluß im zweiten Bogen.)
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