Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Teile 94-

Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

Zuni-Heft.

ilettantismus inr

Lin Beitrag zu dem Thema: Wie können unsere Krauen zur Ausschmückung unserer wohnräume beitragen t

j iner der verhängnisvollsten Irrthümer, die sich im Gefolge der wieder-
erstarkten Kunstempfindung befanden, war der Verzicht auf eigene
Thätigkeit der Wohnungsinsassen zum Schmuck dieses Heims. Zwar
wurde eifriger denn sonst gemalt, auch der Stickerei wurde nie ganz entsagt, doch
standen die Resultate, wenn sie nicht überhaupt verfehlt waren, in keinem Verhältnis;
zu der Arbeit; noch weniger waren sie im Stande, den Karakter der
Wohnung zu beeinflussen. Man gewöhnte' sich eben daran,
alle Gegenstände fertig zu kaufen und an einen Platz
zu stellen resp. zu legen, der häufig nicht einmal gut
gewühlt war. Ja ganz bequeme Stilenthusiasten
verzichteten selbst hierauf und überließen die
ganze schmückende Arbeit dem Dekoratör
der seinerseits unter dem Linfiuß der
Fabrikindustrie stand, und dieser nun
einen größeren Spielraum ver-
schaffte, als gut war. Drängt
schon in unserer Zeit so vieles
darauf hin, das Heim seiner
kulturhistorischen und ethi-
schen Aufgabe, Mittel-
punkt des Familien- und
Staatslebens zu sein,
zu entkleiden, so ist der
selbstgewollte Verzicht
auf jede eigene Thä
tigkeit der Unheil
vollste Bundesge-
nossein diesem Be-
streben gewesen.

— Unsere ganze
Wohnungs-Aus-
stattung hat da-
durch eine be-
stimmte Signa-
tur erhalten, die
zwar dem ver-
langen nach
Schönheit Rech-
nung trägt, die
aber das Ge-
müthvoll-Heimi-
fche immer mehr
zurückdrängte. —

Line moderne
Wohnung ist mit
Kunst überladen.

Kunst am Fußboden,

Kunst an der Decke,
an den wänden, auf
den Möbeln, überall
Kunst und abermals
Kunst, aber diese Kunst ist
kalt und nüchtern, sie ist
karakterlos; das Wesentliche
ist dabei häufig geschwunden,
und Uebersxannung, Langeweile,
selbst Unbehagen ist an dessen
Stelle getreten. Das ist nicht immer
so gewesen. Besonder war es die Frau,
die hier einen Wirkungskreis fand, der,
ursprünglich auf die vier Pfähle beschränkt,
über diese hinausging und das ganze Kulturleben
in günstiger Weise beeinflußte. Da saß die Frau des
Hauses mit den Töchtern und Mägden und spann
Hans und Flachs zu kunstvollen Geweben zusammen;
sie wirkten Borten, besetzten sie mit edlen Steinen und
Metallen, nähten mit goldenen und seidenen Fäden
Verzierungen aus Gewänder und Tapeten, stickten

Bilder ans Decken und Wandgehängen, fertigten Wappenröcke, Pferdedecken, Reit-
zeug, Linnentücher, Wandteppiche, Tisch- und Handtücher, webten Teppiche, kurz —
sie waren auf allen Gebieten kunstvoller Handarbeit thätig, Schönheit und dadurch
Licht und Leben in das Haus zu tragen. Aber diese Kunst war individuell; sie
verband mit den eingewebten Fäden die Familienmitglieder miteinander. So wurden
die Gegenstände theure Andenken, nicht gleichgültige Werthobjekte, die mit dem
wandelnden Geschmacksinn in der Schätzung stiegen oder fielen. Nur dadurch ist
es zu erklären, daß sie generationenlang das werthvollste Familieneigenthum blieben.

Dazu trat die mehr passive Mitwirkung des Mannes. Was er draußen in
fernen Landen Neues und Schönes erwarb, brachte er sorglich heim, und seine Er-

Abbildung

zählungen woben poetische Schleier um die Gegenstände. Die Kunstindustrie, soweit
wir sie mit diesem Namen bezeichnen können, brachte noch keinen Aeberflnß an
Artikeln hervor, sie arbeitete lediglich auf Bestellung, und so waren dann auch
alle Bronce-, Lisen-, Holz- und anderen Gegenstände, welche die Wohnung zierten,
mehr oder weniger von dem Geschmack des Bestellers beeinflußt; er sah sie theil-
weise unter seinen Augen entstehen und vollenden. Line solche
Kunst hatte Karakter; sie war mit dem Gemüthe ver-
knüpft und selbst das Unvollkommene wurde durch
die Naivität der Gesinnung poetisch ver-
klärt. — Anders ist es heute. Die In-
dustrie schafft Massenartikel, die sich
dem Käufer geradezu ausdrängen.
Alles, auch der geringste Ge-
genstand , wird fertig
fremden Händen entnom-
men. Der Zusammen-
hang der Persönlich-
keit und des Objektes
ist ein sehr loser und
damit ist unsere Woh-
nung karakterlos ge-
worden. Schön mag
sie wohl manchmal
sein, aber diese Schön-
heit ist vornehm —
und nüchtern, ihr
fehlt die Poesie. Ls
ist mit der Wohnung
wie mit der Ehe.
Bekanntlich werden
nicht alle Ehen im
Himmel geschlossen,
sondern sehr irdische,
berechnende Beweg-
gründe sind oft die
Ursachen derselben.
Die Gatten
gewöhnen -
sich anein-
ander, sie
sind gute
Eheleute,
die sich ge
genseitig
kein Unrecht
thun; 'aber
die eigentliche
Wärme, die die
Erde zu dem Him-
melreich macht,
fehlt. — Beide
Gatten müssen
sich sagen, daß, wenn
sie ein anderes Loos
gezogen hätten, sie
auch nichts vermissen
würden. Auch in der
Wohnung macht sich
solche Gleichgültig-
keit für die einzelnen
Gegenstände geltend.
Abgesehen vom ma-
teriellen Werthe ist
es den Insassenlin vielen Fällen gleichgültig, ob
rar, Zss. in der einen Ecke dieser oder jenersSchrank steht,
wenn er nur äußerlich eschmackvoll ist und nicht
den lieben Freundinnen Veranlassung zu einer wenig
wohlwollenden Kritik gibt. Lin fernerer Faktor
dieser, ich möchte sagen, Entfremdung zwischen dem Besitzer und dem Gbjekt, ist
die Massenproduktion von Gegenständen, die über dem Gebrauche stehen. Nicht
die Nothwendigkeit hat sie entstehen lassen, sondern die Sucht nach Schangepränge.
Ich habe in einem früheren Aufsatze darauf hingewiesen, wie solche Gegenstände
zu der malerischen Wirkung beitragen können. Leider wird dabei häufig vergessen,
daß sich der Meister in der Beschränkung zeigt, und so werden alle Winkel und
Ecken mit Vasen, Nippsachen, Tellern und anderen Sachen bedeckt, die nur zum
Ansehen und — Stanbfangen vorhanden sind. Auch unsere Vorfahren verschmähten
diese Dekoration nicht, aber bei ihnen waren es wirkliche Prunkstücke, die bei fest-
lichen Gelegenheiten in Gebrauch genommen wurden.

"Motiv für einen RLUckj-Erker von H. Iesora.js
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