Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Nlai-Heft.

oderne Misenlmhn -Hnsltattmi geil.

von Architekt p. Aoch.

reformatorischen Bestrebungen auf allen Gebieten des Eisen-
bahnwesens trugen auch verschiedene Früchte bezüglich der
Einrichtung, Ausstattung und Benutzung der Beför-
derungsmittel. Die Bequemlichkeit, die der Gesellschaft im Privathause,
in den öffentlichen Gebäuden und sonstigen Anlagen geboten wird, die
größere Ausdehnung des Reiseverkehres, so besonders für lange Strecken,
und der mehr bahnbrechende Luxus, die immer höher gestellten Anfor-
derungen bezüglich körperlicher und geistiger Bequemlichkeit, schufen —
insbesondere aus amerika-
nischen Bahnen — Ein-
richtungen für Verkehrs-
mittel, die allen Anfor-
derungen reichlich Rech-
nung trugen. Einzelne
daselbst schon jahrelang
bestehende zweckdienliche
Ausstattungen von Wag-
gons zu Speise-, Einzel-
reise-, Konversations-Ge-
lassen sollen demnächst
auch auf deutschen Bah-
nen Eingang finden, sind
theilweise bereits in Aus-
führung begriffen. Be-
sonders waren es jedoch
die oft noch an den pri-
mitivsten Grenzen sich be-
wegenden inneren Ein-
richtungen der personen-
wagen, die eine völlige
Umwälzung Hervorrufen
mußten. Die Aufmerk-
samkeit, die die konstruk-
tivenTheile derWaggons,
insbesondere der Unter-
bau, das Radgestell und
das obere struktive Gerüst
erfuhren, meistens die
Sicherheit des Reisenden
in das Auge faßten, brach-
ten endlich auch eine Um-
wälzung in der inneren
Ausstattung mit sich.

Wenn man bedenkt, daß
man oft in den höchst
inangelhaft eingerichteten,
allen Anforderungen in
gesundheitlicher und ge-
sellschaftlicher Beziehung
Hohn sprechenden Gelas-
sen tagelang, dicht einge-
zwängt zubringen muß,
angenehme wie lästige Ge-
sellschaft als Begleitung
erhält, in schlecht gelüfteten, bei der Fahrt schwer zu ventilirenden, ver-
pesteten Räumen Aufenthalt nehmen muß, trotzdem die dafür aufzu-
bringenden pekuniären Opfer oft ungeheuer sind, so ist wohl der all-
seitige Ruf nach Verbesserung keine zu anmaßende Forderung der
Gesellschaft. Bahnbrechend wurden für diese Reformen die Ausstatt-
ungen und Einrichtungen der Waggons zur Beförderung höchster und
hoher fürstlicher Persönlichkeiten, es übertrugen sich allmählig die dort
vorgenommenen Umwälzungen theilweise oft gänzlich aus die üblichen,
allgemein gültigen sogenannten Normalsysteme, behufs endlicher Um-
wälzung dieser veralteten, an die alte gelbe Postkutsche erinnernden
Nlarterkasten. Die beigegebenen Abbildungen zeigen in Illustration
Nr. 33ß eine solche umgestaltete innere Einrichtung von Personen-

wagen I. und II. Ulasse der Strecke Wiesbaden—Langenschwalbach
der Eisenbahndirektion Frankfurt, in Abbildung 3V/ 3P und 3-s3
solche eines Salonwagens für Le. Ugl. Hoheit den Großherzog
von Oldenburg, und in Abbildung Nr. 3ls5, 3^6, 3^7 und 3V
sowie der Beilage im zweiten Bogen: innere Ausstattungen eines Londer-
zugprojektes für Le. Nlaj. den Uaiser von Rußland.

Die geringen Abmessungen solcher Waggons müssen natürlich Raum-
dispositionen herbeiführen und Ausstattungen erhalten, die dem wohn-
lichen Uarakter unserer Heimstätten gerecht werden und doch im Rahmen
des öffentlichen Verkehrsobjektes verbleiben. Es sind demzufolge bei
diesen beschränktesten Ausenthaltsräumen karakteristische Anordnungen

entstanden, die den wei-
teren Ureisen gewiß auch
von großem Interesse sein
dürften. Die Redaktion
sah sich demzufolge auch
veranlaßt, einen solchen
vollständigen „Grundriß"
vom Waggon für Le.
Uönigl. Hoheit den
Großherzog von Ol-
denburg einzufügen. An
Abtheilen befinden sich
im Waggon: ein Em-
pfangs- bezw. Vor-
Raum, derselbe enthält
drei auch für Schlafge-
legenheit Mitreisender Ad-
jutanten rc. eingerichtete
Litze. In unmittelbarer
Verbindung steht der in
der Bildbeilage Nr. 3V
gegebene Lalon. Die
mäßigen Abmessungen
von 2,85 zu 3,55 rri
mußten natürlich zu gro-
ßen mobilen Beschrän-
kungen führen, die in der
Hauptsache aus zwei ver-
goldeten Bronzekaminen,
einem als Ruhebett ein-
gerichteten Lofa, Alapp-
tisch, Lessel und Prunk-
schränkchen bestehen. Die
rechts vom genannten
Lpiegelschrank sich befind-
liche Thür führt nach dem
Lchlafgemache mit
Bettstatt, Fauteuil und
den sonstigen üblichen Be-
quemlichkeiten. Aus sel-
bigem gelangt man nach
dem Toilettraum mit
dem Kloset, Waschgele-
genheit, Toilettespiegel;
Behältnisse für Toilette-
artikel und dergleichen
vervollständigen die Ausstattung. Ein Korridor führt ferner vom Lalon
nach dem letzten Raume, dem Dienergelaß mit Kochgelegenheit. Es
sind somit alle Gemächer unter sich in Verbindung, ohne daß ein Be-
treten des Lchlafkabinets Lr. Kgl. Hoheit nothwendig würde. Bezüglich
der in modernein Renaissancestile entworfenen Dekoration sei erwähnt,
daß sämmtliche RIobilien und sonstigen aus Holz verfertigten Archi-
tekturtheile aus italienischem Nußbaumholze, theils matt, theils polirt,
besonders im Lalon und Empfangsraume mit reichen Schnitzereien
versehen, ausgeführt sind. Zur Wandbekleidung des Salons und
Empfangsraumes wurde im unteren Theile bis zur Brüstungshöhe der
Fenster ein blaugrüner, schwerer, dainascirter Leidensammt gewählt,
während die oberen Theile mit tiefgelber Leide und die Decke mit hell-

Abbiidrmg Nr. zqq. Innenansicht des Salons aus dem Wangon für Se. Kgl. Hoheit den

Groszherzog von Oldenburg.
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