Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Seite 76.

Mai-Heft.

Zll-ustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Znnen-Dekoration.

mit unfern Handwerkern wieder einen verständigen und regeren Verkehr
zu führen, wie es zur Blüthezeit aller Stil-Epochen in gut bürgerlichen
und hohen Kreisen Sitte war, und manch ehrbarer Meister sich hohen
Besuchs in seiner Werkstätte zu erfreuen
hatte —- da war auch die Achtung vor
dem goldenen Boden des Handwerks
eine größere. — Große Schuld tragen
ja wohl auch manche Handwerker, die
sich gern gehen lassen, und lieber eine
Arbeit ablehnen, als sich gewissen
Wünschen anpassen. Vielfach ist auch
bei ihnen kein sonderliches Verständniß
für die Ansprüche der Auftraggeber
vorhanden, auch sie haben es verlernt,
direkt mit dem Publikum zu verkehren,
weil ihnen die meisten Aufträge durch
kaufmännischen Betrieb in halben und
ganzen Dutzend nach Schablone L bis
x zugehen. Geselle I?. fertigt Schränke,

(F. Tische, Ist. Stühle usw., die Zeich-
nungen werden von den Geschäften
gegeben — — der Meister aber hat
seine Sorge, daß er bei den verab-
redeten Preisen zurecht kommt, er ist
eben selbst mehr Kaufmann als Hand-
werker geworden. An Stelle der phrasen-
haft abgedroschenen Aesthetik sollte man
sich mehr mit der lebensfrischen Wirk-
lichkeit befassen. Man sollte empfinden
lernen, was für Anforderungen an einen
guten Sitzestuhl billig zu stellen, was
von einem standfesten Tisch verlangt
werden darf. Das kaufende Publikum
sollte wieder mehr lernen, seine Wünsche
den Handwerkern direkt darzubringen,
sich mit den Meistern zu verständigen
und durch wiederholte Besuche in den Werkstätten den Hortgang der
Arbeiten zu überwachen, — es wäre für alle Theile besser. Den eigent-
lichen Kauf-Geschäften würde hierdurch wenig Abbruch geschehen, denn

ganz gewisse und große Klassen sind aus materiellen und vielen anderen
Gründen auf sie angewiesen. — Zeder Meister ist heute im Stande,
gute Zeichnungen zu beschaffen, theilweise auch selbst zu zeichnen; aber

es müssen viele und recht vielseitige
Anforderungen an ihn herantreten, we-
nigstens was gute und technisch vollen-
dete Arbeit angeht. Damit ist nicht
gesagt, daß er heute den gothischen
Stil, morgen den Renaissance-Stil bosseln
soll, — dazwischen noch Rokoko und
Zapan. Kein Mensch kann inehr als
zwei Stile vollwerthig beherrschen, das
beweisen uns große Meister unserer
Tage, oder er wird zum Stümper. Es
liegt im Wesen des kaufmännischen
Betriebes: jeden Tag etwas Neues —
damit ist aber dem Publikum so wenig
als dem Handwerker gedient. Hür
jeden Raum ist Ruhe eine Kardinal-
Tugend, wir reißen sie aber selbst
heraus durch unser Hasten im Zusam-
menkäufen aus allen denkbaren Ma-
gazinen. Hür recht viele Dinge haben
wir recht viel Zeit übrig, und für das,
was uns eine Welt sein soll, so wenig.
Sobald wir beginnen, uns etwas mehr
mit den Handwerkern zu beschäftigen,
durch Ertheilung größerer Aufträge,
werden wir überraschende Resultate er-
zielen. Der Handwerker wird mehr
zum Denken angeregt, er wird unsere
Wünsche besser verstehen, wird auch
durch bessere Preise sich viel mehr in
der Werkstatt als im Kontor aufhalten,
und wir haben dafür nachher das Be-
wußtsein, etwas von unserem eigenen
„Zch" bei der Ausstattung unserer Wohnräume mit hineingelegt zu
haben. Handwerker müssen wieder mehr ins Haus kommen und wir
müssen zu ihnen gehen, müssen dort heimisch und vertraut werden, wo

Abbildung zzy. Innere Einrichtung der Nbthcilv I. u. II. Maste
von Waggons der Strecke Wiesbaden—Langenschwalbach.

ariser

Kunstsinn in Frankreich. — Französisch^ und englische Museen. —
Schaffe des Ausee lies arls «Itzvorulik« in Paris.

s ist keine Frage, daß in den letzten Jahrzehnten, trotzdem unserem Zeit- !
alter der Namen des materiellen anhaftet, Kunstsinn und Geschmack
Fortschritte gemacht haben. Mögen dieselben sich auch einmal nach einer
falschen Richtung hin verirren, so liegt doch im Ganzen und Großen überall das
Bedürfniß vor, sich sein kjeim in gefälliger weise auszustatten und man braucht
nur die Einrichtungen und Arrangements unserer Wohnungen von heute mit denen
vor so Jahren zu vergleichen, um die Wahrheit dieser Behauptung zuzugeben.
Und darin erweist sich doch eben der geläuterte Geschmack, daß man nicht nur in
den Museen und Ausstellungen Dinge sehen mag, die das Auge erfreuen, sondern
dieselben auch ständig um sich haben will. Daß die immer mehr sich verbreitende
Bildung auch dazu beiträgt, den Kunstsinn zu üben, unterliegt keinem Zweifel und
Frankreich bietet das beste Beispiel dafür, denn wenn auch jetzt die Durchschnitts-
bildung in Deutschland einen höheren Grad erreicht hat, als in der benachbarten
Republik, so besitzt man doch in letzterem Staate, das muß man ja bei allem
Nationalsinn zugeben, eine um Jahrhunderte ältere Livilisation und daher auch
einen vorgeschritteneren Geschmack. Ob derselbe in unserer Zeit dieselben Fort-
schritte gemacht hat wie in Deutschland, ist allerdings fraglich. Andererseits steht !
es aber fest, daß er sich in Frankreich immer noch auf einer höheren Stufe befindet, i
wozu einerseits Vererbung und Gewöhnung das Ihrige beitragen, andererseits aber
und zwar hauptsächlich all das Schöne, was der Pariser — und Paris ist ja, in
diesem Sinne mindestens, Frankreich — stets um sich sieht. Das Land weiß, daß
es auf dem Weltmärkte besonders durch seine Kunst und Kunstindustrie eine her-
vorragende Stellung einnimmt und thut daher Alles, um sich diese zu bewahren.
Man liest zwar oft, selbst in französischen Blättern, daß sich Frankreich von anderen
Staaten und besonders Deutschland und England nach dieser Richtung hin über-
flügeln lasse, in Wahrheit ist dieses aber durchaus nicht der Fall. London besitzt
ja unfraglich in dem South Kensington Museum ein Institut, das an Großartig-
keit und Vielseitigkeit wenig zu wünschen übrig läßt, und trotzdem möchte ich be-
zweifeln, ob dasselbe in gleicher weise anregend wirkt als es das hiesige NusLe

cles arts ckLeoiatiks thut, wozu allerdings mit beiträgt, daß man für derartige
Einwirkungen hier weit empfänglicher ist als in England. Das Londoner Museum
verdankt übrigens seine Entstehung, wenigstens indirekt, einer französischen Idee.
Im Jahre f8H7 bereits wurde nämlich von drei hervorragenden Künstlern der
Regierung ein Rapport cingereicht, der einen vollständigen plan zur Errichtung
eines Museums der Kunstindustrie in Paris enthielt. Man fand damals keine Zeit,
demselben Aufmerksamkeit zu schenken und er gelangte in die Archive des Lorr-
servutoire Les urts et metiers. In Z8-ZY fand in Paris eine internationale
Ausstellung statt und der Rapport gelangte zur Kenntniß von Engländern, die das
letztgenannte Institut besuchten. Bald darauf entstand das South Kensington
Museum, das, wie wenigstens behauptet wird, in seiner Anlage vollständig dem
von den Franzosen gegebenen Plane folgt, aber Dank dem Reichthum Groß-
britanniens in seiner Großartigkeit und Pracht weit über denselben hinausgeht.
Das hiesige Llrrsöe cles arts LLaorutiks kann sich nach dieser Richtung hin mit
demselben nicht vergleichen, es besitzt nicht einmal ein eigenes Gebäude, sondern
befindet sich immer noch, wie es heißt, aber nur provisorisch, in einem Seitenstügel
des l?Llars cle I'Industrie. Das Museum verdankt nicht der Regierung, sondern
der Privatinitiative seine Entstehung, und Anfangs fanden sich daher auch nur
Gegenstände, die durch freiwillige Schenkungen hincingekommen waren, sowie
Sammlungen darin, welche von ihren Besitzern für einige Zeit hergeliehen wurden.
Dies hatte den vortheil, daß Kunstschätze im Privatbesitz einem größeren Publikum
zugänglich wurden, dagegen wurden diese oft wieder zurückgezogen in dem Augen-
blicke, wo einer oder der andere eingehendere Studien daran machen wollte. Durch
eine Lotterie erwarb das Museum aber bald ein ziemlich beträchtliches vermögen
und hat so nach und nach bleibende Schätze erworben, wollte ich derselben alle
oder auch nur der hauptsächlichsten in eingehender Meise hier Erwähnung thun,
so würde ich den mir zu Gebote stehenden Rahmen weit überschreiten. Dieser
Artikel soll daher nur eine Art Einführung sein, ein flüchtiger Spaziergang auch
durch die Sale, bei dem man hier und dort ein besonders in's Auge fallendes
Stück herausgreift und für später behalte ich mir ein weiteres Eingehen auf den
Gegenstand vor. Gleich beim Ijinaufschreiten der breiten Freitreppe wird das Auge
durch Abgüsse der prachtvollsten Panneaux nnd Basreliefs gefesselt. Das Museum
hat nach dieser Richtung fast kein einziges Original, aber ist eben darum um so
reichhaltiger und interessanter, als es uns „alles Schöne" wenn auch nur in der
Nachbildung vorführt. Eine prachtvolle Imitation eines marmornen Kammes im
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