Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Februar-Heft.

Seite 33.

^ie pvmpejanische

Wandmalerei in nnwerner Mlüvendmlg.

Don Jakob v. ^alke.

! oinpejanische Wandmalerei — wein ginge nicht das Herz auf
bei dem Anblick dieser reizvollen Dekorationen, welche die
Grazien und Amoretten selber erfunden zu haben scheinen!
Wenn ich sage „pompejanisch", so fasse ich den Ausdruck generell und
verstehe darunter die ganze malerische antike Wandverzierung, welche
die Ausgrabungen in Rom und in den unteritalischen Städten an das
Ticht gebracht haben, von den Thermen des Titus angefangen, welche
schon zu den Zeiten Rafaels
entdeckt wurden, bis zu dem
Hause der Lima auf dem
Palatin und der römischen
Dillen im Garten der Far-
nesina. — Welche uner-
schöpfliche Fülle der Er-
findungen! welche Heiter-
keit, welche Harmonie, wel-
cher entzückende Reiz voller
und freudiger Farben!
welche Anmuth im Spiel
der Linien und der Orna-
mente! welche Grazie, wel-
cher Liebreiz in den kleinen
Bildchen, in den so frei
und froh hingeworsenen
figürlichen Gestalten! Alles
m Allem die denkbar ent-
zückendste Dekoration, die
öchöpsungen der freiesten
Phantasie, gemäßigt, ge-
bändigt, unter dem Maße
klassischen Geschmacks! —
öollte man nicht meinen,
wir könnten heute für un-
sere Wohnung nichts Bes-
seres ersinnen, als diese
antike Dekoration, welche
sa schon einmal unter dem
Vorgänge Rafaels und sei-
ner Schüler der modernen
Wohnung eine neue Vrna-
mentation geschaffen hat?

Was wollen unsere schwer-
fällig verzierten Tapeten
besagen verglichen mit je-
nen Grotesken oder Ara-
besken, wie wir sie auf den
Wänden der antiken Dillen
und Wohnhäuser wiedergesunden haben? Am das schönste zu haben,
brauchten wir nur einfach zu kopiren; da es aber doch nicht unsere
Aufgabe ist, bloß zu kopiren, sondern wir immer nach der Selbständig-
keit trachten müssen und sollen, so brauchen wir nur den Wegen zu
kalgen, welche die großen Dekorationskünstler der Renaissance uns vor-
gezeichnet haben, Wege, die von Rafael zu Watteau geführt haben.

Jedoch, trotz aller dieser Vorzüge, wenn wir die antike Dekoration
uuf unsere Wohnung übertragen wollen, so zeigt es sich, daß wir auf
^cbrvicrigkeiten stoßen, daß wir sie nicht einfach kopiren, nicht einfach
'hre Art und Weise nachahmen können, sondern nur in höchst freier
Weise uns ihre Scbönheiten, Vorzüge und Motive anzueignen haben.

Abbildung Nr. 299. Entwurf zum Ausbau eines Vestibüls von G. La, Np recht.

Dem antiken Dekorationsmaler stand die ganze volle Wand des
Gemachs von unten bis oben frei zur Verfügung. Reine hohen Möbel
verstellten sie, keine aus der Staffelei entstandenen Bilder, keine Reliefs,
keine Büsten auf Aonsole», keine Aunstgegenstände bedeckten sie und
unterbrachen den Zusammenhang der Fläche und störten ihre Zeichnung
und Farbenharmonie. Der Maler konnte sich den ganzen Raum —
gewöhnlich war er nicht allzugroß — frei eintheilen und er that es

regelmäßig, von unten
nach oben, dreifach: in
Sockel, Hauptfeld der Mitte
und Fries; bei längerer
Wandfläche theilte er auch
senkrecht, indem er vom
breiteren Mittelfeld zwei
schmälere Theile abschnitt.
— So die einfachste Grund
legende Art der Anord-
nung, Aber was hat die
reiche Phantasie und die
leichte Hand des Meisters
alles daraus gemacht! Die
Dekorationen dieser Art,
welche uns aus dem Alter-
thum erhalten sind, um-
fassen vielleicht nur den
Zeitraum von hundert
Zähren, aber schon in dieser
kurzen Zeit können unr-
einen Gang der Entwick-
lung beobachten, der vom
Einfacheren zum Aompli-
zirten, von einer volleren
Anwendung des figürlichen
Bildes zur Phantastik, zu
einer überreichen, aber ganz
unmöglichen architektoni-
schen Gestaltung hinsührt.
Das trennende und abthei-
lende Ornament der früh-
eren Epoche, d.i. etwa der
ersten römischen Raiserzeit,
sind Stabwerk und Linien,
Th-srsusstäbe, Guirlanden,
Festons, Blumengehänge
aller Art, graziöse groß-
blätterige Pflanzen, schön
geschwungenes Rohr und
Schilf. Zn den Hauptfeldern, die dadurch abgetheilt werden, stehen
farbig umrahmte oder frei hingeworfene Bilder, oft mit vielen Figuren
wie die aldobrandinische Hochzeit, häufiger noch mit schwebenden Einzel-
siguren, größere oder kleinere überaus anmuthige Genrebilder wie die
Schmückung einer Braut, zuweilen humoristischen Gegenstandes, Lustspiel-
szenen, Thierbilder, Landschaften u. a. Dann gibt es frei herumflie-
gende Genien, bunte Vögel, die herabschweben oder aus den Blumen-
guirlanden sich wiegen, Schmetterlinge und sonst allerlei meist zierliches
Gethier, aufgehängte Znstrumente aller Art, Täfelchen, Medaillons
mit Frauenköpfen, kurzum überaus vielerlei Zusammengehöriges und
nicht Zusammengehöriges, was aber der höchste Geschmack, die höchste
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