Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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April-Heft. Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift

öasselbe Festkleid zu einem Ball wie zu einem Begräbniß anlegen und
dann wie Kellner erscheinen. Der Spruch, daß Alles, was existirt, ver-
nünftig ist, will ja nur besagen, daß es in irgend einer Logik wurzelt.

Wenn aber diese Logik hinfällig geworden, und das Veraltete doch
bleibt, ist es sehr unvernünftig. — Die eng zusammengerückten schmalen
aber hohen Raufmannshäuser der alten
Hansa-Städte haben wohl zuerst die großen
Fenster mit Hellem Glase gehabt, um recht
viel Licht den länglichen tiefen Zimmern
Zu gewähren. Einen wesentlichen Einfluß
übten die Hugenotten und Niederländer, als
sie neue Stadttheile als Emigranten bauten,
die durch lichte, breite Straßen und Häuser
mit schönen Giebeln und großen Fenstern
sich auszeichneten. Die jüngste Aera hat
die alten befestigten Mauergürtel gesprengt
und bevorzugt im Villenbau das altgerma-
nische Prinzip, daß Zeder für sich inmitten
seines Gutes wohnt und nicht mehr Schulter
an Schulter mit dem Nachbar steht, da die
Nrsache hierzu, die Vertheidigung, wegge-
sallen ist. Fragen wir uns, wie lange es
her ist, daß Gardinen oder Vorhänge die
Fenster schmücken, so wundert sich wohl
manche Hausfrau, die sich ein Zimmer ohne
Gardinen als absolut unwohnlich vorstellt,
daß weder die Griechen und Römer, noch
die lieben deutschen Vorfahren in: Mittel-
alter solchen Fensterschmuck besessen haben.

Wan kannte nur derbe Velarien, die teppich-
artig gegen die Sonne und gegen Regen und
Wind schützen sollten. Als nun gar farbige
Fenster auskamen, dachte Niemand an Gar-
dinen, die ja den edelsten und kostbarsten
öchmuck verdeckt hätten. Es ist also auch
heute, nachdem die farbigen Fenster vielfach

wieder eingeführt sind, Vorsicht zu empfehlen, damit nicht eine wider-
sinnige Dekoration durch „Zu viel" entsteht. — Ein eigener Reiz ist
dem Auge geboten, wenn ein seines Glasgemälde mit der Aussicht in

für Znnen-Dekoration. Seite 6ß.

einen schönen Park konkurrirt. Nur muß der Eindruck gewahrt bleiben,
daß beide Genüsse sich harmonisch ergänzen. Die Lösung fand ich nur
da geglückt, wo echte Glasgemälde aus der besten Zeit (s6. Zahrh.)
ausgehängt waren. Alle unsere heutigen Nachahmungen haben noch
lange nicht die Edelstein-Gluth des damaligen Glases erreicht. Dann

stört auch bei neuen Rompositionen, daß
diese von der Oelmalerei ausgehen und
gleichsam gnädigst zum Runstgewerbe sich
herablassen, während damals das solide,
technisch vollendete Runsthandwerk fröhlich
zur hohen Runst sich ausschwang, ohne seinen
festen Boden zu verlieren. Es ist selbstver-
ständlich, daß da, wo der Hauptreiz im Ma-
terial und im „Durchscheinen des Lichtes"
beruht, ein anderes Prinzip gelten muß,
als da, wo die Materialsrage Nebensache
und nur der „Rückprall" des Lichtes von
den Bildern maßgebend ist. Hier kann nur
der erfahrene Meister das Richtige wieder
erreichen. Man bleibe daher vorsichtig bei
farbigen teppichartigen Glasbildern und hüte
sich vor den Surrogaten, die den wirklichen
Runstwerken an den Wänden eine geschmack-
lose und gefährliche Ronkurrenz bereiten.
Zm klebrigen gibt es kaum ein dankbareres
Gebiet, als die Dekoration mit durchschei-
nendem Material. Mit unseren Gardinen
ist es umgekehrt wie mit dem farbigen Glase.
Wie öd und prosaisch erscheinen die ver-
bleiten Fenster von außen? Wie schön heben
sich hingegen die Hellen Gardinenmuster vom
dunklen Hintergründe ab! Umgekehrt empfin-
den wir es als Enttäuschung, daß am Tage
alle Ornamente in der Lichtfülle des Fenster-
rahmens dunkel erscheinen. Wir dekoriren
also auch in erster Reihe die Straßensassade
mit den naturalistisch schattirten Stores, da wir im Zimmer das Zerr-
bild schauen, aus welchem die weißen Lichtpartien dunkel erscheinen.
Richtige Gardinenmuster sind also solche, welche sowohl durch die durch-




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- Abbildung Nr. 3Motive für Holzbrandtechnik.

Entworfen von Architekt G. Poller, Berlin.

Dies muß ich hier nachtragen. Zn Madrid lebten zwei Maler, beide
sehr geschickt, der eine war sogar das, was man von Loge de Vege,
dem Dichter, sagte, ein „inonstrriO cke ln nntrrrnlexn", ein Natur-
wunder, d. h. mit einer wunderbaren Fertigkeit begabt, die Stile und
Wanieren der alten Meister nachzuahmen und einen beliebigen Vorwurf
Zenau so auszuführcn, wie Vclasquez, Ribera, Murillo oder ein
anderer jener Zeit es gethan haben würden. Der andere der Beiden
hals an der Ausführung, die an Schnelligkeit den berühmten Ixiacn
kn presto beschämte. Was sie also anfertigten, waren Originale,
richtige Originale, und wenn kunstsinnige Bankiers darin sofort die
alten Meister erkannten, so war das ihre eigene Sache, nicht die der
bescheidenen Urheber. Als diese Beiden nun hörten, wie ihr Vaterland
verunglimpft wurde, da erhoben sie sich in gerechtem Zorn und unbe-
kümmert um ihr gutes Geschäft, dessen Gcheimniß sic so verriethen,
erklärten sie in den Blättern, daß in ihrer Fabrik Oollex fortwährend
Wcisterwerke aller Art und jeder Schule zum Export durch auswärtige
Bankiers zu haben wären. — Dieser Enthüllung ist es wohl zuzu-
schreiben, daß die durch Zsaac Pereire geretteten Schätze nicht in
öen Louvre kamen, wo sie neben dem alten Philosophen und modernen
Schuster sich prächtig ausgenommen hätten. Diese Büste war indessen
ebenfalls aus dem Saale entfernt, wo gute Freunde ihren Fußbeklei-
bungskünstler wieder erkannt hatten, und der Ruf des Uebrigen gerettet.

Rechnet man dazu, daß, wie es allgemein bekannt ist, besonders
w Antwerpen Maler ihre Schüler damit beschäftigen, die alten Meister
kopiren zu lassen, und daß diese Ropien je nach Fassungsgabe des
Aäufers bald als Originale, bald als unter des Meisters Leitung ge-
sertigte Ropien verkauft werden, daß also in einer gegebenen Zeit eine
tvahre Lintfluth von Niederländern vorhanden sein muß; daß es schon
s'-üt langer Zeit gelungen ist, die ältesten Möbel mit Znbegriff der

Wurmstiche, die durch Schrotschüsse hervorgebracht werden, herzustellen;
daß selbst die echten Butzenscheiben genau aus dem schlechten Glase
wie früher und ebenso unbeholfen gemacht werden können, so muß
man die große Frage auswersen: Wo liegt denn eigentlich das Ge-
heimniß des Werthes für den gewöhnlichen Liebhaber, wenn selbst
ganz gute Renner ihn nicht sofort heraus zu finden vermögen? Blos
um dereinst den Schimmer des Alters für ihre Werke zu verdienen,
haben doch weder griechische, noch die Meister der Gothik, Renaissance
usw. gearbeitet; die Griechen haben keine Bildsäulen gegossen, um der
grünen Patina Gelegenheit zum Ansatz zu geben und die Niederländer-
Haben nicht gemalt, damit die Zeit jenen „goldigen" Leinölton ent-
wickle, den heutige Renner so sehr schätzen, und doch besteht der Werth
so vieler Sammelgegenstände lediglich in diesen Nebenerscheinungen, die
mit der Runst so wenig wie mit der Kunstgeschichte etwas zu thun
haben. Für den lebenden Künstler sind diese „Ueberlegenheiten" des
Alten natürlich unerreichbar; aber man folgere daraus nicht auf eine
geringere Leistungsfähigkeit, wie es die Sammler und Liebhaber so oft
thun, um ihre Steckenpferde und deren Unterhalt zu entschuldigen. Da-
durch wird blos Nachahmung und dann Fälschung herausgefordert.

Neust Erfindungen auf dem Grlnekst dest Zimmerein-
richtuug. Zn Philadelphia wurde jüngst ein Hotel eingerichtet, das
aus lauter Salons besteht, in welchen die Möbel im Gemäuer placirt
werden können. Ein Tapezierer brachte Vorhänge in Verwendung, die
mittelst eines einfachen Drahtmechanismus herabgelassen und wieder
von selber aufgemacht werden können. Diese Methode erscheint sehr-
praktisch, weil die Larniche wie der Vorhang sehr leicht zu reinigen
sind und noch andere Vortheile bietet, insbesondere wird das Abnehmen
und Aufmachen mit Hülse von Leitern erspart, was oft gefährlich ist.
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