Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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September-Heft.

Zllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite f59.

Aunstgewerbe und die ^Weltausstellung.

von Ljans Schliepmann.

ie große Frage einer „Berliner Weltausstellung", die jetzt allerorten erörtert
wird, ist eine so vielfach verwickelte, daß ein abschließendes Ja oder Nein
erst dann gesprochen werden sollte, wenn wirklich von allen betheiligten Seiten
Urtheile vorliegen. So sehr man auch, sobald man das schöne Fieber der Welt-
ausstellungs-Begeisterung überwunden hat, den leitenden Reichsbehörden zustimmen
muß, daß sie die Frage ohne Phrasenfeuerwerk in geschäftsmäßig nüchternster Weise
auf ihr Für und Wider prüfen, so erscheint es doch als eine gewisse kleinbürgerliche
Aengstlichkeit und ein kurzsichtiger Standpunkt, wenn man das Zustandekommen
einer Weltausstellung hauptsächlich von der Großindustrie abhängig macht. Sie soll
die Rosten der Veranstaltung tragen! Das heißt aber in Wahrheit nichts Anderes,
als daß der Staat für die Kleineren und Kleinen nicht einzutreten wünscht oder
vermag, daß er aber den Großen gern zu Weiterem verhilft, wenn diese den
Vortheil des Unternehmens mit einiger Begeisterung einsehen.

Die Großindustrie aber ist eben groß; sie braucht keinen weiteren Antrieb von
außen, folglich setzt sie an eine Unternehmung, die ihr nicht augenfällig nützt, nur

Erzeugnisse werden fast nur von einem Fachpublikum in nähere Betrachtung gezogen
werden. Das durchgehende Urtheil über eine Ausstellung wird daher durchaus von
dem Eindruck beeinflußt werden, den die „kunstgewerblichen" Leistungen machen.
Diese Leistungen aber geben ihrer Natur nach nicht nur ein wirthschaftliches
Bild der ausstellenden Nationen, sondern auch ein Karakterbild, insofern sich in
den Kunstgewerbserzeugnissen nicht nur Reichthum und industrielle Geschicklichkeit,
sondern vor Allem Kunstfertigkeit und Geschmack aussxrechen. Es kommen sonach
hier auch idealere Interessen in Betracht, die unser geistiges Leben mannigfach zu
fördern geeignet sind und weitgehendste Beachtung der maßgebenden Kreise verdienen.

Man begreift leider allgemein noch viel zu wenig, daß diese Interessen auch
für das materielle Wohl einer Nation von^höchstem Werthe sind. Der Staat glaubt
noch immer, in der Kunst einen bloßen schönen Luxus sehen zu müssen. Er über-
sieht dabei vollständig, daß Jeder der Kunst Gewonnene zunächst ein Zufriedenerer,
Glücklicherer, dann aber auch sogleich ein Weiterstrebender, zugleich Produzent und
Konsument ist, der, um sein erwachtes Kunstbedllrfniß zu befriedigen, Besseres

Nr. 422, 42z, 424. Brokat- und Seidenltoff-Iruitatiouen, Vanddrnck-Tapeten.

ungern ihr Geld, das wahrscheinlich Anderen weit mehr als ihr selbst Nutzen bringen
würde. Sie urtheilt also von ihrem Standpunkt sehr richtig: „Wozu die Ausgabe?"

Gb es sozial richtig ist, die Großindustrie auch hier wieder nach ihrem
Vortheil entscheiden zu lassen, soll hier nicht erörtert werden. Gegenüber den vielen
Aeußerungeu derselben aber ist es durchaus nothwendig, auch den Kreisen zum
Worte zu verhelfen, denen eine Weltausstellung sicher Nutzen bringen würde, vor
allem aber hervorzuheben, welchen ideellen Nutzen die deutsche Nation aus dem
großen Weltjahrmarkt ziehen könnte.

Ich stehe der Weltausstellungsfrage persönlich sehr kühl gegenüber, stehe sogar
nicht an, zu behaupten, daß sie zu einer Völkerkrankheit geworden ist, die aber
vielleicht jede Nation ebenso durchmachen muß, als ein Kind die Masern. Ich weiß
auch, daß Berlin und das auf die Weltausstellung spekulirende Volkstheil
Berlins so große Schattenseiten besitzen, daß sie nur durch ein lichtvolles Unter-
nehmen ersten Ranges überstrahlt werden könnten. Um so eher wird man vielleicht
einem so nüchternen Beurtheiler Gehör schenken, wenn er dafür plaidirt, die Wünsche
des deutschen Kun st gewerbes vollwichtig mit auf die Schaale der Entscheidung
legen zu wollen und auch hier das „Für" und „Wider" genau in Erwägung zu ziehen.

Abgesehen von den großen Schaustücken einer Weltausstellung, zu denen mau
immerhin auch die Kunstwerke zählen darf, hat nur noch das „Kunstgewerbe" die
Aussicht, von der großen Menge aller Gebildeten aufgesucht zu werden; alle anderen

schaffen und Besseres kaufen wird. Wirtschaftliche und künstlerische Interessen sind
so aufs Innigste verbunden und verfehlen nie auf das Staatsgetriebe einzuwirken.

Daß der lebendige Antheil von Kunst und Kunstgewerbe vornehmlich durch
Betrachtung ihrer Erzeugnisse geweckt wird, liegt auf der kjand; es ist daher auch
augenfällig, daß eine Riesenschau über dies Gebiet, wie sie eine Weltausstellung
vermitteln würde, größeres Interesse und damit ein Lmporblühen auf kunst-
gewerblichem Gebiete ganz nothwendig mit sich bringt. Es fragt sich nur,
ob es den deutschen kunstgewerblichen Interessen mehr entspricht, eine „nationale"
oder eine „internationale" Ausstellung zu veranstalten.

Der deutschen Abhängigkeit vom und Bevorzugung des Fremden, leider ein
schwer drückender Nationalfehler, scheint durch die Einflüsse einer Weltausstellung
auf den ersten Blick noch weiter Vorschub geleistet zu werden. Werden wir doch
auch ohne vorurtheilsvolle Anffassnng empfinden, daß wir gegen Engländer, Belgier
und Franzosen keinen leichten Stand haben, so daß Mancher des handgreiflicheren
vortheils willen die fremden Erzeugnisse nachzuahmen suchen wird.

Aber ein näheres Eingehen wird bald lehren, daß jene Nationen gerade durch
Pflege ihres nationalen Geschmacks und ihrer nationalen Produktions-Ligenthümlich-
keiten zu ihrem Vorsprunge auf diesem oder jenem Gebiete gelangt sind.

Wagen wir nur mit der uöthigen Selbständigkeit des Urtheiles und Rück-
sichtslosigkeit gegen unsere'Schwächen die Leistungen des Auslandes zu betrachten,
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