Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

2lugust-Hest.

Hunderts aus gut erhaltenen Beispielen. Der Boden besteht aus einer
kostbaren Holzart, Teppiche, großblumig verziert, mit gebrochenen lichten
Farben, dämpfen den Schritt und erhöhen die Behaglichkeit. Groß-
gemusterte, durch reiche Farbe und verschiedenfarbige Bronze belebte
reliefirte Ledertapeten bedecken die Wände, soweit sie nicht mit den
ungemein flott behandelten, Li Iresco aus freier Hand modellirten
Gipsornamenten mit ihrem weißlich-grauen Schattentone bedeckt waren.
Sammt und Seide zeigen,
wo sie verwendet wurden,
großen Blumenschmuck in
den reichsten Formen. Die
Wände werden belebt durch
Kamine, Thüren mit Auf-
sätzen, Friese, panneaux,
flott und keck in der Amrah-
mung; Kinderfriese, Iagd-
und Kampfszenen, Früchte-
und Thierstillleben füllen
die Felder der panneaux
und der Thüren, Marmor-
flguren tragen die Kamin-
gebälke und umrahmen dis
Bilder über denselben. Por-
zellanfiguren und Basen
schmücken die Kaminplatten,
deren Mitte die reiche pen-
düle einnimmt. Bilder auf
Stuck oder auf Seide mit
den schäseridyllischen, gött-
lich heiteren, liebend kosen-
den Motiven zieren Wand
und Decke. Mächtige Spie-
gel in reich ornamentirten,
holzgeschnitzten Rahmen, Kupferstiche, Porträts in Oelfarbe und Pastell
schmücken die Wände, wo nicht Stuckatur sich der Dekoration bemustert
hat. Das Ideal der Räume der späteren Zeit des XVIII. Iahrh. ist
das Boudoir, das intime Frauengemach, wo die Rokokogöttinnen in
der reizvollen Umgebung von Nippsachen aus Porzellan und vergoldeter
Bronze, von Liebesgruppen, angelächelt von den zarten Damenporträts

in Oelfarbe und Pastell, in dem Zwielicht, hervorgerufen durch die
herabgelassenen Fensterdraperien, den größten Theil des Tages in an-
genehm geistloser Kauserie verbringen und ihre eigenwillige Laune
Alleinherrscherin sein lassen.

Das Möbel hatte im Laufe des XVIII. Iahrh. in diesen Räumen
merkwürdige Wandlungen durchzumachen. Frankreich führte an. Man
weiß, wie die gothische Konstruktion des Möbels überging in die

Eleganz des Möbels eines
Francois I. und Henri II.,
zu welcher Zeit Meister wie
Jean Goujon und du Ter-
ceau ihren Einfluß geltend
machten. Neben den feinen
architektonischen Gliederun-
gen wird reicher, malerischer
und plastischer Schmuck, wie
Intarsia, fein reliesirte,
figürliche Arbeiten, Mar-
mor, Emailmalerei auf
Kupfer, aus das Möbel
übertragen, das an seiner
Eleganz und glänzendem
Reichthum in dieser Zeit
seinen Gipfelpunkt erstiegen
zu haben schien. Nament-
lich Lyon herrscht vor. In
allen Stücken aber ist, die
nationale Färbung nicht
ausgeschlossen, das Möbel
in seiner Hauptkomposition
noch von Staaten abhängig.
Mit Ludwig XVI. über-
wiegt französische Eigenart.
Man ist nicht zu weit gegangen mit der Behauptung, an dem Ruhmes-
titel französischen Gewerbefleißes habe die Möbeltischlerei Hauptantheil.

Jean Lepautre, Lharles Lebrun und Jean Barain, der geistvolle
Komponist grandioser Pracht, der gewandte höfische Maler und der
feinsinnige Fantast, gaben der Aera Louis XIV. das Gepräge. Aus
der s662 durch Lolbert gegründeten Gobelinmanusaktur wurde bald

ie Witunrlumg dev Wrau bei der
Schmückung der Wohnränme.

Von Architekt Gtto Schulze, Köln. (Fortsetzung von Sette M-)

in Ofenschirm, Wind- resp. Wandschirm (spanische Wand,
Paravent), Thür-Borhang, Fensterschürze u. a. lassen sich
sehr gut in Aufnäharbeit (Applikation) Herstellen, weil diese
Technik für so große Flächen entschieden dekorativer wirkt. Auch der
Elsenbeinstickerei, welche der Aufnäharbeit nahe verwandt ist und noch
duftiger und vornehmer wirkt als diese, leider aber so selten geübt
wird, sei hier noch besondere Erwähnung gethan. Wo die Ansprüche
von Salon und „gutem Zimmer" größere sind, sollte sich die Frau
dieser so wundervollen Technik bedienen, ganz besonders zu Kissen und
und Tischdeckchen rc. Ein Tischläufer, Büffetdecke oder dergleichen kann
in farbiger Seide auf Leinen in Stiel- und Zierstich, für Salontisch-
Decken in Filetdurchzug oder Guipure gearbeitet werden. Bessere
Prunktisch-Decken lassen sich trefflich in Seide-Applikation auf Plüsch,
Sammt und Tuch aussühren. Gardinenhalter, Rouleaux-Spitzen,
Etagere-Bordüren würden karakteristisch in Knüpfarbeit (Macrame)
zur Geltung kommen. Eine Zeitungsmappe, Bürstentasche, Garderoben-
halter und kleinere Flächen würden reizvoll in Plattstich-Stickerei zu
zieren sein. Große Lücken resp. Flächen zu füllen mit Schmuck- und
Nutz-Stücken ist besonders die Smyrna-Knüpftechnik berufen, sie bietet
der Frau die dankbarste und schönste Arbeit durch die Herstellung
von kostbaren und dauerhaften Teppichen, Bettvorlegern, Kameel-
taschen, Rückenkissen. Bei guter Farbenwahl und Anlehnung an muster-
giltige orientalische Borbilder, welche in herrlichen Publikationen, auch
in einzelnen Blättern, Modezeitungen, leicht zugänglich sind, vermag
die Frau mit verhältnißmäßig geringen Selbstkosten, jedoch großer

Geduld und Ausdauer, sich die sonst bei einigermaßen guter Waare
sehr kostspieligen Bodenbeläge in gediegener Vornehmheit selbst zu
arbeiten. Frau Professor Wernicke's Handwebe-Apparat, welcher auch
sonst zu den vielseitigsten Arbeiten praktisch verwendbar ist, erleichtert
die Smyrna-Knüpftechnik in der Handhabung und durch denkbar kürzesten
Zeitaufwand. Wohl alle die vorerwähnten Techniken und Arbeiten
liegen unmittelbar in der Frauenhand und in dem ausgedehnteren Be-
griff der Frauenhandarbeit; die gute Wirkung aller dieser Arbeiten ist
allerdings von einem gewissen Feingefühl für Farbe, Muster und Masse
und von technischen Fertigkeiten abhängig. Aber welche Frau fühlte
sich zu „alt" um zu „lernen", oder verschmähte gar guten Rath und
Unterweisung von unterrichteter Seite. Bon leichteren zu schwereren
Arbeiten, oder mit anderen Worten: der Weg durch die Küche, Schlaf-,
Wohn- und gutes Zimmer u. s. w. wird auch in dieser Beziehung die
beste Schule bilden.

Die vorstehenden Arbeiten werden meistens gefertigt, ohne daß die
ausführenden Hände und Augen oft große Fertigkeiten oder auch nur

Fähigkeiten im Zeichnen und Malen besitzen-um wie viel mehr

erweitert sich nun das Gebiet der dekorativen Schmückung: wo die
weibliche Hand auch den Stift und den Pinsel, oder wohl gar Werk-
zeuge für Kerbschnitt, „Lederschnitt" und Modellirarbeiten zu hand-
haben versteht! Der Stift und Pinsel beherrschen das weitaus größte
Reich; ihnen kann Alles verfallen, wo sich überhaupt nur Flächen
darbieten — — und das ist leider der Verderb für viele zeichnenden
und malenden Damen. Allüberall bedecken Bilder und Bildchen, meistens
Blumen, Stillleben, Engelchen, Vögel und Schmetterlinge darstellend,
die Kasten-, Tisch- und Wandflächen, die Schreibmappe, den Porzellan-
teller, die Thonvase, die Fensterscheiben in allen möglichen technischen
und nichttechnischen Farben in Mel und Wasser. Dem einzelnen Gegen-
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