Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Seite 26.

Februar-Hest.

Zeitschrift für Innen-Dekoration.

nieinten sich dann, da die Kaiserin ihnen „ganz Ohr" zu sein schien,
glänzend unterhalten zu haben.

Gar Diele verstehen es, die Blumensprache in beredten Lauten zur
Geltung zu bringen. Ls ist bekannt, daß Fürstin Dolgorucki stets
Werth daraus legte, den Lzar in einem mit Veilchen und Rosen deko-
rirten Gemach zu empfangen, weil sie wußte, daß der vereinte Geruch
dieser Blumen den Lzar in eine angenehme Stimmung versetzte. Kaiser
Wilhelm liebte bekannt-
lich die Kornblume; als
er, nnno s888 in Ischl
weilend, die im Hotel
Llisabeth für ihn ein-
gerichteten Zimmer be-
trat, welche die Kaiserin
Llisabeth eigens mit
Kornblumen hatte
schmücken lassen, sagte er
galant: „Wan sieht, daß
die schöne Kaiserin auch
hier, wo sie nicht daheim
ist, das Haus poetisch
zu verschönen weiß."

Diese Kunst der poe-
tischen Verschönerung
ist eigentlich nicht so
schwer zu üben, wie
Viele meinen. Mit we-
nig Geld läßt sich, wenn
die Frau des Hauses
nur den guten Willen
hat und ein wenig be-
weglich, kunstgeübt und
praktisch ist, viel erreichen. — Line mir bekannte Dame, die ehedem
in glänzenden Verhältnissen lebte, hatte dem Wanne zu lieb, dem sie
wider den Willen ihrer Verwandten die Hand zum Lhebunde reichte,
ein mit aller Pracht eingerichtetes Haus verlassen und war ihm in seine
dürftig eingerichtete Wohnung, die im vierten Stock eines Vorstadthauses
belegen war, gefolgt. Die Geschwister ihres Gatten, die gegen die vor-
nehme, sich zumeist mit Literatur beschäftigende Dame eingenommen

waren, kamen ihr mit wenig Liebenswürdigkeit entgegen. „Ach, ein
Blaustrumpf!" meinten sie, „was wird die von Wirthschast verstehen!"

Dies zeigte sich bald. Dame Blaustrumpf, die mit ihren pikant
geschriebenen Essays schon im ersten Jahre der Lhe so viel verdiente,
daß sie ihrem Gatten aus Eigenem ein behagliches Studierzimmer ein-
richten konnte, ging in ihren Mußestunden darin aus, die Wohnung zu
verschönen. So oft ich zu ihr kam, überraschte sie mich mit Proben

ihres Kunstfleißes. Die
Wohnung war nach
Jahresfrist nicht wieder
zu erkennen; zuerst hatte
sie begonnen, die lichten
Vorsaalschränke zu fär-
ben, zu bemalen, mit
antiken Schlössern zu
versehen. Das war die
Arbeit eines Monats;
im zweiten wurden die
Schlaszimmermöbel in
gleicher Art erneuert,
Draperien angemacht,
die in Hellem Grau ge-
strichenen Wände mit
Oelmalereien geziert.
Wer dies Zimmer sah,
glaubte, daß hier ein
fachkundiger Dekoratör
seines Amtes gewaltet.

Nun ging es an die

Renovirung des Salons,
der gleichzeitig ihr

Schreib-, Speise-, Em-
psangs-Zimmer war. Das altmodische Sofa wurde seiner Lehne ent-
kleidet, mit Teppichen belegt, das ganz einfache Büffet, das einen häßlich
mahagoniartigen Anstrich hatte, nußbraun gefärbt, die Thüren und

kästen in Renaissancestil gravirt, die Servierplatte mit altdeutschen

Stickereien gedeckt. — Die Nischen zierten exotische Pflanzen, farbige
Transparent-Vorhänge gaben ein anheimelndes dnir obscur, einige
nach Fotographieen theurer Familienangehöriger in Lebensgröße ange-

"Wanddekleidullg der

in ästhetischer und gesundheitlicher Beziehung.

von Lorenz Boden schütz.

(Fortsetzung.)

entfernt, den Damen in der Toilettensrage etwas zu ver-
tagen, denn sie haben das Vorrecht, die Reize der körper-
lichen Erscheinung durch äußerlichen Schmuck zu vermehrter
Geltung zu bringen, umsomehr, wenn dies mit Anmuth und Geschmack
geschieht, aber Etwas könnte vielleicht doch zum Besten der besseren
oder vielmehr geschmackvolleren Wohnungsdekoration geschehen; und
wenn Professor Ferd. Luthmer in einem früheren Aufsatz in dieser
Zeitschrift,* welche in keiner besseren Familie fehlen sollte, in Betreff
einer besseren Wohnungsausstattung gewissermaßen an die Männer
appellirt und sagt: „Etwas Weniges an dem Budgetposten für Wirths-
hausbesuch und Aehnliches gespart und das Ersparte den Ausgaben
für Verschönerung des eigenen Heims zugesetzt", dann dürfen wir es
vielleicht auch wagen, einen Appell an unsere verehrten Damen be-
züglich der Toiletten usw. zu richten, ohne daß wir zu fürchten brauchen,
daß sie uns dieses verübeln.

Am Meisten wird wohl in Bezug aus unser Thema bei den
Miethwohnungen gespart, und hier ist ja besonders bei den Familien,
die öfters Umziehen, eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen. — Allein
an Diese wollen wir uns auch nicht wenden, sondern von denen sprechen,
die nur gezwungen umziehen, und die doch immerhin eine neue Woh-
nung in der Voraussicht beziehen, möglichst lange darin zu wohnen. —
Aber wie wird nun hier in vielen Fällen verfahren? Da werden die

^ Jahrgang Z8go, Nr. ;z, „Die Erziehung des Publikums".

einzelnen Zimmer einer Prüfung unterworfen, und wo die Tapete nicht
ganz verwohnt ist, wird sie für gut erklärt, um noch ein paar Jahre
mitgehen zu können; da sind vielleicht noch Tapetenreste von jedem
Zimmer vorhanden und nun werden die schadhaften Stellen ausgebessert,
der Schmutz abgerieben usw. So kommt es denn vor, daß in ein
Zimmer, wo die Wände vielleicht für rothe Möbel passend dekorirt
waren, nunmehr blaue hineingestellt werden, in einem andern geht es
ähnlich, und wenn das ganze Arrangement auch nicht gefällt, so ge-
wöhnt man sich mit der Zeit daran; aber an ein harmonisches Ganze,
an Etwas, welches uns und Andere voll befriedigt, ist nicht zu denken.
Das ist eben ein großer Fehler! Jedes Zimmer muß nicht nur zu
Möbeln und Vorhängen passend tapezirt werden, sondern es muß auch
je nach seiner Bestimmung, als Salon, Wohn-, Speise- oder Schlaf-
zimmer dekorirt sein und hier soll man die Ausgabe nicht so schwer
scheuen, es lohnt sich in dem Gefühl der Behaglichkeit, in dem Gefühl
der inneren Freude, welches man beim Gebrauch einer harmonisch und
den ästhetischen Gesetzen gemäß eingerichteten Wohnung stets empfindet.

Die Tapete vom gesundheitlichen Standpunkte.

Haben wir die Wanddekoration bis jetzt nur vorn ästhetischen
Standpunkte aus betrachtet, so müssen wir aber auch die sanitäre
Seite in Betracht ziehen, und die ist vielleicht noch mehr zu berücksich-
tigen, denn schließlich geht doch die Gesundheit über Alles!

Wir wollen uns hier nicht aus wissenschaftliche und statistische
Beobachtungen, die ja seit Jahren von den berühmtesten Aerzten und
Gelehrten aus diesem Gebiete gemacht werden, einlassen, denn allgemein
bekannt ist ja die Theorie der Nebertragbarkeit vieler Krankheiten
durch Bakterien und dergleichen und Jeder weiß, daß auch Betten,
Polstermöbel, Tapeten usw. unter Umständen hierzu beitragen.
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