Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Januar-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für „Innen-Dekoration".

Seite fö.

eleuchtungskvrpev fiir elektrisches

von August Töpfer.

^on der Elektrizität, derjenigen modernen Wissenschaft, die im Fluge mit
unwiderstehlicher Gewalt sich beinahe aller unserer technischen Leistungen
als erzeugendes oder treibendes Element bemächtigt hat, der Praxis
im weitesten Sinne dienstbar geworden ist, und insbesondere ein neues unüber-
troffenes künstliches Licht schuf, hat man sich auch für die formale Durchbildung
der Apparate für Beleuchtungszwecke mit Recht große Dinge erwartet. Reine
tropfenden Talg-, Stearin- oder Wachskerzen, kein Behälter mehr für Pflanzenöl
oder Petroleum, keine dicken Zuleitungsröhren, Hahnen und Dichtungen für giftiges
Leuchtgas werden der künstlerischen Fantasie Hemmnisse entgegenstellen; ein kaum
sichtbarer, überall sich anschmiegender Draht genügt für die Zuleitung des körper-
losen Lichtstoffes, der von irgend einer Entfernung zugeleitet oder abgesperrt werden
kann und bei seinem Verbrauch keinerlei belästigende Wärmeentwickelung oder Luft-
verschlechterung im Gefolge hat. Die Beleuchtungsstamme selbst entwickelt sich
entweder als „Bogenlicht" zwischen
zwei Kohlensxitzen, deren Führung
wohl noch eines kleinen körper-
lichen Mechanismus bedarf, deren
Stellung aber, wie bereits ein Bei-
spiel auf der elektrischen Ausstel-
lung in Frankfurt a. M. zeigte,
keineswegs die senkrechte Linie
einzunehmen hat, oder sie bildet
sich als „Glühlicht" an einem
fadendünnen Spahn, in eine luft-
leere Glashülse eingeschlossen, der
alle Stellungen gestattet. Die wei-
teren Umstände, daß elektrisches
Licht in jedem Winkel angebracht
werden, selbst unter Wasser leuchten
kann, sich mit größter Leichtigkeit
entzünden und verlöschen, regulären
und selbst in farbige Wirkung über-
setzen läßt, dürften auf die künst-
lerische Anlage und Verwendung
dieser Beleuchtungsart gewiß von
wesentlicher Einwirkung sein und zu
neuen Ideen Veranlassung geben.

In der That hat man bereits
sich bemüht, den genannten günsti-
gen Verhältnissen Rechnung zu
tragen und neue, originelle Be-
leuchtungsformen zu erfinden, be-
findet sich aber dem Anscheine nach
noch nicht ganz aus der gleichen
Höhe der Ausbildung, zu der be-
reits die mechanisch-technische, wie
chemisch-technische Leistungsfähig-
keit der Elektrizität sich empor ge-
schwungen hat. Die sogenannte
«Effektbeleuchtung" hat allerdings
angefangen, einige der Vorzüge
des elektrischen Lichtes sich dienst-
bar zu machen, indem sie diesel-
ben namentlich für Bühnenzwecke
und festliche Illuminationen ver-
werthet; dagegen bewegt sich der
andere wichtigere Zweig der Be-
leuchtung, die stabile Beleuchtungs-
weise im Freien wie in geschlos-
senen Räumen beinahe ausnahms-
los noch in versuchen, die auf
die bald veraltete Beleuchtungsart mit Kerzen, Leuchtölen oder Leuchtgas basirt sind
und damit die überlieferten Formen früherer Stilperioden zur Richtschnur nimmt.

Im Freien ist es entweder der kandelaberartige Ständer oder der ampelförmige
Wandarm, welcher das hier ausschließlich zur Anwendung kommende elektrische
Bogenlicht, mit einer Glaskugel umschlossen, zu tragen bestimmt ist und dasselbe
stets an der Ranke eines Tragarms aufgehängt zeigt. Die Vorrichtung zum Auf-
und Abziehen der Lampe, welche durch die Reinigung, insbesondere aber durch die
öftere Auswechslung der Kohlenstäbe nothwendig ist, wird dabei nach Möglichkeit
versteckt oder ohne weiteren künstlerischen Zusammenhang mit den übrigen Formen
offen angebracht. Für die Innenräume ist vorherrschend die Form des „Kronleuch-
ters" beibehalten und auch die „Wandarme" und „Girandols", wo sie statt oder
neben den Kronleuchtern Anwendung finden, weichen von der konventionellen Form
der Bel-, Kerzen- oder Gaslampen kaum bemerkbar ab. Line gewissermaßen neue
Beleuchtungssorm sucht zwar mehr oder weniger in naturalistischen Darstellungen
die herkömmlichen strengeren Formen der Beleuchtungskörper zu vermeiden, verfällt
dagegen aber nicht selten in bizarre Manierirtheit, deren Werke wohl für den
Augenblick zu fesseln vermögen, für die Dauer aber kaum einen wirklichen und
nachhaltigen Kunstgenuß erwarten lassen. Als derartiges Beispiel zeigte die Frank-

' Abbildung 292. Skizzq;u

Entworfen u. gezeichnet

furter Ausstellung unter Anderen eine in unnatürlicher Stellung auf den Schulter-
blättern ruhende weibliche Gestalt, welche auf den in die Höhe gerichteten Fußspitzen
diesmal eine gläserne Beleuchtungskugel balancirte, während dieselbe Figur ander-
wärts auch schon als Uhrständer gedient hat, ferner eine andere Mädchenstatue, die
in weit vorgebeugter Stellung mit ausgestrecktem Arm eine für die zarte Gestalt
viel zu schwere Lichtergruppe in der Weise leuchtend hält, wie man etwa mit dem
Handleuchterchen einen späten Gast am Hauseingange empfängt. Beide Darstel-
lungen könnten trotz der geschickten technischen Ausführung sicher viel leichter das
Gefühl der Beängstigung und Unbehaglichkeit als dasjenige künstlerischer Befrie-
digung Hervorrufen. — Die wirkliche Neuheit und Eigenthümlichkeit bei allen Arten
dieser Beleuchtungsapparate für Innenräume beschränkt sich lediglich auf die stereo-
type Form der Lichtquelle, der sogenannten „Birne", für das Glühlicht und deren
nächste Umhüllung, sowie auf die von der gewohnten Richtung abweichende Stellung

derselben. Letztere läßt aber in
ihrer gewöhnlich schräg nach unten
gerichteten Neigung ebensowenig
Mannichfaltigkeit erkennen, wie die
aus Glas gebildeten schaalen-
artigen Hüllen der Lichtbirnen, die,
lediglich zur Dekoration dienend,
ihre Verwandtschaft mit den Glas-
schaalen der Gasbeleuchtung nicht
verleugnen können und in der Art
ihrer Anwendung stets dem Blu-
menkultus huldigen. Dieser bildet
überhaupt das Leitmotiv für die
künstlerische Behandlung der Glüh-
lichtbeleuchtung und ihm müssen
sich nun, so gut es geht, die übrigen
Bestandtheile des Beleuchtungs-
körpers unterordnen. Selbstver-
ständlich ist damit der Weg geöffnet
zur Ausbreitung eines Naturalis-
mus in der Kunst, wie er wilder
und üppiger nicht-ins Kraut ge-
schossen war, als um die Mitte
unseres Jahrhunderts die Reform-
bestrebungen auf dem Gebiete des
Kunstgewerbes die Geschmacksver-
irrungen, insbesondere hinsichtlich
der Blumenliebhaberei, besiegt
hatten. Während damals die Nach-
ahmung der Natur in den Werken
des Kunsthandwerks sich jedoch
häufig einer einigermaßen stabilen,
wenn auch barocken Unterlage mit
dürftigen architektonischen Formen
bediente, erscheint heute auch dieses
noch beseitigt und nicht selten bildet
das Material und etwa unnatür-
liche Größenverhältnisse die ein-
zigen Unterscheidungsmittel, da
selbst die Farbe von Blumen und
Blättern der Natur ähnlich ge-
halten wird. Dabei bestehen aber
die Blumen aus Glas und ent-
halten die Glühlichtbirne, die
Blätter und Zweige aus Bronce
oder anderem Materiale; jene blau,
roth oder gelb, diese bräunlich oder
grünlich gefärbt oder vergoldet,
stets aber während ihrer Funktion als Beleuchtüngsapxarat möglichst unnatürliche
Gegensätze in ihrer Helligkeit bildend. Ein weiteres Mißverhältniß der Größe
veranlassen dann ferner mit in Verbindung gebrachte figürliche Bestandtheile, welche
nicht selten noch in gewaltsam erzwungenen Stellungen, zuweilen, wie z. B. ein
am Ende eines von der Decke herabhängenden Blumenbüschels sich anklammernder
kleiner Genius, in lebensgefährlichen Bewegungen erscheinen.

In allen Fällen stellt das für Innenräume vorherrschend angewendete Glüh-
licht mit seiner Birne als Pistill, mit einer gefältelten Glasschaale als Blume das
Motiv dar, welches in ermüdender Wiederholung ohne originale Anwendung ent-
weder an das Ende einer stilisirten Ranke befestigt oder in aufgehängten Guirlanden,
von der Decke herabhängenden Blumensträußen und in ähnlichen Uebertragungen
aus der Natur vertheilt, dem Zwecke der modernen Erleuchtung dient. In der
Erfüllung des Letzteren wird jedoch mehr oder minder diejenige karakteristische
Eigenthümlichkeit vermißt werden, welche sowohl die neue Erleuchtungsform an
sich, wie der Zusammenhang mit den sonst unter strengeren architektonischen Grund-
sätzen ausgeschmückten Räumen beanspruchen muß.

Obgleich sonst der Kronleuchter als der wichtigste Beleuchtungskörper eine
willkommene Ausfüllung eines sonst leer bleibenden Raumes gebildet hat, so ist

einem Büffet iin Barockstil.

von Wilh. Zaiser jr.
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