Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 3.1892

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Teile 2sH.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Dezember-Heft.

es muß ja einleuchtend sein, daß ein Volk, das in jeder Weise und
Horm seinen Daseinszweck so harmonisch abrundet und zum Ausklingen
bringt, hoch veranlagt und von erprobten und bewährten religiösen und
ethischen Lehren erzogen sein muß. Bei aller Weichheit, Kindlichkeit
fehlt den Japanern nicht Würde und Selbstbewußtsein, Stolz und Todes-
verachtung; dabei sind sie wahrheitsliebend, ehrlich, human, tolerant,
höflich, zuvorkommend und fein gesittet. Das ganze Land gleicht einem
Eden, in dem der Japaner in seiner urwüchsigen kindlichen Unbefangen-
heit spielt, arbeitet, schmückt und sich in heiterster Lebenslust seines
Mensch-Daseins freut. — Die beiden Religionen des Landes, der
Schintoismus und der Buddhismus, begründeten die in Hleisch und
Blut übergegangene Liebe und Verehrung für die Natur: die erstere
für die erzeugende und belebende Kraft, die Tonne, die Himmelskörper,
Naturerscheinungen und Elemente —
die zweite für das hervorgerufene
Leben, für Alles, was da wächst,
kreucht und fleucht, vom Nächsten bis
herab zum kleinsten Lebewesen und
Grashalm. — Nur hierdurch ist es
uns verständlich, daß dem japanischen
Volke für alle seine Darstellungen,

Künste, tägliches und religiöses Leben,
im Hausschmuck, Gartenbau, Tempel-
anlagen, in Humor, Tage und Dich-
tung die Natur zu einem ewigen,
frischsprudelnden Jungbronnen ge-
worden ist.

„GH. Lotoskelch! Mir träumte, daß
die weite Erde nichts Reineres berge als
dich, nichts Wahreres. Warum nicht, wenn
auf dir ein Tropfen Thaues rollt, ihn halten
für einen Edelstein von unschätzbarem
Werth?" Lokinskiku.

„Wenn Blüthen fallen vom düstern
Wolkenhimmel, um's chaupt mir flatternd,
denk' ich. in Ljimmelslanden. über den
Wolken strahle der Lenz." LolLinskikn.

(Nach l)r. Justus Brinckmann.)

Es ist ein leichter Zug unserer
Zeit, daß die komische Teile eines
Volkes den meisten Menschen viel
schneller bekannt wird, als die guten
Teilen; man ergeht sich dabei aus
Unverstand bis ins Ungeheuerliche.

To ist es auch den Japanern ergangen,
die, ohne darum gefragt zu werden,
als „Japanesen" — welche Bezeich-
nung die Japaner sehr übelnehmen—
mit den Ehinesen lustig in einen Tops
geworfen werden. Telbst Geschäfte,
die Japan-Waaren in den Handel
bringen und die Vorliebe dafür kul-
tiviren, wissen oft herzlich wenig von
den Leuten, die sie Herstellen, und
unter welchen Eingebungen, Beeinflussungen und Umständen dies geschieht.

Vor Allem sind unsere Begriffe von dem Wohnungsleben der
Japaner grundfalsche. Würden die Bewohner des Landes der aus-
gehenden Tonne öfters unsere „japanischen" Möbel, Dekorationen und
sonstigen Gepflogenheiten dieser Art sehen, sie ständen sicher Kopf und
lachten noch dabei. Denn ihre Lebensfreuden spielen sich in ganz an-
deren Räumen, unter anderen Begriffen von Bequemlichkeit, Bedürf-
nissen, gesellschaftlichen Verkehr und Eeremonie ab.

Alles, 'was den Japaner umgibt, innerhalb und außerhalb seiner
vier Pfähle, ist spielzeugartig — gleichsam als hätte ihnen irgend ein
guter Kami, Buddha oder Gonge (Gottheiten und Heilige) in Allem
eine große Spielzeugschachtel ausgekramt und aufgebaut. — So leicht
und vergänglich wie das aus pfostenwerk aufgebaute Haus, das mit
der fortwährend rumorenden und schwankenden Erdoberfläche zu rechnen
hat, und entweder einer solchen oder einer der vielen Heuersbrünste zum
Mpfer fällt, ist auch die fahrende Habe, die Wohnungsausstattung der

Japaner. Möbel in unserem Sinne kennt der japanische Hausrath
kaum; es fehlt der Schrank, das Bett, der hohe Tisch, der Stuhl als
solcher. In Bequemlichkeiten stellt der Japaner keine hohen Ansprüche:
er schläft auf einer Decke, die vor dem Schlafengehen aus den Matten
des Hußbodens ausgebreitet wird; der Kopf ruht dabei auf einer kleinen
mit papierner Schlummerrolle versehenen Stütze — Schlafklotz (NsKrirs,)
— und bei kälterer Jahreszeit dient noch eine leichte Decke zum Schutz
des Körpers. Ein mehrtheiliger Wandschirm, der um die Schlafstelle
gerückt wird, hält indiskrete Blicke fern; nur der besser Begüterte kennt
Nachtgewänder, und daher steht an seinem Lager auch ein Kleider-
gestell (ffKL) —- der Arme ruht in seinen Tageskleidern aus. Die
Wohnräume dienen zugleich als Schlafstätten, denn das Schlafgeräth
wird tagsüber in wandschrankähnlichen Gefachen mit Schiebewänden

verwahrt und erst Abends wieder her-
vorgeholt. Kleine Tischchen in der
Höhe unserer Hocker und Puffs dienen
als Speise- und Theetisch, noch niedriger
als Schreib- und Toilettetisch. Beim
Essen, Trinken, Lesen, Schreiben,
Malen, plaudern und Rauchen hockt
der Japaner aus den Matten des
Hußbodens, die für Vornehme mit
Stücken Seidenzeug belegt werden.

Kleine Etageren mit unregel-
mäßig angeordneten Gefachen dienen
zur Aufstellung von Büchern, Schreib-
geräts Kunst- und Nippessachen, von
denen der Japaner immer nur einen
kleinen Theil zur Schau stellt. Alle
Möbel sind aus leichtem, schwarz-
lackirtem Holz hergestellt und mit auf-
gemalten Goldornamenten, theils auch
mit fein ciselirten Bronzebeschlägen
versehen. An Geräth kommen dann
noch hinzu die Kohlen- und Räucher-
becken, einige Klappwände und Setz-
schirme und die Standlaterne (Buckau)
mit Papierumhüllung für Erleuchtung
depZimmers in der Nacht. Blumen-
Vasen und -Ampeln, sowie Wand-
körbchen mit frischen Blüthenzweigen
und Blumen ergänzen den Schmuck
des japanischen Zimmers, das, wie
aus dem Vorstehenden erhellt, durch-
aus keine Neberfüllung und Aufstape-
lung von allem Neberflüssigen zeigt und
mehr den Begriff Raum beansprucht,
als unsere vollgestopften Zimmer.
Das so luftig gebaute japanische Haus
mit seinen Schiebewänden, leichten
Gitterwerken aus Holzstäbchen, Vor-
hängen aus Binsenseilen und Schnüren,
zwingt seine Bewohner zu stetem in-
nigem Verkehr mit der Natur, ohne welchen der Japaner nicht ge-
deihen könnte. — Erwähnt sei noch, daß fast in keinem Hause ein
Altärchen fehlt, vor welchem das Hamilienoberhaupt an Hamilien- und
Nationalsesten die Andacht verrichtet. Die ShintListen haben ihr kleines
LÄlrri-ckRNL, die Buddhisten ihr Lritsri-ckRQA als Hausheiligthum,
und die Toleranz geht so weit, daß die Bekenner der einen oder der
anderen Lehre mit derselben Gläubigkeit vor den Gottheiten der fremden
Lehre ihr Gebet verrichten.

Das wäre das Wesentliche des japanischen Hausrathes, zu dem
beim vornehmen Japaner alten Schlages noch ein Schwertgestell kommt,
welches einen Ehrenplatz im TolLonorriL (Wandnische) des Hrauen-
gemaches einnimmt, also profanen Blicken entzogen ist, und mit kost-
baren, kampferprobten und sagenumwobenen Schwertern in Scheiden
belegt ist. — Wie schon gesagt, liebt es der Japaner nicht, seine Kost-
barkeiten täglich zur Schau zu stellen. Dieselben sind meistens in einem
starken, kistenartigen Behälter verwahrt, der bei Heuersgefahr zuerst in

Abbildung Nr. HSS. Truhenbank und Spiegel, von Arch. L. Lasxar.
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