Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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f |ie Aufgaben der Museen wandeln sich. Eine
Periode des Einsammelns und Aufbauens geht zu
Ende. Dennoch werden auch in Zukunft erhebliche
öffentliche Mittel zur Erhaltung, Pflege und Verwaltung
der Kunstsammlungen gefordert werden, zumal da auf
fürstliche Munifizenz nicht mehr, auf private Gönner-
schaft kaum noch gerechnet werden kann. In Folge der
politischen Umwälzung wird die Forderung nach Nutz-
barmachung der Museen laut. „Pulchrum est paucorum“,
zu den Kosten aber tragen Alle bei. Dies wird als Un-
gerechtigkeit empfunden. Die aus fürstlichen Beständen
genährten und von der gelehrten Historie aufgezogenen
Staatssammlungen sind erfüllt vom Geiste einer exklusiven
Luxuskultur und setzen, bei allem guten Willen der
Beamten, auf den Ruf des Tages zu hören, der geistigen
Sozialisierung einigen Widerstand entgegen.

Jedes Mittel, die Wirkung der Museen auszubreiten,
muß geprüft werden. Der gegenwärtige Zustand be-
friedigt nicht. Das „Volk“, dem zu Nutzen und zur
Freude die Einrichtung dienen sollte, durchwandelt blöde
und stumpf die Ausstellungsräume. Und diese Teilnahm-
losigkeit ist sogar eine Voraussetzung der liberalen un-
entgeltlichen Zugänglichkeit. Wäre nämlich der Ansturm
ebenso groß wie zu Schaubuden, Kinos, Konzertsälen
und Theatern, so müßte die Zugänglichkeit irgendwie
beschränkt werden.

Die Bemühung, durch Erklärungen, Vorträge,
Führungen das Verständnis und die Genußfähigkeit zu
steigern, setzt überall kräftig ein, erlahmt aber rasch, in-
dem Überdruß und das Gefühl, vergeblich zu arbeiten,
sich einstellen. Ein Übelstand stört überall: die Zahl

der Hörer pflegt zu groß zu sein. Die Schar, die den

Lehrer umdrängt, bar jeder Sammlung und Andacht, sich
quält, gleichzeitig zu hören und zu sehen, hat nur zu
einem kleinen Teile den Gegenstand der Demonstration
im Gesichtsfelde.

Dem feinfühligen Kunstfreund mag überdies das
rationalistische Dreinreden eher lästig als förderlich er-
scheinen. Wer würde es erträglich finden, wenn bei
einer Faust-Aufführung in den Pausen ein Literatur-
forscher vor den Vorhang treten und über historische
Zusammenhänge dozieren wollte? Hier sind Genuß und
Lehre streng von einander geschieden.

Museumsvorträge sind nicht völlig zu verdammen,
nur sollten sie in anderer Art eingerichtet werden, als es
gemeinhin geschieht.

Mit dem Anfänge muß angefangen werden. Dies
aber erfordert pädagogische Fähigkeiten, ohne die man
ein tüchtiger Museumsleiter, ein angesehener Kunst-
historiker und ein glänzender Redner sein kann. Jede
Lehrtätigkeit hat langsam aufsteigend zu verfahren. Der
Redner muß bei jedem Satze sicher sein, daß der vorige
Satz richtig aufgenommen worden ist. Diese Sicherheit
kann er sich nur fragend und an den Antworten weiter-
tastend verschaffen. Die meisten Vortragenden fangen
beim Ende an, indem sie die Hörer mit einer Flut „geist-
reicher“ Urteile überschütten. Ist der größere Teil der
neueren Kunstliteratur unverständlich, da die Autoren,
gleich den expressionistischen Malern, sich mit dem
Hochgefühl des „Sich-Ausdrückens“ begnügen, die Wirk-
samkeit des „Ausgedrückten“ aber in keiner Weise kon-
trollieren, so kann man Buchseiten überschlagen, den
Schwall des Vortrags aber muß man erleiden. Die Aus-
dauer, mit der das Publikum ästhetischen Vorträgen zu

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