Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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7ahrgang 1921

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Dante in Geemama

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tnür die Dantefeier der Breslauer Universität1) wies die
* Breslauer Zeitung auf die Ausführungen des „Kunst-
wanderers“ in dem Aufsatz „Italien und der Genius
Dantes“ hin.2) Eine Paraphrase über den Vers Para-
diso 33, 1; ein fünfstimmiges Madrigal von Claudio
Merulo, a. 1604; Canzoniere 35 von Francesco Petrarca
und ein fünfstimmiges Madrigal von Luca Marenzio,
a. 1599 gaben der akademischen Feier ein hochgestimmtes
Gepräge, ln den gelehrten Zeitschriften tritt die Dante-
forschung allenthalben in den Vordergrund.3) Es zeigt
sich, daß Gelehrte und Künstler — die kommenden
Monate werden es beweisen — sorgsam gehütete For-
schungen und Schöpfungen der Öffentlichkeit preisgeben,
um dem vielgenannten und selten verstandenen Italiener
zu huldigen. Verhüllten Hauptes gestehen wir, wie
Filippo Crispolti in seiner römischen Rede vom 21. No-
vember 1920 am Schlüsse klagend und anklagend aus-
ruft, schmerzerfüllt gestehen wir, daß sich die Völker
nicht am Grabe Dantes vereinigen, um in dem großen
Erinnerungsjahr ein Siegel unter ein Werk menschlicher
und vollkommener Gerechtigkeit zu setzen, auf daß
offenbar werde, wie nahe wir der Erfüllung Dantescher
Hoffnungen sind. Trotzdem und vielleicht eben deswegen
rüstet gerade Deutschland im Süden und Norden des
Reiches zu Dantefeiern, die bezeugen, daß über der Welt

') 13. Mai 1921.

2) Siehe „Der Kunstwanderer“ 2. Januarheft 1921.

3) Die führende deutsche „Historische Zeitschrift“ bringt im
letzten Heft ein Referat von mir über deutsche, italienische,

spanische, englische und amerikanische Dante-Literatur, die
während des Krieges und nach dem Kriege erschienen ist. Die
Referate werden fortgesetzt.

der Notwendigkeit und des Zwanges die Welt des Geistes
und der Freiheit bestehen wird.

Die glänzendste Dantefeier Deutschlands dürfte
Freiburg im Breisgau gesehen haben, insofern
im Rahmen der Vorträge einer Dantewoche die ganze
alte Kultur süddeutscher Universitätskreise zum Ausdruck
kam.4) Prof. Dr. Heiss sprach öffentlich in der
Universität über Dantes literarische Bedeutung.

Die stumme Zeit nach der Antike wurde in Italien
besonders empfunden, während Deutschland und Frank-
reich große Dichter und Dichtungen (Nibelungenlied,
Rolandslied) erstanden waren. Dann stieg im italienischen
Land, wie ein Münsterbau über kleine Wohnstätten, die
Commedia Dantes hervor, von den Menschen divina
(göttlich) benannt, das Werk, das der Dichter an der
Grenze seines Lebens schuf, mit fast übermenschlicher
Kraft, in dem er zugleich als Neuerer hervortritt, als er
statt des für Dichtwerke üblichen lateinischen, die Volks-
sprache seiner Heimat wählte. Dante, diese Vorrenaissance-
Natur, der starke Kontraste eignen, hat in dieses in
strömenden Terzinen verfaßte dreigliedrige Monumental-
werk, an dem er zugleich in feinster Abwägung Wort-
plastiken als dichterische Zierarten anbrachte, die ganze
Wucht seiner Persönlichkeit hineingelebt. Die drei
Magnete, die sein Leben bewegten: Die Politik (die ihn
in Verbannung und Elend trieb), die Philosophie (die
ihm ein Trost wurde), die Mystik des Gotterlebens (wie
er sie durch die Franziskaner kennen gelernt) einigen
sich dort mit der Zartheit seines Gefühls für die aus der
Ferne angebetete Beatrice, die ihn bis zur Gottheit führt.

4) Die Mitteilungen sind natürlich stark gekürzt.

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