Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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von

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\\/’e *ür a^*e an(^eren Künstler, die dem ewigen
* * Leben gewachsen sind, bedeutete der Tod für
Anders Zorn eine Wiedererstehung. Als der Plastiker,
der die Körper zu einer der wirklichen Raumausfüllung
erstaunlich nahekommenden Realität in Öl modellieren
konnte, ist er in den letzten Jahrzehnten so ausschließ-
lich bewundert und getadelt geworden, daß viele, be-
sonders unter den Tadeln-
den, vergessen haben,
was er einmal in seiner
begnadeten Jugend als
wirklicher Maler geleistet
hat. Erst einige zwanzig
Jahre alt und schon ein
angesehener Aquarellist,
begann er auf einmal
in der zweiten Hälfte
der achtziger Jahre, unter
dem Eindruck seiner
französischen Studien; in
Öl zu malen. Nicht nur
die blendend schnelle
und sichere Malweise,
auch das Blonde, das
sonnendurchleuchtete und
opalfarbene Kolorit folgte
ihm von der alten Tech-
nik in die neue. Das
Dauerhafte und Feste,
das die Öltechnik an
sich besitzt, vermählte sich
mit der spirituellen Duftig-
keit der Aquarelle, und
aus dieser Vereinigung
erwuchs eine Kunst, die
plötzlich emporzublühen
begann. Der Baum, der
in dem Boden der blauen
Urwälder Schwedens
wurzelte, trug eine Krone voll Licht und Grazie. Selbst-
klare, selbstsichere Überwindung heißt die Kunst Anders
Zorns aus dieser Zeit. Wie ein junger Heros steht er
da. Und wie die Heroen des alten Mythus war er ein
Kind nicht nur der Gottheit, sondern auch der Erde.
Nicht umsonst floß in seinen Adern das Blut des selb-
ständigsten und gesundesten Bauernstammes Europas,
des Stammes, dessen Frauen Mannesstärke und dessen
Männer die Kraft des Bären besitzen. Mit beiden Füßen
fest an den Boden gestemmt, stand er mitten im irdischen
Leben. Geschichtliche Aufzüge, leerer Prunk, akade-
mische „grandes machines“, das alles war ihm nichts
wert. Vor einer Landschaft blieb er nur stehen, wenn
er sie liebte. Die duftigen Nebelschleier über dem Strom

von Stockholm, das helle und klare Mitternachtslicht
über dem See seiner Heimat können ihn festhalten, und
malt er einmal den Garten eines ländlichen französischen
Schlosses, lauschen Amoretten unsichtbar im Zwielicht
unter den Bäumen. Was er liebte und malte — denn
diese zwei Dinge sind untrennbar — waren gesunde und
schöne Frauen und auch dann und wann ein kluger und

schaffender Mann. Mit
dem Renaissancegemüt
im besten Sinne des
Wortes, das Zorn besaß,
haben wenige die Früchte
des Lebensbaumes ge-
nossen. Nicht wie der
dekadente Poet, der in
Absintrausch, Dirnen-
erotik und noch mehr in
Wortschwall schwelgt,
sondern wie ein großer
und übergroßer Mensch,
wie ein Heros.

Diesen Anders Zorn,den
Künstler und Menschen
im aufsteigenden Lebens-
laufe, haben bis vor
kurzem vielleicht die
wenigsten unter uns ge-
kannt. Wir haben zu
viel gesehen und zu viel
gewußtvoneinem andern:
dem älteren und altern-
den Künstler, der von
der Schwierigkeit des
allzuvielen Könnens ge-
drückt, Werke geschaffen
hat, die kein Hindernis,
keinen Kampf gegen die
Ausdrucksmittel kannten
und die deshalb keinen
Sieg mehr bedeuten. Die Werke aus der Zeit der
goldenen Frühreife waren in Privatsammlungen, zu großem
Teil im Auslande, versteckt, und auch die leitenden
öffentlichen Sammlungen Schwedens hatten nichts davon.
So starb Zorn. Vielleicht war es ein Zufall, daß man
in Stockholm, während die Kränze auf seinem Grabe
auf dem ländlichen Friedhofe zu Mora noch nicht ver-
welkt waren, eine Ausstellung von Gemälden aus seiner
besten Zeit bekam, die auf einmal alle Augen für die
Größe seiner Jugend öffneten. Nur zwölf Gemälde waren
da, eine kleine, mit erlesenstem Geschmack gewählte
Sammlung, die einmal dem Sänger Jean Baptiste Faure,
dem Freunde Zorns aus seiner Pariser Zeit, gehört
hatte. Jedes Werk ein Meisterwerk, alle aus der besten

Zorn: Margit
Aus der Sammlung Faure

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