Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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2 Novcmbcrheft

Den Kunfffammlee De. oon Pannuxte f

von

Adolph Donath

j n Argentinien ist Dr. Walter von Pannwitz gestorben.

Man kannte seinen Namen überall, in London, Paris,
Florenz, Amsterdam. Denn dieser Berliner Kunstsammler
War überallhin gekommen, hatte zu allen großen Kunst-
häusern seine Beziehungen gehabt. Und überall sprach
man von seinem scharfen Blick, seinem angeborenen
Kunstverstand.

Ihn hat der Krieg getötet. Sein einziger Sohn aus
erster Ehe war gefallen. „Ich bin völlig zusammen-
gebrochen“, schrieb mir Dr. v. Pannwitz nach Polen.
Und als die Revolution da war, fürchtete seine sonst so
hervorstürmende Herrennatur, daß man in sein Palais
eindringen und seine Kunstschätze rauben könnte. So
ließ er die Sammlung verpacken und dann ging er vor
knapp einem Jahre mit seiner Frau, einer kunstfreund-
lichen Argentinierin, nach deren großen argentinischen
Gütern. Ob er Berlin, das seine zweite Heimat wurde,
für immer verlassen wollte, weiß ich nicht.

Er war etwa 10 Jahre hier gewesen. War von
München hierher gekommen. Er hatte auch dort schon
eine Rolle gespielt, nicht bloß als Verteidiger, sondern
auch als Kunstsammler. Aus der ersten Auktion Georg
Hirth von 1898 waren viele Stücke in seine erste Samm-
lung gewandert. Als aber eines Tages sein Diener ein
paar von seinen Porzellanen „beim Abstauben“ beschä-
digte, entschloß er sich, wie er mir erzählte, kurzerhand,
seine Porzellane bei Helbing versteigern zu lassen. Das
War im Jahre 1905. Und von jener Auktion Pannwitz
an datiert — das ist nicht von der Hand zu weisen —
die große Preissteigerung auf dem Markt des alten Por-
zellans. Freilich, die hervorragendsten Stücke seiner
ersten Sammlung hatte sich Dr. von Pannwitz behalten:

sie bildeten den Grundstock seiner neuen Sammlung, die
während seines Berliner Aufenthalts einen geradezu groß-
artigen Umfang annahm.

Er war der Typus des internationalen Sammlers.
Scheute keine Mittel, das Kunstwerk, auf das er sich
versteifte, in seine Hand zu bekommen, doch er gab nur
dann die großen Summen, wenn er von der Qualität der
Dinge, die er kaufen wollte, fest überzeugt war. Da er
sich aber viel in der Welt umgesehen, da er Museen
und Privatsammlungen studiert hatte und auch die Lite-
ratur genau kannte, durfte er auch es sich Zutrauen, den
Kampf mit den erprobtesten Museumsfachmännern aufzu-
nehmen. Aber er ist, wie gesagt, eine Herrennatur ge-
wesen. Er vertrug keinerlei Einwände und wurde oft
fahl im Gesicht, wenn man ihm widersprach. Da ich
öfter in seinem Hause war, konnte ich seine Art beob-
achten. Ein „aber“ gab es da nicht. Und wenn man
mit Beweisen kam, führte er so kalt und ernst seine Ge-
genbeweise auf, daß man schwieg.

Er war überhaupt eine der ernstesten Sammlernaturen,
denen ich je begegnet bin. Und konnte auch gehörig
heftig werden, wenn ihm ein Wort nicht behagte. Als
ich einmal seinen aus der Madrider Sammlung Traumann
stammenden Gerard David „Madonna, dem Kinde die
Suppe reichend“ publizierte und den Preis andeutete,
den er gezahlt hat, geriet er so aus dem Häuschen, daß
seine Frau ihn beruhigen mußte, und er schien erst wie-
der dankbar, wenn man die Qualität irgendeines von
seinen Kunstwerken mit der Qualität eines ähnlichen
Museumstückes zu vergleichen suchte. Aber lachen habe
ich diesen ehern-ernsten Mann nur ein einziges Mal ge-
sehen. Wir standen vor einem holländischen Stilleben

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