Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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1. FebruarMeff

Dec Reidiskunltioact und die Kun(i

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Adolph Donatb

Ich möchte heute eine kleine Geschichte erzählen, die
* ich am 29. Januar 1921 erlebt habe. „Man“ war an
jenem Tage für 12 Uhr zur ersten Besichtigung der
Kirchner-Ausstellung geladen, die jetzt von der National-
galerie im Kronprinzenpalais veranstaltet wird. Ich kam
kurz nach 12. Ein Diener fragte: „Zum Vortrag?“ „Nein“,
sagte ich: „Zur Kirchner-Ausstellung“. „Ja, das ist

schon der Vortrag“, war die Antwort. Ich wußte nicht,
wie mir geschah, aber ich ging, in der Meinung, daß
der Mann geirrt haben könnte, nach jenem Saale der
ersten Etage, den man mir zeigte. Aber ehe ich ein-
treten wollte, zischte ein anderer Diener: „Pst! Der

Vortrag hat schon begonnen!“ Ich mußte also sämtliche
Fußspitzen zusammennehmen.

Der „Vortrag“ hatte wirklich begonnen. Der Saal
war, wie ein liebenswürdiger „Chronist“ sagen würde,
„dicht gefüllt“. Oben am Vortragstische stand Geheim-
rat Dr. Justi und wies auf die Handzeichnungsschätze
hin, die man jüngst in der Nationalgalerie gehoben hat,
und dann auf seine Bestrebungen, die junge Kunst in
größeren Ausstellungen vorführen zu wollen. All das,
was er sagte, mochte Hand und Fuß haben, aber, dachte
ich: „man“ ist zur Besichtigung der Kirchner-Ausstellung
geladen. Und plötzlich fiel mein Blick auf etliche gra-
phische Blätter Kirchners, die links an der Wand hingen.
Sollte das die „Ausstellung“ sein? In eben dem Moment,
da ich die Blätter schärfer „fixieren“ wollte, schloß der
Direktor der Nationalgalerie seine kurze Ansprache- und
erteilte das Wort dem „berufenen Interpreten“ der Kirch-
nerschen Kunst, dem Reichskunstwart Dr. Redslob.

Und der Reichskunstwart sprach . . . Und sprach
eine Stunde lang über Kirchner. Da der Reichskunst-

wart keinen Vorgänger hat, kann ich keine Vergleiche
ziehen, ich möchte aber feststellen, daß er sich in einer
Weise für seinen Freund Kirchner einsetzte, wie man so
etwas nur einem Maler-Genie gegenüber tut. Also er
sprach in Hyperbeln eine geschlagene Stunde. Und in
dieser Stunde belehrte er uns — es waren sehr erprobte
Männer der Kunstwissenschaft im Saale — über „die er-
rechnete Mechanik“ der Renaissance-Malerei und über
den „Raum“, dem der „Meister“ Kirchner er nannte
ihn immer nur „Meister“ — in seiner Kunst abhold ist.
Und er belehrte uns, daß Kirchner in seinem Schaffen
auf „die Zertrümmerung“ aller bisherigen Kunst ausginge
usw., und er ereiferte sich über die „kritische Akrobatik“
und über das „cholerische Publikum“. Man konnte das
Gefühl haben: Raffael und Tizian, Rembrandt und Ruis-
dael, Goya und Manet, Böcklin und Leibi, sind „Hunde“
gegen den knapp vierzigjährigen Kirchner.

Und dann tat der Reichskunstwart noch ein übriges,
er nahm eins von den graphischen Blättern von der
Wand und demonstrierte ad oculos seine Lehre von dem
„inneren Erleben“ des „Meisters“ und er ließ es sich
schließlich nicht nehmen, das „cholerische“ Publikum
noch in die zweite Etage zu führen, wo die Bilder und
Graphiken Kirchners in mehreren Sälen hängen. Von
dem „Leuchtturm“ sagte er: „Das ist das einzige Bild,
das beweist, daß die Erde rund ist.“

All dies war sicher sehr gut gemeint. Aber solche,
sagen wir äußerst temperamentvolle „Vorträge“ und
„Führungen“ können einem aufstrebenden Maler viel-
leicht eher schaden als sie ihm nützen. Ein aufstreben-
der Maler ist E. L. Kirchner zweifellos. Er hat Sinn
für die Farbe, zweifellos. Doch das ist vorläufig alles

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